Serie: Die großen Krisen

History-SeriePhilipp II. - spanischer König des Serien-Staatsbankrotts

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Schon wenig später herrscht wieder Ebbe in der Kasse. Er hätte nie geglaubt, „dass es so schlimm sein könnte“, schreibt Philipp an den Kardinal Granvella. Er führt kostspielige Feldzüge gegen die Türken, gegen Portugal, Frankreich, England und gegen Fürstentümer in Italien und Deutschland. In den 1560er-Jahren bricht ein Aufstand in den Niederlanden aus, der als 80-jähriger Krieg in die Geschichte eingehen wird. Die Marine des Königs schlägt sich mit Feinden und Piraten im Mittelmeer herum, genauso im Atlantik, im Indischen und im Pazifischen Ozean. Philipp braucht Geld, Geld und mehr Geld.

Die Krone kratzt Dukaten zusammen, wo möglich: Verkauf von Adelstiteln, Legitimierung von Söhnen Geistlicher, Schaffung staatlicher Ämter, Verkauf von Kronland. Dörfer nutzen die Gelegenheit, sich selbst zu kaufen und so die städtische Gerichtsbarkeit abzuschütteln. Der Herzog von Alcala kauft für 150.000 Dukaten 1500 Leibeigene, aber auch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ich habe es nie geschafft, dieses Geschäft mit Krediten und Zinsen in meinen Kopf zu kriegen

Philipp II.

Nicht einmal die Ausbeutung der Kolonien rettet die Habsburger. Schon 1520 war die erste Ladung Azteken-Gold in Barcelona angekommen. 1545 werden die Silberminen von Potosí im heutigen Bolivien entdeckt. 16.886 Tonnen Silber erreichen Spanien offiziell zwischen 1500 und 1650, und 181 Tonnen Gold. Eine Flat Tax von 25 Prozent streicht die Krone ein. Unter Philipp II. vervierfachen sich die Einnahmen von 3 auf 12 Mio. Dukaten. Doch auch die Ausgaben steigen – und die wachsende Inflation frisst den Kaufwert auf. „Das spanische System wäre eher kollabiert, hätte es nicht die zeitweilige Illusion des Wohlstandes durch das Silber aus Amerika gegeben“, schreibt der Historiker James MacDonald.

„Du musst dich intensiv mit den Finanzen beschäftigen und lernen, die Probleme zu verstehen“, hatte der Vater gemahnt. Philipp beginnt, sich nun eingehend darum zu kümmern, obwohl sein Herz der Kunst und Musik gehört. Er ist ein in seiner Lebensführung pingeliger Mann. Doch die Zahlen bekommt er nicht in den Griff. „Ich habe es nie geschafft, dieses Geschäft mit Krediten und Zinsen in meinen Kopf zu kriegen“, gesteht er 1580 seinem Finanzminister. Auch der hat nur begrenzt Überblick über die Staatsfinanzen. Das war in dieser Zeit nicht ungewöhnlich: In der Regel kannten nicht einmal die Finanzbeamten die genaue Höhe der Lasten und Einkünfte, die ja zum größten Teil direkt an die Gläubiger abflossen.

„Schuldenmanagement durch Bankrott“

Auf deren Seite steht mehr Expertise. Mit der Pleite von 1557 hat das Zeitalter Genuas begonnen. Die Genuesen, mit ihrer Pioniererfahrung aus der Bank Casa di San Giorgio, verdrängen die Fugger als die Banker der Habsburger. „Es ist so weit gekommen, dass sie es für eine Schande halten, andere Geschäfte zu machen“, beobachtet ein venezianischer Gesandter 1573 staunend. Zu den großen Figuren der Zeit werden Leute wie Agostino Spinola, Stefano Lomellino, Nicolo Grimaldi, Stefano Grillo. Viele hispanisieren ihre Namen, so wird Niccolò De Negro zu Nicolao. Denn das erleichtert das Geschäftemachen in Madrid – auch wenn die Vorgabe, dass mit der Krone nur Kastilianer handeln dürfen, alle Beteiligten fröhlich missachten. Im Gedicht „Don Dinero“ von Francisco de Quevedo y Villegas heißt es: Das Geld wird geboren in Indien, stirbt in Spanien und wird begraben in Genua.

Doch auch die Genuesen entkommen dem nicht, was der Historiker James MacDonald „Schuldenmanagement durch Bankrott“ nennt. Mit einem Haircut verschafft sich die Krone immer wieder Luft und beginnt sogleich neue, kurzfristige Schulden aufzutürmen. Irgendwann sind auch die untragbar – auch weil die Kreditkosten mit wachsender Schuld steigen –, und der Kreislauf beginnt von vorne. Wieso aber lassen sich die Gläubiger immer wieder drauf ein? Ist es Dummheit, Angst vor dem Herrscher?

Keinem seiner Banker krümmte Philipp je ein Haar. Lange ging die Geschichtsschreibung davon aus, dass es sich beim Finanzgebaren des 16. Jahrhunderts um einen Fall der irrational exuberance, der Gier und des Herdentriebs handelte. Doch die Autoren Hans-Joachim Voth und Mauricio Drelichman diagnostizieren in ihrem Buch das Gegenteil: Alle Beteiligten handelten rational. Für die beiden Ökonomen hat die Beziehung zwischen Philipp und seinen Bankern in Teilen sogar Modellcharakter. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Bewertung der Finanzgeschichte.