ReportageProjekt Seidenstraße: Chinas neuer Plan

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Als Xi Jinping 2014 zum ersten Mal Deutschland besuchte, äußerte er einen überraschenden Wunsch: Er wolle Duisburg sehen. Um genauer zu sein, den Güterbahnhof im Duisburger Hafen, dem größten Binnenhafen Europas.

Der Wunsch ging in Erfüllung. In Duisburg begrüßte Xi ein kostümiertes Empfangskomitee, das seidene Drachen neben einer mit Girlanden dekorierten Lokomotive schwenkte. Der zugehörige Zug war 16 Tage lang unterwegs gewesen und hatte 10.300 Kilometer zurückgelegt. Losgefahren war er in Chongqing, am anderen Ende der Seidenstraße. Die neu eingerichtete Bahnverbindung ist halb so teuer wie Luftfracht und doppelt so schnell wie der Seeweg. So strategisch denkt China: In Duisburg ist das Ende einer Bahnstrecke, die im eigenen Land beginnt.

In Duisburg begrüßte Xi (M.) die Lokomotive, die den weiten Weg aus China gemacht hatte
In Duisburg begrüßte Xi (M.) die Lokomotive, die den weiten Weg aus China gemacht hatte (Foto: Getty Images)

Von Amsberg, der deutsche Banker an der Spitze der AIIB, wirkt beschwingt, wenn er über seine neue Aufgabe spricht. „Die Gelegenheit habe ich mit großer Freude ergriffen und es bis heute keinen Tag bereut“, sagt er. „Es macht einfach Spaß, eine neue Institution aufzubauen.“

„Institution Building“ – dieser Begriff fällt für gewöhnlich, wenn irgendwo die Ordnung zerfallen ist und wiederaufgebaut werden muss. Hier ist es anders: China schafft sich eine eigene, alternative Ordnung. Vom Westen weitgehend unbeachtet werkelt die Volksrepublik an einem internationalen System, dessen entscheidende Stellen sie selbst besetzt.

Neben der AIIB wäre da etwa die Shanghai Cooperation Organisation (SCO). China, Russland, eine Reihe zentralasiatischer Staaten und – seit ihrem Beitritt im Juni 2017 – auch Pakistan und Indien besprechen in dieser Runde sicherheitspolitische Fragen. Es geht vor allem um den Kampf gegen den Terrorismus.

Manchmal wird die SCO als „Anti-NATO“ apostrophiert. Das ist irreführend, denn sie ist kein Militärbündnis, erst recht keins mit Beistandspflicht. Eher handelt es sich um die Keimzelle einer asiatischen Sicherheitsarchitektur, bei der weder die USA noch ihre Verbündeten als Beobachter dabei sind.

US-Rückzug aus TPP spielt China in die Hände

Auch im Handel zeichnen sich institutionelle Verschiebungen ab. Donald Trump hat den Chinesen ein Riesengeschenk gemacht, als er drei Tage nach Amtsantritt den Rückzug der USA aus dem transpazifischen Freihandelsabkommen TPP ankündigte. Barack Obama hatte dessen Vorzüge einst so begründet: „TPP erlaubt es den USA und nicht Ländern wie China, die Verkehrsregeln des 21. Jahrhunderts zu schreiben.“

Nach dem Exit der USA können nun gleich die Verkehrszeichen neu aufgestellt werden. China sieht die Chancen für seine eigene Freihandelszone deutlich gestiegen. Die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) wird seit 2013 verhandelt, noch 2017 soll der Abschluss kommen. Neben China sind die zehn südostasiatischen ASEAN-Staaten dabei, außerdem Japan, Südkorea, Indien, Australien und Neuseeland. 3,5 Milliarden Menschen, die 2016 rund 31 Prozent des weltweiten BIP erwirtschafteten. Kommt RCEP, wäre es die größte Freihandelszone der Welt.

TPP sollte Investitionen absichern, geistiges Eigentum schützen, Dienstleistungen regulieren. RCEP dagegen will in erster Linie Handelsbarrieren wie Zölle beseitigen, Umwelt- oder Arbeitsstandards spielen eine Nebenrolle. Das Abkommen ist auf Chinas Bedürfnisse ausgerichtet, nicht die des Westens: Chin-Norm statt DIN-Norm, wenn man so will.

Mit Blick auf seine Bank drückt es AIIB-Vize von Amsberg etwas positiver aus: „Die Tatsache, dass China eine multilaterale Institution schaffen kann – und das bisher auch ausgesprochen gut läuft –, das schafft Vertrauen und stärkt das multilaterale System. Weil dieses System jetzt weniger davon abhängt, ob die USA da weiterhin führend tätig sind. Es funktioniert auch, wenn ein anderes Land die Führungsrolle übernimmt.“