ReportageProjekt Seidenstraße: Chinas neuer Plan

Seite: 4 von 6
Die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank nahm Anfang 2016 die Arbeit auf
Die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank nahm Anfang 2016 die Arbeit auf (Foto: Getty Images)

Financial Street, Xicheng-Distrikt, Peking. Das elegante Hochhaus mit der Nummer B9 hat seit einiger Zeit einen neuen Mieter. Noch ist das Unternehmen eher ein Start-up, seine gerade mal 100 Mitarbeiter belegen nur eine einzige Etage. Doch weil es jetzt schon so viel Prestige verspricht, haben sie den Firmennamen ganz oben an der Fassade befestigt. Da steht in roten Lettern: AIIB. Die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank.

Aus dem Eckbüro im 15. Stock geht der Blick hinaus auf die Türme des Pekinger Bankenviertels. Joachim von Amsberg kommt herein: schlank, graue Schläfen, entspannter Gestus. Der Deutsche hat 25 Jahre lang bei der Weltbank gearbeitet. Heute ist er Vizepräsident der AIIB, zuständig für Politik und Strategie.

Anfang 2016 legte die Bank los. „Wir sind eine Organisation, die ganz gezielt die Finanzierung von Infrastrukturprojekten sicherstellen soll“, erklärt von Amsberg. „Die Weltbank beispielsweise finanziert sehr viele Politikreformen, das haben wir nicht vor.“

Schon lange stört es die Chinesen, dass die wichtigsten multilateralen Finanzinstitutionen von ihren Rivalen dominiert werden: der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank von Amerikanern und Europäern, die Asiatische Entwicklungsbank von den Japanern. Dieses Ungleichgewicht erschwert die Durchsetzung ihrer eigenen Agenda. Von Amsberg: „Also sagten sich die Chinesen: Jetzt versuchen wir es mal selbst. Und schauen, ob wir hier eine multilaterale Bank aufbauen können, in der wir eine führende Rolle spielen.“

Die USA waren konsterniert. Eine Entwicklungsbank, in der China der Boss ist? Lasst die Finger davon, mahnten sie ihre Verbündeten. Ohne Erfolg: Zu den mittlerweile 77 Mitgliedern gehören auch Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Sie machen mit, weil die Umwelt- und Sozialstandards der AIIB nicht niedriger sind als bei anderen multilateralen Gebern – und weil die Bank darauf beharrt, dass Ausschreibungen allen Unternehmen weltweit offen stehen.

Tastenden Schrittes den Fluss überqueren

Das ändert nichts daran, dass die Volksrepublik die Institution dominiert: Sie hat das meiste Kapital eingezahlt und verfügt über 28 Prozent der Stimmen. Um eine Grundsatzentscheidung zu blockieren, reichen 25 Prozent, da geht gegen Peking nichts. Und natürlich sitzt auch auf dem Chefsessel ein Chinese: Bankpräsident Jin Liqun.

Die AIIB wird in zwei Jahren 20 Mrd. Dollar Cash in der Kasse haben, eingezahlt von ihren Mitgliedern. „Wir ermöglichen es Privatanlegern, unsere Anleihen zu kaufen“, sagt von Amsberg. „So werden wir unser Kapital verfünffachen.“ 100 Mrd. Dollar – mehr als passabel, selbst verglichen mit der mächtigen Weltbank, die auf 240 Mrd. Dollar kommt.

Aber immer noch ist es nur ein Bruchteil jener 1000 Mrd. Dollar, die China für das Seidenstraßenprojekt anpeilt. Peking wird dafür noch eine Reihe anderer Quellen anzapfen. So wurde 2014 eigens ein mit 40 Mrd. Dollar ausgestatteter Seidenstraßenfonds gegründet, und auf dem OBOR-Forum verspricht Xi, weitere 14,5 Mrd. Dollar in diesen Topf zu stecken. Die Staatsbanken CDB und Export-Import Bank of China (Eximbank) haben Reuters zufolge bereits Kredite in Höhe von 200 Mrd. Dollar vergeben, weitere 55 Mrd. Dollar sind angekündigt. Dazu sollen private Gelder eingeworben werden. Wie das ablaufen könnte, ließ sich im Mai erahnen. Wenige Tage vor dem Pekinger Seidenstraßenforum war die chinesische HNA-Gruppe zum größten Anteilseigner der Deutschen Bank aufgestiegen. Zwei Wochen danach verkündeten die Frankfurter, sie würden gemeinsam mit der CDB 3 Mrd. Euro für Seidenstraßenprojekte zur Verfügung stellen.

Ob die Gesamtsumme je zusammenkommt, weiß trotzdem niemand. Die Chinesen ficht das nicht an. Sie legen einfach los, gemäß der alten chinesischen Weisheit: tastenden Schrittes den Fluss überqueren.

Die AIIB, betont von Amsberg, empfange keinerlei Weisungen der chinesischen Regierung. „Wir haben das Mandat, in Infrastruktur in Asien zu investieren“, sagt er dann. „Das überlappt sich natürlich mit dem Mandat von One Belt, One Road.“

Bisher hat die Bank 13 Projekte kofinanziert. Darunter eine Gaspipeline vom Kaspischen Meer bis nach Südeuropa, Stromnetze in Bangladesch, ein privates Gaskraftwerk in Myanmar, eine Straße, die Tadschikistan mit Usbekistan verbindet, die Erweiterung eines Staudamms in Pakistan. Die neue Seidenstraße nimmt Form an. Und einer ihrer Ausläufer reicht sogar bis nach Nordrhein-Westfalen.