ReportageProjekt Seidenstraße: Chinas neuer Plan

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Chinas neue Geoökonomie

Wo andere Großmächte Geopolitik betreiben, betreibt China Geoökonomie. Peking investiert dort, wo sonst kaum jemand hingeht.

Wer traut sich zum Beispiel an ein Land wie Pakistan heran? Fast nur die Chinesen, die dort einen ganzen Wirtschaftskorridor entwickeln, Straßen- und Eisenbahnverbindungen bis ins westchinesische Kaschgar bauen, dazu Kraftwerke und den Tiefseehafen Gwadar am Arabischen Meer. Wer investiert zum Beispiel in einem Land wie Myanmar? Wieder die Chinesen, die vom neuen Ölterminal Kyaukpyu am Golf von Bengalen zwei Pipelines ins chinesische Anning gelegt haben.

Für China ist das aus vielen Gründen hoch attraktiv. Oft bauen chinesische Unternehmen die Projekte, mit chinesischen Arbeitern und chinesischen Materialien. Das bringt nicht nur Jobs und Umsätze, sondern auch Abnehmer – für Chinas Überkapazitäten bei Stahl und Zement, für Chinas Technologien, etwa bei Schnellzügen oder Kraftwerken. Und wer Marktführer ist, definiert die Standards. Die Wartungsverträge übernehmen die Chinesen auch gerne.

Durch das chinesische Ruili wird Erdöl von Myanmar bis nach Anning gepumpt – dort sitzt Chinas Petroindustrie
Durch das chinesische Ruili wird Erdöl von Myanmar bis nach Anning gepumpt – dort sitzt Chinas Petroindustrie (Foto: dpa)

Zudem verschafft OBOR China die Luft, die das Land braucht, um seine Wirtschaft umzubauen. Grün, smart, digital soll sie werden, mit Roboterlaboren statt Kohleminen, mit E-Autos statt billiger Elektronik. „Made in China 2025“ nennt sich diese Politik. Um die Wertschöpfungskette hinaufzuklettern, haben Chinas Unternehmen zuhauf Wettbewerber im Ausland gekauft, auch in Deutschland. Doch die Transformation dauert. Hilfreich, wenn man derweil die alten Wachstumstreiber ins Ausland exportieren kann. So kauft sich China Zeit.

Nicht zuletzt werden die neuen Verkehrswege die benachbarten Märkte erschließen. In Europa führten einst alle Wege nach Rom. In Asien führen sie künftig nach Peking.

Einer dieser Wege beginnt jetzt mit einem europäischen Brückenkopf: Piräus. Auch in Griechenland wollte kaum jemand sein Geld stecken – außer eben die Chinesen. Und die haben dort weit mehr vor, als nur ein Containerterminal zu betreiben.

Das offenbarte sich spätestens 2013, als Premier Li Keqiang den Hafen besuchte – und en passant ein Partnerschaftsabkommen mit Athen abschloss. Der chinesische Mobilfunkgigant Huawei, hieß es darin, solle eines seiner Logistikdrehkreuze in Griechenland aufbauen, zudem werde die chinesische Entwicklungsbank CDB die klamme Regierung in Athen bei der Privatisierung griechischer Staatsunternehmen „unterstützen“. Kaum vorstellbar, dass dabei nicht chinesische Unternehmen zum Zug kommen könnten.

In Piräus brummt der Betrieb. „Die Schifffahrtsbranche ist zufrieden damit, wie Cosco den Hafen betreibt“, sagt Vassilis Korkidis, der Chef der örtlichen Handelskammer. „Es gibt kaum noch Streiks, die Frachter werden pünktlich abgefertigt, das Geschäft wächst. Cosco hat den Hafen revitalisiert.“

Die Griechen sind zufrieden

Wie Korkidis denken mittlerweile viele Griechen. Schließlich ist Piräus eine der wenigen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten, die das Land zu erzählen hat. Dass Cosco dabei im Dienst der Volksrepublik die Kontrolle über den geostrategisch vielleicht wichtigsten Ort der Nation übernommen hat, nehmen sie schulterzuckend hin.

Genau das ist der Grund, warum sich die ausländischen Regierungschefs auf dem OBOR-Forum so um die Gunst Pekings bemühen: Alle wollen ein Stück vom großen Kuchen. Obwohl sie natürlich wissen, dass die Chinesen an ihren eigenen Vorteil denken. Aber warum sollte man ihnen das ankreiden, wenn sie gleichzeitig die Wirtschaft ihrer Gastländer ankurbeln? „Was wir zu erreichen hoffen, ist ein neues Modell der Win-win-Zusammenarbeit“, sagt Xi. Vielleicht stimmt das ja.