Serie: Die großen Krisen

History-SeriePhilipp II. - spanischer König des Serien-Staatsbankrotts

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In den Jahrzehnten nach seinem Amtsantritt verdreifacht Philipp die Steuerlast der Bauern und Bürger in Kastilien. Trotzdem bleibt seine Finanzlage prekär. Banker gehen am Hof ein und aus. Wieder hat Karl es vorgemacht. Traditionell hatten sich die Könige nur langfristig verschuldet, mit sogenannten Juros. Die Rentenpapiere kosten den Staat nur rund fünf Prozent Zinsen. Meist sind sie an bestimmte Einnahmen geknüpft, oft Steuereinnahmen, aber auch mal die Seidenproduktion in Granada. 121.600 Dukaten bieten die Fugger allein für die Verpfändung eines Tiroler Kupferbergwerks. Das Ausfallrisiko tragen hauptsächlich die hombres de negocios, die Finanziers. Doch das Volumen der Juros darf die von der Ständeversammlung genehmigten regulären Einnahmen nicht übersteigen. Und bei akutem Kapitalbedarf – also wenn ein Waffengang ansteht – lässt sich in dem räumlich zersplitterten Reich nicht schnell genug Geld einsammeln.

Karl hatte damit angefangen, sich am internationalen Kapitalmarkt über Asientos zu finanzieren, teure Kurzläufer. Und bald dreht sich das Karussell aus Geldbedarf, Fälligkeit und Neuemissionen immer schneller. 435 Asientos wird Philipp während seiner Herrschaft in Spanien herausgeben – im Wert von mehr als 100 Mio. Dukaten. Viele spanische Kaufleute schließen ihr Geschäft und kaufen stattdessen Rentenpapiere. Statt die hohen Steuern abzudrücken, verdienen sie so an den Schulden des Königs mit. Es wird diese Sorte Papiere sein, derentwegen Philipp die Zahlungsunfähigkeit erklären muss.

Mit den Krediten schwellen die Bilanzen der Bankiers an. Sie verdienen prächtig in den Boomjahren. Die Risiken sind groß, die Margen auch. 1536 zum Beispiel strecken sie dem König 100.000 Dukaten zu zehn Prozent vor, auf eine zu erwartende Lieferung mit Edelmetall aus den Kolonien. Die Schiffe treffen pünktlich ein, und innerhalb von ein paar Wochen haben sie Kapital und Zinsen zurück. Dazu verdienen sie an Dienstleistungen: Sie wickeln Gehaltszahlungen für den Staatsapparat ab, zahlen Gelder an Gesandte aus und verbuchen dabei oft noch Währungsgewinne.

Doch trotz des wachsenden Reichtums beschleicht die Fugger manchmal Angst. „Der Creditoren sind viel“, stöhnt Anton Fugger, Neffe und Nachfolger des Patriarchen, einmal, „es sollte Einem davor grausen.“ Schon 1547 überlegt er, aus dem Geschäft auszusteigen. Doch ein Entrinnen ist unmöglich. Wer aussteigt, wird von seinen Außenständen wohl nichts wiedersehen. Die Banker stecken in einer Falle: Der König begleicht seine alten Schulden nur, weil er auf neues Geld hofft. „Die Fugger waren zu Dienern ihres eigenen Reichtums geworden“, urteilte der Historiker Wilhelm Opitz. „Ihre Bedenken wurden mit Drängen und Drohen beseitigt.“

Supermacht am finanziellen Abgrund

1556 dankt Karl V. ab, erschöpft, gichtkrank und vorzeitig gealtert. „Ich übertrage Ihre Treue auf einen Souverän, der in der Mitte des Lebens steht. Der wachsam ist, klug, aktiv und kühn“, erklärt der müde Herrscher am 25. Oktober 1555 den illustren Gästen im aufwendig dekorierten Saal des Königspalasts in Brüssel. Die Banker hören die Botschaft wohl.

Seinem 29-jährigen Sohn hinterlässt Karl ein Reich, das sich über den halben Globus spannt: Die Niederlande gehören dazu, das Königreich von Spanien, Burgund, Teile Italiens sowie die amerikanischen Kolonien. Das Siglo de Oro, das Goldene Zeitalter Spaniens, ist angebrochen. Eine Blütezeit der Kunst und Kultur, der politischen Macht und des Aufschwungs.

Finanziell aber steht die Supermacht am Abgrund. 1557, in dem Jahr, in dem ein militärischer Sieg über Frankreich Spaniens Hegemonialstellung in Europa festschreibt, kapituliert Philipp II. vor den Finanzmärkten. Er hält sich gerade in England auf, für einen weiteren – erfolglosen – Versuch, seine Ehefrau Mary Tudor zu schwängern. Spaniens Schulden aus den Asientos sind auf 7 Mio. Dukaten geklettert, allein die Fugger hängen mit weit über 2 Mio. drin. Alle Einnahmen sind verpfändet. Der Kapitalmarkt ist ausgetrocknet. Von 17,6 Prozent im Jahr 1520 sind die Kapitalkosten der Habsburger in Kastilien einer Rechnung zufolge auf 28 Prozent in den 1540er-Jahren gestiegen, um dann kurz vor der Pleite auf fast 50 Prozent hochzuschnellen. Das mag übertrieben sein, aber die Spreads sind untragbar. Es sei schlechterdings unmöglich gewesen, die väterlichen Schulden zurückzuzahlen, erklärt Philipp später.