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Faktencheck zum Scholz-Machtwort Pro und Contra: Braucht Deutschland die letzten drei Atomkraftwerke?

Das Kernkraftwerk Emsland in Niedersachsen ist eines der drei letzten aktiven Kernkraftwerke in Deutschland 
Das Kernkraftwerk Emsland in Niedersachsen ist eines der drei letzten aktiven Kernkraftwerke in Deutschland 
© IMAGO / Hans Blossey
Die letzten drei deutschen Kernkraftwerke bleiben bis zum 15. April am Netz. Einige fordern bereits eine Verlängerung der Laufzeiten über das Frühjahr 2023 hinaus. Was spricht für und was gegen den Weiterbetrieb der letzten drei deutschen Kernkraftwerke?

Haben wir in Deutschland ein Problem mit der Netzstabilität? Und was können die drei AKW daran ändern?
Um das Stromnetz stabil zu halten und Blackouts zu vermeiden, müssen Stromverbrauch und -einspeisung immer genau in Einklang gebracht werden. In Deutschland allerdings haben wir – schon lange vor der aktuellen Krise – das Problem, dass im Norden bei hoher Windverfügbarkeit viel Strom produziert und vergleichsweise wenig nachgefragt wird, während im Süden einer großen Nachfrage tendenziell weniger Produktion gegenübersteht. „Besonders im Winter, wenn im Norden viel Wind weht, und im Süden die Nachfrage steigt, reicht die Leitungskapazität zwischen Nord- und Süddeutschland nicht aus, um dieses Gefälle auszugleichen“, erklärt Mirko Schlossarczyk, Partner bei der Energieberatungsfirma Enervis. Im Norden könne das dazu führen, dass Windkraftanlagen abgeschaltet werden müssen. „Im Süden aber kann es schlimmstenfalls zu Versorgungsengpässen kommen“, sagt Schlossarczyk. „Der Weiterbetrieb der Kernkraftwerke Neckarwestheim und Isar II, die genau in dem kritischen Netzgebiet liegen, hilft solche Engpässe zu vermeiden.“ Durch die Diskussion um die Kernkraftwerke ist nach Ansicht von Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Energy Brainpool, allerdings ein wichtiger Aspekt vernachlässigt worden: „Wir hätten uns besser auf Einsparungen beim Verbrauch konzentriert.“

Was ist mit dem Kernkraftwerk im Emsland?
Das Kraftwerk in Lingen liegt im Emsland in Norddeutschland, wo es im Winter eher zu viel als zu wenig Strom gibt. Darüber, ob es dennoch sinnvoll ist, den Reaktor diesen Winter weiterlaufen zu lassen, sind sich die Experten uneinig. „Das KKW Emsland hilft für die Netzstabilität gar nicht“, sagt Federico. Schlossarcyk hält dagegen Szenarien für denkbar, „in denen auch dieses Kraftwerk für Entlastung auf dem Strommarkt sorgt, etwa wenn wenig Wind weht oder sich die Situation im französischen Kraftwerkspark nicht deutlich bessert“. Dabei gehe es „ganz klar um Risikominimierung angesichts möglicher Versorgungsengpässe“.

„Verstopft“ das AKW Emsland das Stromnetz für klimafreundlichen Windstrom?
Um das Stromnetz stabil zu halten, muss bei „nicht idealen Netzflüssen gegengesteuert“ werden, erklärt Federico. In Norddeutschland bedeutet das, dass Windkraftanlagen abgeschaltet werden, wenn sie mehr Strom produzieren würden als benötigt wird oder durch das Netz weitertransportiert werden kann. Auch hier ist das zentrale Problem die fehlende Transportkapazität nach Süddeutschland. „Wenn dann noch zusätzlich das AKW Emsland Strom produziert, hilft das nicht“, konstatiert Federico. Schlossarcyk sieht das etwas anders: Zwar steige durch eine höhere Stromproduktion in gewissen Netzregionen die Wahrscheinlichkeit, dass bei hoher Windverfügbarkeit in einigen Situationen Windkraftanlagen abgeschaltet werden müssen. „Allerdings steht der Aspekt des Klimaschutzes in der aktuellen Krise hinter dem Aspekt der Risikominimierung und der Netzsicherheit etwas zurück“, meint der Experte. 

Hilft der Weiterbetrieb der AKW, signifikant Gas bei der Stromproduktion einzusparen?
Modellrechnungen der Experten kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Atomkraftwerke könnten bis zum 15. April helfen, etwa sechs Terrawattstunden Gas einzusparen. Das ist weniger als zwei Prozent des deutschen Gesamtverbrauchs. Zu wenig, um etwa den Gaspreis signifikant zu beeinflussen. 

