AnlagebetrugProzess um Falschgold beginnt im Juni

Falschgold
Alles, was glänzt, ist Gold. Das zumindest haben die Verantwortlichen der BWF ihren Anlegern vorgegaukelt
© Antonios Mitsopoulos

Am Tag, als die Polizei ausrückt, wird Stephan R. nachmittags von einem aufgeregten Freund angerufen. „Hast du nicht auch in Gold investiert?“, fragt der. „Dann schalt mal das Radio an!“ Der 50-jährige R. hat schon seit Tagen ein schlechtes Gefühl im Bauch. Er hatte seine Ersparnisse bei einer Berliner Stiftung in Gold investiert. Jetzt hätte er die eingelagerte Reserve gern zurück, weil er sich selbstständig machen will. Die 85 000 Euro in Gold sollen das Startkapital sein. Immer wieder hat R. sich in den vergangenen Tagen mit der Stiftung in Verbindung gesetzt, doch auf seine Forderungen hat er statt des Goldes immer pampigere E-Mails bekommen. Als R. an diesem Tag schließlich die Nachrichten hört, ahnt er, dass sein Geld verloren ist.

Am frühen Morgen des 25. Februars 2015 ist die Berliner Polizei ausgerückt, um einen riesigen Tresorraum im Keller einer Villa in Zehlendorf zu filzen. Gegen 7 Uhr rollen mehrere Mannschaftswagen leise über das Kopfsteinpflaster des Königswegs, vorbei an den Anwesen, die sich hinter hohen Hecken verstecken. Sie halten vor der weißen Villa mit der Nummer 5. Vor der Tür wachen zwei steinerne Samurai mit Schwertern, ein hoher grüner Zaun soll ungebetene Gäste fernhalten.

Razzia: 120 Polizistren an 19 Objekten

Beamte verschwinden in dem Haus. Stunden später kommen sie wieder heraus, bepackt mit Ordnern und Computern und Wannen voller Goldbarren. Oder besser: mit dem, was sie für Goldbarren halten. An 19 Objekten in Berlin und Köln schlagen die Beamten zeitgleich zu. Ein Großeinsatz mit 120 Polizisten, begleitet von fünf Ermittlern der Bafin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht.

Nach einer anonymen Anzeige hatte die Bafin Ermittlungen gegen die Berliner Wirtschafts- und Finanzstiftung (BWF) und deren Netzwerk eingeleitet. Es geht um den Verstoß gegen das Kreditwesengesetz. Um ein unerlaubtes Einlagengeschäft. So lautet der Verdacht. Zu diesem Zeitpunkt ahnen die Beamten noch nicht, dass sie einem der spektakulärsten Anlagebetrugsfälle der vergangenen Jahre auf der Spur sind.

Prozess beginnt am 9. Juni

Ein Jahr später hatte die Berliner Staatsanwaltschaft Anklage gegen sechs Verantwortliche bei der BWF erhoben. Es ist nicht bei dem Verstoß gegen das Kreditwesengesetz geblieben. Die Anklageschrift umfasst 222 Seiten. Der Vorwurf lautet auf gewerbs- und bandenmäßigen Betrug. Bis zu zehn Jahre Haft drohen. Capital berichtete darüber in der April-Ausgabe. Laut Börse-Online hat das Gericht nun die Klage zugelassen. Erster Verhandlungstag sei der 9. Juni, es seien 52 Verhandlungstage bis hinein ins Jahr 2017 angesetzt.

Zwischen August 2011 und Januar 2015 hatte die BWF von rund 6 500 Kleinanlegern mehr als 57 Mio. Euro eingesammelt. Meist über Vermittler, die bis zu 20 Prozent Provision kassierten. In Hochglanzprospekten bewarb die Stiftung ihr Konzept. Anlegern bot sie an, Gold zu erwerben. Das Besondere: Das Gold sollte die BWF kostenfrei einlagern, um es dann nach einer vertraglich festgelegten Laufzeit zu einem garantierten Rückkaufpreis auszuhändigen – unabhängig vom Goldkurs. Bis zu 180 Prozent Rendite wurden garantiert. Die, behauptete die BWF, wolle sie erwirtschaften, indem sie Handel mit Juwelieren betrieb. Denn Juweliere, so die Mär, würden oft nicht schnell genug an Gold für ihren Schmuck kommen, weshalb sie bereit seien, mehr als den üblichen Goldpreis zu zahlen.

Das Produkt „Gold Standard“ bewarb die BWF als eine „gewinnbringende Alternative zu Fonds oder Sparbuch“. Die Argumente: der garantierte Rückkaufpreis von bis zu 180 Prozent des Investments. Kein Agio, keine Abschlussgebühren. Das Gold lagert in Deutschland. „Sie können es sich jederzeit ausliefern lassen.“ Kein Kursrisiko.

Mit den Ängsten der Anleger gespielt

„Die BWF hat bewusst mit den Ängsten der Anleger gespielt“, sagt der Berliner Anwalt Jochen Resch. Er warnte schon vor der Stiftung, lange bevor die Ermittler zuschlugen. „Das Angebot hat sich gezielt an Euroskeptiker gerichtet, an konservative Anleger, die sichere Sachwerte wollen“, sagt Resch. An Menschen, die Angst um ihr Erspartes haben. An Menschen wie Stephan R. eben.

„Es war die Zeit der Griechenland-Krise, als die Banken dort die Konten sperrten. Ich habe mich gefragt: ,Kann das auch bei uns passieren?‘“, sagt R. heute. Er hatte Aktien, Zertifikate und noch ein altes Sparbuch. Dann lernt R., der in Berlin lebt, über eine Freundin Marion Saik kennen. Sie ist die Frau von Gerald Saik, der als Kopf der BWF gilt.

Schnell ist R. mit den Saiks per Du. Er wird von ihnen zum Essen in ihre Wohnung eingeladen, er lernt Gerald Saiks Mutter kennen, den Sohn. Sie plaudern über Gott und die Welt und irgendwann auch über Gold. Er habe sich „einnebeln“ lassen, sagt R. heute. Saik prahlt damals gern damit, dass schon etliche Politiker bei ihm Gold gekauft und eingelagert hätten. Wegen der Eurokrise, er wisse schon.

Stephan R. vertraut dem Mann, den er als „grundsympathisch und solide“ beschreibt, als „bodenständig und entspannt“. Die Wohnung sei rustikal eingerichtet gewesen. Kein Prunk, kein Pomp. Saik habe die Aura eines Millionärs gehabt, der es nicht für nötig hielt, mit seinem Reichtum anzugeben. Stephan R. ahnt nicht, dass Saik noch bis 2011 in der Privatinsolvenz steckte, weil er sich mit Onlinepokergeschäften verzockt haben soll. Heute sagt er: „Saik ist ein brillanter Blender.“