ReportageProjekt Seidenstraße: Chinas neuer Plan

In Pakistan wird ein Tunnel durch das Karakorum-Gebirge gebaut – als Teilstück der Fernstraße nach China
In Pakistan wird ein Tunnel durch das Karakorum-Gebirge gebaut – als Teilstück der Fernstraße nach ChinaGetty Images

Vielleicht ist es nur die Hitze der Scheinwerfer, die Xi Jinping einen feinen Schweißfilm aufs Gesicht legt. Andererseits ist heute ein wichtiger Tag für Chinas Präsidenten. Xi steht am Rednerpult, die Bühne ist mit Hunderten roten Blumen geschmückt. Im Saal zu seinen Füßen sitzen Repräsentanten von 130 Staaten, darunter Putin, Erdogan, Tsipras, Orban, Duterte. Alle sind sie eigens nach Peking gereist, um Xi und seine wichtigste Initiative zu feiern – oder wie er selber es an diesem Morgen im Mai ausdrückt: das „Projekt des Jahrhunderts“.

Um ihre Gäste zu beeindrucken, haben die Chinesen nichts dem Zufall überlassen. Schon Tage zuvor wurden Kraftwerke und Fabriken abgeschaltet, damit kein Smog den blauen Himmel über Peking verschleiert. Frisch angelegte Blumenbeete sind überall zu sehen, im Diplomatenviertel Sanlitun haben sie sogar Palmen gepflanzt – in einer Stadt, in der es im Winter bis zu minus 15 Grad kalt wird.

Alle paar Meter wachen Polizisten am Straßenrand, um neugierige Bürger abzuwimmeln, die sich die Hälse verrenken nach den Staatskarossen mit den bunten Standarten. Seit den Olympischen Spielen 2008 hat Peking keine Show dieser Dimension mehr erlebt. Vorhang auf für das „Belt and Road Forum for International Cooperation“.

Belt and Road oder in Langform: „One Belt, One Road“ oder ganz kurz: OBOR. Ein Gürtel, eine Straße. Der Name so sperrig, wie es sich für Technokratenchinesisch gehört. Gemeint sind eine Vielzahl an Bauprojekten zu Land sowie eine Schifffahrtsstraße zur See, die zusammen wie ein Gürtel die Erd- und Wassermassen Eurasiens verbinden sollen.

2013 erstmals vorgestellt, ist OBOR das größte Infrastrukturprogramm aller Zeiten – und gleichzeitig Chinas geostrategischer Masterplan, mit dem es die Weltwirtschaft neu ordnen will. 1000 Mrd. Dollar sollen nach dem Willen Pekings in neue Eisenbahnstrecken, Pipelines, Kraftwerke, Straßen und Häfen fließen – ein Netzwerk von Java bis Kasachstan, von Dschibuti bis Duisburg.

Vom Erfolg des Projekts hängt ab, wie die Geschichte über Xi urteilen wird. Gelingt es ihm, China wieder zu einem Land zu machen, dessen Macht und Ansehen an die besten Tage der Kaiserzeit heranreichen, zum sprichwörtlichen Reich der Mitte, zum Zentrum der Welt? Denn nicht weniger ist sein Ziel.

Die Chinesen versprechen eine „neue Seidenstraße“ – angelehnt an die antike Handelsroute, die jahrhundertelang Zentralasien, den Nahen Osten und Europa verband und erst nach 1514 in Vergessenheit geriet, als portugiesische Händler China auf dem Seeweg erreichten.

Wer das Schlagwort von der neuen Seidenstraße hört, wird an Kamelkarawanen denken, die Stoffe und Gewürze durch die Wüste schaukeln, oder an Marco Polo, der auf dem Rückweg aus China angeblich die Nudel nach Italien mitbrachte. Genau das ist die propagandistische Stärke des Begriffs: Er klingt aufregend, nicht beängstigend, nach einer Abenteuerreise, an deren Ende Ruhm und Reichtum winken. Fragt sich nur, für wen.