Serie: Die großen Krisen

History-SeriePhilipp II. - spanischer König des Serien-Staatsbankrotts

Seite: 6 von 6

Die Banker, so die Autoren, wussten, was sie taten. Sie ließen sich angesichts der immer wiederkehrenden Blasen keinesfalls von der Illusion einlullen, dass „beim nächsten Mal alles anders wird“. Sie kalkulierten im Gegenteil die Kosten ein – und hielten sich an hohen Risikoprämien schadlos. Die Profite im Handel mit Philipp II. waren größer als anderswo, und meist folgte dem Bankrott im neuen Vertrag eine Kompensation für die Verluste. Die Rendite der Bankiers lag über 30 Jahre bei durchschnittlich 3,16 Prozent. „Fast keine Bankiersfamilie hat Geld verloren“, stellen die Wissenschaftler fest. Am schlimmsten traf es die Gläubiger im Jahr 1575, als der Durchschnittsverlust bei 38 Prozent lag. „Gemessen an modernen Standards waren die Pleiten milde.“

Gemessen an modernen Standards war auch die Verschuldung Spaniens mit rund 60 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt begrenzt. Die Ökonomen gehen sogar noch weiter: Nach 1566 seien die spanischen Finanzen „nachhaltig“ gewesen. In den 30 Jahren danach seien die Schulden relativ zu den Einkünften nicht gewachsen. „Die Zahlungsstopps spiegelten temporäre Liquiditätsschocks“ – sprich, die Kriege.

Die Gläubiger wussten, dass es zu Engpässen kommen kann. Entscheidend für sie war, dass Philipp die Zahlungen nicht aus bloßer Willkür einstellte, also im Sprachgebrauch der Ökonomie „opportunistisch“ handelte. Der Unterschied zwischen „zahlen können, aber nicht wollen“ und „zahlen wollen, aber nicht können“ war für die Finanziers ausschlaggebend. Dieses Ausfallrisiko ließ sich kalkulieren. Auch dauerten die Umstrukturierungsverhandlungen in der Regel weniger als zwei Jahre, während sie sich heute im Schnitt acht Jahre hinziehen.

Gläubiger handelten als Kartell

Die Genuesen, vorsichtig geworden durch die erste Pleite von 1557, entwickelten eine Art Financial Engineering. Sie verteilten das Risiko der Asientos, der Schuldverschreibungen, auf viele Schultern. Anders als Bankeinleger heute beteiligten sich Subfinanziers an bestimmten Papieren: Fielen die Einkünfte daraus weg, traf der Ausfall nicht eine einzelne Bank. Und die Gläubiger handelten als Kartell. Vertragliche Vereinbarungen verhinderten, dass Einzelne sich auf Kosten der anderen mit dem säumigen Zahler arrangierten.

Was heißt das für Griechenland & Co? Nach Ansicht von Voth und Drelichman hält das 16. Jahrhundert zwei wichtige Lektionen für die Gegenwart bereit: Damals wurde erfolgreich das Konzept staatlicher Eventualverbindlichkeit praktiziert: Ob Schulden im vollen Umfang bedient werden, hängt danach von den Umständen ab. Im Notfall, zum Beispiel wenn eine Natur- oder sonstige Katastrophe den Staatshaushalt trifft, werden Zinsen und Rückzahlungen vermindert. Dafür kassieren die Gläubiger in den guten Zeiten satte Prämien.

Eine solche Regelung hätte- womöglich auch einige der Euro-Schuldnerstaaten heil durch die Krise gebracht. Denn sie hätte verhindert, dass die Länder in eine ökonomische Abwärtsspirale geraten: Es wäre ihnen der brutale Sparkurs erspart geblieben, der sie immer weiter in die Rezession drückt und damit die Rückzahlung der Schulden immer aussichtsloser macht. Allerdings: Staaten, die strukturell überschuldet sind, würde das Überbrücken zeitweiliger Finanzengpässe auch nicht retten.

Die zweite Lektion betrifft die Gläubigerseite: In der aktuellen Finanzkrise mussten die Staaten reihenweise Banken heraushauen, weil deren Kollaps möglichweise die Realwirtschaft mit in den Abgrund gezogen hätte. Voth und Drelichman stellen heraus, dass es zu Philipps Zeiten besser gelang, das Risiko weit zu streuen: Statt ihr Geld bei Banken einzuzahlen, beteiligten sich die Investoren direkt an den Staatskrediten. Ein Ausfall verteilte sich also auf deutlich mehr Schultern. Und einzelne Banken gerieten so weniger tief in die Misere – oder waren zumindest durch ihre geringere Größe nicht so systemrelevant für das gesamte Finanzsystem.

Im Rückblick auf die Ereignisse des 16. Jahrhunderts sind sich die beiden Wirtschaftshistoriker in einem jedenfalls sicher: „Spanien ist nicht wegen seiner Haushaltspolitik, sondern trotz eines erstklassigen Finanzsystems abgestiegen.“