Serie: Die großen Krisen

History-SeriePhilipp II. - spanischer König des Serien-Staatsbankrotts

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Am 10. Juni verkündet er die Einstellung des Schuldendienstes. Das „erste Dekret“ wird es später genannt, zur Unterscheidung von den kommenden Pleiten. „Yo el Rey“, schreibt der König mit kratzender Feder unter das Dokument, und der Diener trocknet die Tinte mit Sand.

Er hat nicht leichten Herzens entschieden. „Er thue es so ungern, als er je eine Sache gethan“, teilt er den Fuggern mit. Für einen König, der seine Gefühle nie nach außen trägt, ist dies ein fast schon leidenschaftliches Bekenntnis. Philipp ist wohlüberlegt, wahrlich kein Mann impulsiver oder übereilter Beschlüsse. „El Prudente“, den Weisen, nennen ihn wohlwollende Zeitgenossen. Seine Kritiker halten ihn für einen Zauderer, der sich in Mikromanagement verzettelt. „Hoffen wir, dass der Tod aus Spanien kommt, denn dann wird er nie ankommen“, lästert selbst einer seiner Minister. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend ackert Philipp sich oft durch Hunderte Dokumente, nur für die Messe nimmt sich der strenggläubige Katholik Zeit. Sein Arbeitszimmer im Escorial-Palast, den er später außerhalb der Hauptstadt Madrid errichten lässt, wird ein nüchterner Raum sein. Karg möbliert mit Schreibtisch, Stühlen und Büchervitrine aus dunklem Holz, die Wände sind weiß.

Porträt von Alonso Porträt Philipps II. von Sánchez Coello, um 1570
Porträt von Alonso Porträt Philipps II. von Sánchez Coello, um 1570

Philipp fühlt sich als König von Gottes Gnaden, aber seine Macht gegenüber den Bankern ist nicht absolut. Er könnte die lästigen Gläubiger einfach beseitigen lassen, so wie er es auch an anderer Stelle mit Feinden macht. Schließlich hat er ja auch den eigenen Sohn Don Carlos eingesperrt, dem er Hochverrat vorwarf, und ihn in einer Dachkammer sterben lassen.

Doch ohne Geldgeber wäre er ein König ohne Armee. Philipp munitioniert sich also vor seinem Schlag gegen die Banken – rhetorisch. Seine Berater holen die alte Lehre der mittelalterlichen Kirche hervor, wonach Geldgeschäfte als Wuchergeschäfte geächtet sind. Der frühere Erzieher Kardinal Silíceo rät ihm, verpfändete Staatseinkünfte den Wucherern zu entwinden. Womöglich fließe das Geld des Königs gar seinen Feinden zu, heißt es. Es ist eine Farce, aber die Gesetze „gingen dahin, wohin die Könige es wünschten“, seufzt der spanische Repräsentant der Fugger. Öffentlichen Protest muss Philipp nicht befürchten: In Spanien hasst man die fremden Finanziers, die das Gold und Silber aus dem Land ziehen. Philipp erklärt später einmal, er wolle ja niemanden berauben, sondern nur der Beraubung seiner Finanzen ein Ende machen. So argumentiert er nicht nur bei einem Bankrott.

Seine Forderung 1557 sieht so aus: Alle Asientos sollen in lang laufende Juros zu fünf Prozent umgewandelt werden. Die für die Kurzläufer verpfändeten Einkünfte wären so schlagartig frei – sodass man sie neu verpfänden kann. Als Erstes beschlagnahmt der König in Antwerpen bereits verpfändete Schiffsladungen: Silber im Wert von 700.000 Dukaten. Der Finanzmarkt reagiert geschockt, die Kurse der Papiere stürzen ab.

Mit den Bankern aus Genua gelingt eine Einigung rasch. Mit den Fuggern verständigt man sich endgültig erst 1562, nachdem Anton sich selbst auf die beschwerliche Reise von Augsburg nach Madrid gemacht hat. Der Haircut ist beträchtlich – angeblich 370.000 Dukaten –, auch wenn sich die Fugger bei der Gelegenheit das Recht zur Ausbeutung der Quecksilbervorkommen von Almadén sichern.