KommentarPolitik-Beratung besteht nicht nur aus Statistik

DIW-Forscher Gert G. Wagner
Gert G. Wagner
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Gert G. Wagner ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Vorsitzender des Sozialbeirats der Bundesregierung. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des  Eröffnungsvortrags der 6. Konferenz für Sozial- und Wirtschaftsdaten in Berlin

Der beliebte Spruch „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“ dürfte an deutschen Stammtischen (und nicht nur da) zu den vielzitierten „Weisheiten“ gehören. Die Behauptung ist aber gleich zweifach falsch. Winston Churchill, dem die Aussage zugeschrieben wird, hat diese Geringschätzung  von Statistiken niemals geäußert. Vielmehr wurde die vielzitierte Behauptung Churchill von Joseph Goebbels in den Mund gelegt, der Churchill als Lügner diffamieren und die Statistiken zur britischen Waffenproduktion kleinreden wollte.

Und der sachliche Kern der Behauptung ist sowieso falsch: Statistiken werden in modernen Staaten nicht gefälscht, sondern allenfalls eigenwillig definiert und manchmal merkwürdig interpretiert. Der griechische Statistik-Skandal ist nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Das gewissermaßen geflügelte Wort „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“ ist aber, obwohl es sachlich falsch ist,  trotzdem sehr beachtenswert, weil dahinter ganz offenkundig ein verbreitetes Misstrauen der Öffentlichkeit und vieler Entscheidungsträger gegenüber wissenschaftlichen Analysen, und nichts anderes sind Statistiken, steckt.

Messen, was messbar ist

Obwohl es soviel Statistiken und Forschungsdaten gibt wie nie zuvor und die empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung boomt, werden die darauf aufbauenden wissenschaftlichen Erkenntnisse von der Politik nach wie vor nur zögerlich genutzt. Denn nicht nur an Stammtischen, sondern auch in der Politik gibt es ein weit verbreitetes Misstrauen gegenüber Statistiken. Dabei gilt mehr denn je, was einst der britische Premierminister Winston Churchill wirklich sagte: „You must look at the facts – because they look at you“.

An dieser Stelle liegt es nahe Galileo Galilei zu zitieren, dem die Forderung zugeschrieben wird „Man muss messen, was messbar ist, und messbar machen, was zunächst nicht messbar ist.“

Nun wird der Politik oft unterstellt, dass sie zu wenig faktenorientiert sei. Deswegen sei hier eine Bemerkung zu Galilei angefügt: So einfach wie sich der große Naturwissenschaftler die Welt vorstellt, ist sie nicht. Man muss nämlich als Wissenschaftler auch wissen, wo messen nichts nutzt, sondern vielmehr die Grenzen der Wissenschaft liegen. Und an diese Grenzen stößt man bei sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Problemen sehr oft.

Wenn es zum Beispiel darum geht, dass Rentenzugangsalter und das Rentenniveau politisch festzulegen, können empirische Informationen (d.h. Messungen der Realität) nützlich sein. Am Ende aber muss politisch entschieden werden. Die Entscheidung über das Alter beim  Rentenzugang, das allgemeine Rentenniveau oder auch den Grad der Steuerprogression kann und darf die Wissenschaft der Politik nicht abnehmen.

Auch Expertenkommissionen, Sachverständigenräte und Beiräte, in denen Wissenschaftler sitzen, können und dürfen dem Gesetzgeber politische Entscheidungen nicht abnehmen. Und erst recht nicht darf sich die Politik an einfache Indikatoren binden, denn diese sagen oft nicht die ganze Wahrheit. Man denke an das beliebte Bruttoinlandsprodukt (BIP), das die nicht-marktliche Produktion ganz weglässt, oder auch an die Arbeitslosenquote, die z. B. unfreiwillige Unterbeschäftigung nicht erfasst. Und ob von der EU-Bürokratie vorgegebene Indikatoren oder die ins Grundgesetz geschriebene Verschuldungsgrenze besonders klug sind, wird sich weisen.