VersicherungPKV-Beiträge: Was Versicherte tun können

Um die absehbaren Wutanfälle zu dämpfen, versuchten es die PR-Strategen der privaten Krankenversicherer (PKV) in diesem Jahr mit einem kontrollierten Schock. Bereits Ende September ließen sie via „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ durchsickern, dass die Beiträge für sechs der knapp neun Millionen Privatversicherten zum Jahresanfang sprunghaft ansteigen werden. Erwartungsmanagement nennt man so was.

Ob die Methode wirkt, werden die kommenden Wochen zeigen. Inzwischen haben die meisten Privatversicherten mit der Post ihre persönliche Prämienrechnung für 2017 erhalten – und wissen nun auf Euro und Cent genau, was ab Januar finanziell auf sie zukommt: meist ein saftiger Aufpreis.

Die aktuelle Beitragsrunde gilt als eine der teuersten seit Langem. Im Schnitt steigen die Prämien um elf Prozent, das entspricht in vielen Fällen einem monatlichen Plus von 50 bis 80 Euro. Es kann auch härter kommen: „In der Spitze ist ein Plus von 20 oder 30 Prozent durchaus realistisch“, sagt Gerhard Reichl, PKV-Experte bei der Kölner Ratingagentur Assekurata. Einen Vorgeschmack lieferte in diesem Frühjahr die DKV, die ihren Versicherten Tarifsteigerungen von bis zu 130 Euro in Rechnung stellte.

Die Prämiensprünge treffen vor allem Ältere ab 50 Jahren hart, deren Monatsbeitrag oft jetzt schon auf einem Niveau von 600 bis 800 Euro liegt. Die üblichen Beitragssteigerungen von vier bis fünf Prozent pro Jahr nehmen viele Versicherte noch hin. Die anstehenden Aufpreise sind jedoch erheblich schmerzhafter und lösen die bange Frage aus: Was, wenn das so weitergeht?

Versicherer stehen bei ihren Kunden im Wort

Die Antwort heißt: Beweglich bleiben! Ein privater Krankenschutz ist relativ flexibel – und eröffnet Chancen für einen Tarifumstieg in der eigenen Gesellschaft. Mit dem gesetzlich verbrieften Wechselrecht können fast alle Versicherten ihre Prämie drücken, ohne ihr angespartes Alterspolster aufzugeben.

Jahrelang blockten viele Krankenversicherer solche Versuche nach Kräften ab. Seit Jahresbeginn hat sich jedoch ein Großteil von ihnen auf „Leitlinien für einen kundenorientierten Tarifwechsel“ verpflichtet – und steht nun bei den Kunden im Wort. Beim Bearbeitungstempo sind erste Verbesserungen bereits erkennbar, wie Capital in einer Umfrage unter den 25 teilnehmenden Gesellschaften ermittelte. Während Kunden nach einer Anfrage zum Tarifwechsel früher oft wochenlang auf Antwort warten mussten, reagieren heute 18 der befragten Anbieter nach eigenen Angaben binnen acht Arbeitstagen. Viele sind noch schneller.

Marktbeobachter wie der unabhängige Versicherungsberater Stefan Albers bestätigen das forschere Tempo: „Ich war wirklich baff: Bei Versicherern, wo früher nichts ging, läuft es jetzt.“ Albers lotst Mandanten regelmäßig durch den Tarifdschungel der Gesellschaften. Das Sparpotenzial ist nach seiner Erfahrung beträchtlich. Vor allem ältere Kunden können ohne Leistungseinbußen oft mehr als 1200 Euro im Jahr sparen. Mitunter lässt sich die Prämie sogar halbieren. Alle Gesellschaften, die sich der Selbstverpflichtung angeschlossen haben, versprechen darüber hinaus einen verbesserten Wechselservice.

Warum es teurer wird

Gegen die Folgen der Beitragssteigerungen lässt sich etwas unternehmen, gegen die Prämiensprünge selbst nicht. Oft erwischt es in diesem Jahr Kunden wie die der Debeka, deren Beiträge längere Zeit nahezu unverändert blieben. Nun müssen sie die Rechnung für gestiegene Leistungsausgaben mehrerer Jahre auf einen Schlag begleichen.

Als Erklärung für die exorbitanten Steigerungen verweisen die Versicherer gern auf eine Ausnahmesituation: Zu dem üblichen Plus wegen gestiegener Gesundheitsausgaben komme in diesem Jahr die „geradezu historische Sondersituation“ dauerhaft niedriger Zinsen hinzu, erklärt etwa der PKV-Verband. Wegen der Flaute an den Finanzmärkten erwirtschaften die Gesellschaften nicht genügend Kapital für die Alterspolster der Kunden. Diese Lücke müssen die Privatversicherten nun durch höhere Beiträge ausgleichen. „Die kalte Dusche kommt in diesem Jahr aus zwei Bottichen“, resümiert einer aus der Branche.

Tatsächlich konnte laut Bundesregierung zuletzt kaum ein Anbieter den Rechnungszins von 3,5 Prozent dauerhaft nachweisen, der in vielen alten Tarifen als Rechengröße einkalkuliert ist. Nach einer Faustformel müssen die Kunden 0,1 Prozentpunkte Senkung bei der Rechengröße nun mit rund einem Prozent mehr Beiträgen ausgleichen.

Als alleinige Erklärung für die aktuellen Erhöhungen reicht das allerdings vielfach nicht aus. Was die Branche geflissentlich verschweigt, sind ihre hausgemachten Probleme: So steigen bei einigen Gesellschaften die Beiträge kurioserweise auch, weil immer weniger Kunden kündigen. Deren Erbmasse – die Alterspolster – sollte eigentlich an das restliche Kundenkollektiv gehen und die Beiträge stabilisieren. Doch die Stornozahlen haben sich laut Assekurata teilweise halbiert. So wechseln immer weniger Kunden zu anderen PKV-Unternehmen, weil das unattraktiver wurde. Zudem dürfen die Gesellschaften säumige Zahler nicht mehr ohne Weiteres entlassen.

Auch eine verfehlte Geschäftspolitik kann die Beiträge nach oben treiben, etwa wenn eine Gesellschaft jahrelang Billigtarife verkauft oder zu viele kleine Kollektive gebildet hat – und sich das Verhältnis von Gesunden zu Kranken dann ungünstig entwickelt. Worauf seine steigenden Prämien zurückzuführen sind, legt indes kein Unternehmen offen.