Western von gesternSendeschluss bei Grundig


Als Max Grundig am 1. April 1984 sein Chefbüro verlässt, gibt es keine Abschiedsfeier. Der große Mann ist gescheitert. Zu stark ist der Druck der ausländischen Konkurrenz geworden, die Japaner dominieren mit ­ihren VHS-Geräten den Markt, Grundig kann nicht mehr mithalten. ­Deshalb hat er die Mehrheit seiner Firma an den Rivalen Philips ­verkauft – ein schwerer Schritt für den selbstbewussten Wirtschaftswunder-Unternehmer, dessen Karriere in einem kleinen Radiogeschäft in Fürth begann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg umgeht er mit seinem Radio-Baukasten „Heinzelmann“ das Verkaufsverbot der Alliierten – und wird damit reich. Seine Produkte sind aus deutschen Wohnzimmern nicht wegzudenken. 1952 ist er bereits Europas größter Rundfunkgeräteproduzent, er bringt die ersten Farbfernseher auf den Markt.

Gefällt Grundig eine Neuentwicklung nicht, wirft der cholerische Firmenpatriarch Geräte schon mal aus dem Fenster oder sperrt Entwickler in ihre Büros ein. „Er führte sein Unternehmen wie ein russischer Zar“, berichtet ein Betriebsrat.

Grundig-Flop mit Video 2000

1979 hat Grundig weltweit 38.500 Beschäftigte, die Umsätze ­steigen, aber die Gewinne sinken. Max Grundig hat sein Instinkt verlassen, er unterschätzt wie alle deutschen Elektronikhersteller die Konkurrenz aus Fernost. Als die Japaner das ­VHS-System auf den Markt ­bringen, antwortet Grundig mit ­Video 2000. Doch der VHS-Standard setzt sich durch. Die Auswirkungen bekommen auch Saba, Nordmende und Telefunken zu spüren – sie werden alle untergehen. Als Grundig in den 80er-Jahren nach Japan fliegt, um mit ­Panasonic über Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu verhandeln, ist es bereits zu spät, man braucht ihn nicht mehr. 1984 gibt Max Grundig die Macht an Philips ab.

Nach dem Verkauf kommt ­Grundig nicht zur Ruhe. Freunde schenken ihm ein Videogerät. Während einer Reise schaut sich Grundig jeden Abend einen Film an – ausnahmslos Western mit John Wayne. Den endgültigen Untergang seines Unternehmens erlebt der einsame Kaufmann nicht mehr. Er stirbt 1989, vier Jahre später meldet die Grundig AG Insolvenz an. Die traditionsreiche Marke lebt zwar auf Radios und Fernsehern weiter. ­Dahinter steht jedoch der türkische Arcelik-Konzern.

Hauptperson

Max Grundig wurde 1908 in Nürnberg geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen als Sohn eines Lagerverwalters auf. Mit 14 begann er eine Ausbildung zum Elektroniker, 1930 gründete er mit einem Freund ein Einzelhandelsgeschäft für den Vertrieb von Radios, das er später alleine weiterführte. 1972 wurde aus dem Unternehmen die Grundig AG. Nach dem Rückzug aus dem Konzern widmete sich Max Grundig dem Aufbau einer Luxushotelkette und einer Privatklinik. Grundig war dreimal verheiratet und bekam zwei Töchter.


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