ReportageProjekt Seidenstraße: Chinas neuer Plan

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Klingt gut. Doch an anderen Enden der Seidenstraße zeigt sich, dass China neben dem feinen auch das grobe Besteck der Macht nutzt.

Es gibt nicht viele Flughäfen, auf deren Zufahrtsstraßen vor wilden Elefanten gewarnt wird. Vielleicht ist der Mattala Rajapaksa International Airport im Süden von Sri Lanka sogar der einzige. Schutzzäune sollen die Dickhäuter fernhalten, die sich aus dem Dschungel der umliegenden Nationalparks hierher verirren. Normalerweise würde der Fluglärm die scheuen Tiere vertreiben. Bloß: Es gibt hier leider kaum Fluglärm.

Nur eine einzige Airline fliegt Mattala täglich an, Flydubai, eine Billiggesellschaft aus den Emiraten. Nur ab und an landet eine Maschine aus China oder Indonesien. Mehr als zwei Flüge pro Tag stehen so gut wie nie auf der Anzeigetafel. Inlandsflüge gibt es gar keine. Mattala gilt als der am schlechtesten ausgelastete internationale Flughafen der Welt.

Am Komfort liegt es nicht. Der Flughafen ist brandneu, er öffnete erst 2013. Lichte Abflughalle, glänzende Steinböden. Ähnlich sieht es 20 Kilometer entfernt aus, im Küstenstädtchen Hambantota. Den neuen Containerhafen laufen 20 bis 30 Schiffe pro Monat an, ein Wert weit unter seiner Kapazitätsgrenze.

Der Mattala Rajapaksa International Airport im Süden von Sri Lanka wurde 2013 eröffnet
Der Mattala Rajapaksa International Airport im Süden von Sri Lanka wurde 2013 eröffnet (Foto: Getty Images)

Ein Vierteljahrhundert lang hatte auf Sri Lanka ein Bürgerkrieg getobt. Als er 2009 ein äußerst brutales Ende fand, war die Infrastruktur der Insel weitgehend zerfallen – und der damalige Präsident Mahinda Rajapaksa international isoliert. „Wir brauchten nach dem Krieg Geld für unsere Entwicklung“, sagt der Ökonom Sidath Kalyanaratne, der die Forschungsabteilung der Entwicklungsbank von Sri Lanka leitet. „Außer China gab uns keiner etwas.“ Er fügt hinzu: „Wir hätten aber umsichtiger damit umgehen müssen.“

Präsident Rajapaksa war vor allem an der Entwicklung seiner Heimatregion gelegen, wo heute viele Großbauten seinen Namen tragen. Die Wirtschaftlichkeit der Projekte? Nachrangig. Auch den Kreditgeber China leiteten wohl andere Argumente. Erstens ging der Auftrag zum Bau des Containerhafens an chinesische Ingenieursfirmen. Zweitens liegt Hambantota an der Südspitze der Insel, wo eine der geschäftigsten Seehandelsrouten der Welt verläuft. Die maritime Seidenstraße. China baut hier gezielt Stützpunkte auf.

Schon Zheng He ging 1406 auf Sri Lanka an Land, auf der ersten seiner insgesamt sieben Reisen. Der legendäre Admiral, eine Art Kolumbus der chinesischen Seefahrt, segelte in einer Flotte von 60 Schiffen, mit 30.000 Mann an Bord. Er sah Indien, den Persischen Golf, Mosambik. Es war eine Zeit großer maritimer Macht, die endete, als in China ein neuer Kaiser den Thron bestieg, der das Interesse an der Außenwelt verlor und die Schatzflotte einmotten ließ.

Dass China im Jahr 2017 wieder im Indischen Ozean präsent ist, knüpft im kollektiven Gedächtnis an Admiral Zheng He an: ein kraftvolles Narrativ mit innenpolitischer Wirkung. Es macht die Chinesen stolz.