Wirkt sich der zusätzliche Atomstrom auf den Strompreis aus?
„Die Atomkraftwerke dürften zumindest die besonders ineffizienten und damit teuren Gaskraftwerke vom Markt “, sagt Schlossarcyk. Insgesamt prognostiziert Enervis eine moderate Senkung des Großhandelspreises um etwa 6 Euro beziehungsweise 2,5 Prozent im Jahresmittel 2023 gegenüber einem Szenario ohne Laufzeitverlängerung. Das entspricht etwa den Berechnungen von Brainpool eines Effekts von rund 1 Cent brutto pro Kilowattstunde für die Verbraucher. „Das ist bei Preisen von aktuell rund 40 Cent netto, bewegt aber nicht die Nadel“, bilanziert Federico.

Haben die Betreiber überhaupt genug Brennelemente?
Ja, knapp. „Die Anlage kann mit dem vorhandenen Brennstoff bis zum 15. April betrieben werden, allerdings mit zunehmend verminderter Leistung“, sagt RWE zu seinem Reaktor im Emsland. Isar 2 kann nach Angaben von Eon mit den vorhandenen Brennelementen bis März 2023 laufen. Für Neckarwestheim gilt laut EnBW: Eine Stromproduktion bis zum 15. April 2023 ist mit den vorhandenen Brennelementen grundsätzlich machbar. „Eine Stromproduktion über das zweite Quartal 2023 hinaus ist mit den vorhandenen Brennelementen allerdings ausgeschlossen.“

Wie sieht es mit dem notwendigen Fachpersonal in den schon seit Jahren zur Abschaltung vorgesehenen Kraftwerken aus?
Die notwendige Personaldecke sei gesichert, erklärt Eon. Es hätten sich einige Mitarbeiter bereiterklärt, nicht in den Vorruhestand zu gehen, sondern für den Weiterbetrieb noch zur Verfügung zu stehen. Auch EnBW kann nach eigenen Angaben auf sein erfahrenes Personal setzen. Dies stehe zur Verfügung, weil man den Mitarbeitern bereits vor über zehn Jahren nach dem Beschluss zum Atomausstieg eine langfristige berufliche Perspektive aufgezeigt und eine Beschäftigungsgarantie gegeben habe. Die gleichen Mitarbeiter würden auch für den Abriss der Kernkraftwerke benötigt, weil ihr kerntechnisches Know-how auch für den Rückbau sehr viel wert sei.

Liegt das eigentliche Problem nicht in Frankreich, wo ein Großteil der Kernkraftwerke wegen verschiedener Probleme nicht am Netz ist?
Laut Federico ist das nicht der Grund, die AKW weiterzubetreiben. Die deutschen Kernkraftwerke könnten Frankreich ein bisschen helfen. „Aber wenn es kalt ist, exportieren wir etwa 14 Gigawatt Leistung. Das KKW Emsland zum Beispiel hat eine Leistung von 1400 Megawatt, der Anteil der KKW ist also nicht groß.“ Schlossarczyk erläutert: „Frankreich ist ein großer Faktor auf dem europäischen Strommarkt und in der aktuellen Krise - aber nicht der einzige.“ Im Winter ist Frankreich regelmäßig auf Stromimporte angewiesen, auch Netzabschaltungen sind dort nicht ungewöhnlich. „Kritisch ist das im Moment, weil es auf Probleme in Deutschland trifft, wo Grundlastkraftwerke nicht in ausreichendem Maße am Netz sind und das Gas derzeit extrem teuer ist“, so Schlossarczyk.

Müssen wir fürchten, dass der nächste Winter noch schwieriger wird?
In Bezug auf Energieengpässe rechnet Federico zwar nicht mit größeren Problemen im Winter 2023/24. Bis dahin werde Deutschland ausreichend Flüssiggas importieren können. „Aber die Gefahr von Sabotage kritischer Infrastruktur wächst“, warnt der Energy-Brainpool-Chef - „umso mehr, je besser wir durch den Winter kommen“. Enervis-Experte Schlossarczyk dagegen sieht die Gasversorgung für den nächsten Winter noch nicht gesichert. „Wenn man davon ausgeht, dass wir absehbar kein Gas aus Russland erhalten, könnte es herausfordernd werden, die notwendigen Speicherfüllstände vor dem Winter 23/24 zu erreichen“, warnt er. Es seien zumindest Worst-Case-Szenarien denkbar, in denen die Stromversorgung in Deutschland im kommenden Winter nicht komplett gesichert sei, eben weil auch die Windverfügbarkeit gering sei oder sich die Situation in Frankreich wiederhole. 

Schlossarczyk hält es daher für „nicht unrealistisch“, dass es eine Diskussion über den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke über den 15. April hinaus geben wird. „Allerdings ist das viel komplizierter als der jetzt beschlossene Streckbetrieb über ein paar Monate.“ Die Betreiber müssten frühzeitig entsprechende neue Brennelemente bestellen. Wenn diese Brennstäbe einmal in Betrieb genommen wurden, könne man diese nicht einfach abstellen. „Dann müssen diese etwa vier Jahre in den Reaktorkernen verbleiben und Strom produzieren“, erklärt Schlossarcyk. „Im Übrigen wäre dafür auch eine Änderung des Atomgesetzes notwendig, was nicht nur die Grünen, sondern auch die SPD bisher kategorisch ablehnen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf ntv.de 

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