„Wir haben keine Absicht, in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einzugreifen, unser Gesellschaftssystem und Entwicklungsmodell zu exportieren oder anderen unseren Willen aufzuzwingen“, versichert Xi dem Forum in Peking. „Im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative werden wir nicht auf überholte geopolitische Spielchen zurückgreifen.“

Die Entwicklung auf Sri Lanka spricht eine andere Sprache. Das Land schuldet China inzwischen 8 Mrd. Dollar, was etwa einem Achtel seiner Außenstände entspricht. Große Tranchen werden in den kommenden Jahren fällig. 2015 geriet Sri Lanka in eine erste Zahlungskrise. Was tun? Das Land wandte sich an den IWF. Der gab ein Hilfspaket in Höhe von 1,5 Mrd. Dollar. Und verlangte als Gegenleistung Privatisierungen. Und so gehören heute 80 Prozent des Hafens von Hambantota der China Merchants Port Holdings, einem teilstaatlichen Konglomerat mit Sitz in Hongkong. Der Kaufvertrag beinhaltet, dass das Unternehmen im Hinterland des Hafens eine Sonderwirtschaftszone entwickeln darf, auch ein Kreuzfahrtterminal ist geplant. Diese Erweiterungen könnten Hambantota endlich profitabel machen – nur jetzt eben zum Wohle der chinesischen Mehrheitseigner.

Von Mao stammt der Ausspruch, die politische Macht komme aus den Gewehrläufen. Unter Xi kommt sie aus den Betonmischern. Denn Sri Lanka ist kein Einzelfall. Ob etwa das kleine Laos mit seinem BIP von knapp 16 Mrd. Dollar wirklich so sehr von einer neuen Schnellbahntrasse profitieren wird, dass es eine Investition von 6 Mrd. Dollar rechtfertigt? Ende 2016 war Baubeginn. Laos zahlt nicht die gesamten Baukosten, musste aber trotzdem Kredit aufnehmen. Der Geber? Chinas Eximbank. Der IWF hat Laos bereits vor Überschuldung gewarnt.

Die Mosaiksteine erkennen

Peking kann es recht sein. Der Abschnitt schließt eine Lücke zwischen Singapur und der chinesischen Provinz Yunnan. Die Technologie, die Baufirma: aus China, genau wie fast alle Bauarbeiter, von denen hier bis zu 100.000 beschäftigt werden sollen. Und sollte Laos in Zahlungsverzug geraten, findet sich möglicherweise ein Interessenausgleich: Das Land hat keinen Küstenzugang und keine eigenen maritimen Interessen. Im Kreis der ASEAN-Staaten hält Laos seinem Gläubiger China schon jetzt den Rücken frei, wenn es um dessen umstrittene Besitzansprüche im Südchinesischen Meer geht.

Selbst in Europa genießt China mittlerweile einen Einfluss, den es ohne OBOR nicht hätte. So brachte die EU im Juni keine gemeinsame Position zu Chinas Menschenrechtsbilanz zuwege. In der Vergangenheit hatten es die Europäer wiederholt scharf verurteilt, dass unter Xi Dissidenten verfolgt werden, sie waren stolz auf ihre klare Sprache. Diesmal aber wollte ein Mitgliedsland partout nicht zustimmen: Griechenland. Ein Schelm, wer dabei an Captain Fu und den Hafen von Piräus denkt.

Xi Jinping hat recht: One Belt, One Road ist Chinas Projekt des Jahrhunderts. Ein Zug kommt in Duisburg an. In Peking wird eine Entwicklungsbank gegründet. Ein griechischer Hafen wird saniert, ein anderer auf Sri Lanka von einem chinesischen Konglomerat übernommen. In Laos entsteht eine Schnellbahntrasse. Versprengte Ereignisse?

Eher Mosaiksteine, die sich zu einem Gesamtbild fügen, zu Chinas großem Ziel, in einem Netzwerk um den Erdball die Schaltstellen der Weltwirtschaft zu kontrollieren.

„Weltherrschaft“ ist eine Vokabel für James-Bond-Filme. Aber China strebt nach Hegemonie. Xi will die Restauration des Reichs der Mitte.

Im vergangenen Jahr reiste ein Bundesminister nach China. Im Regierungsflieger fragte jemand, wie sich die außenpolitischen Strategien Deutschlands und Chinas voneinander unterscheiden. Die Antwort des Ministers: „China hat eine.“