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History-Serie Philipp II. - spanischer König des Serien-Staatsbankrotts

Der König ist ein zugeknöpfter Charakter, der keine Gefühle zeigt. Der tiefgläubige Katholik ist überzeugt, dass er Rechenschaft nur einem schulde: Gott (Gemälde von Tizian)
Der König ist ein zugeknöpfter Charakter, der keine Gefühle zeigt. Der tiefgläubige Katholik ist überzeugt, dass er Rechenschaft nur einem schulde: Gott (Gemälde von Tizian)
© Gemeinfrei
Unter Philipp II. stieg Spanien zur Supermacht des 16. Jahrhunderts auf. Doch der allmächtige Regent war ein ständiger Bittsteller bei seinen Bankern. Er führte sein Land in den Bankrott. Nicht nur einmal

Lange vorher hat er gewusst, was auf ihn zukommt. Nun ist es so weit, und der 16-Jährige hat keine Angst. Oder wenn doch, dann zeigt er es nicht. Gefühle ziemen sich nicht für einen Herrscher. Und Philipp II. herrscht nun. Sein Vater, der mächtige Kaiser Karl V., hat ihm die Regentschaft über Spanien übertragen. Philipp ist entschlossen, sich zu bewähren. Der Vater soll stolz auf ihn sein.

Es ist das Jahr 1543. Der Aufstieg der Habsburger zur globalen Supermacht ist weit fortgeschritten. Seitdem der eher unbedeutende Graf Rudolf von der Schweizer Habichtsburg 1273 zum römisch-deutschen König gewählt wurde, hat die Familie ihre Macht zielstrebig ausgebaut: mit Gewalt, käuflichen Erwerbungen, Hochzeiten und Erbschaften. Philipp wird zunächst nur den spanischen Teil des Reiches regieren – aber es ist ein Reich, in dem die Sonne nie untergeht. Es spannt sich von der Iberischen Halbinsel, den Niederlanden und Italien über den Globus bis nach Amerika. Später kommen die Philippinen und die portugiesischen Territorien in Brasilien, Afrika, Indien und Ostasien dazu.

Philipp begleitet den abreisenden Vater noch auf dem Ritt von Madrid zur Stadt Alcalá de Henares. Der nutzt auch die letzten Stunden, um dem künftigen Stellvertreter im Königreich Spanien eine seiner Lektionen über die Praxis und Schwierigkeiten des Regierens zu erteilen. Später, auf dem Schiff, bringt der Kaiser seine Instruktionen für den Thronfolger zu Papier. Er empfiehlt ihm, sich vor Schmeichlern zu hüten und vor zu viel Sex. Und er rät: Erfülle immer deine finanziellen Verpflichtungen.

Doch 1557, kurz nach seiner offiziellen Inthronisation als Nachfolger des Vaters, erklärt Philipp den ersten Staatsbankrott Spaniens. Es wird nicht der letzte sein. Das Land steigt zum Rekordpleitier der Geschichte auf. Sechs Mal innerhalb eines Jahrhunderts stellt es die Zahlungen ein: 1557, 1575, 1596, 1607, 1627, 1647. Die Wissenschaft hat dafür inzwischen einen eigenen Begriff geprägt: Serienpleiten. Philipp findet unzählige Nachahmer in Monarchien ebenso wie in Demokratien. Ein derartiges Finanzgebaren wird „zur Norm in allen Regionen der Welt“, schreiben die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrem voluminösen Werk „Dieses Mal ist alles anders“, in dem sie „Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ aufarbeiten.

Was war geschehen? Und was können die Regierungen und Finanzmärkte der Gegenwart vom Reich der Habsburger lernen?

Am Anfang stand eine Erkenntnis, die für Philipp II. so frustrierend war wie für die Euro-Retter der Neuzeit: Die Saat der Katastrophe wird gesät, lange bevor das Desaster reift. Als der frühere griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou 2009 ins Amt kam, hatte sein Land Jahre der Misswirtschaft hinter sich. So war es auch dem jungen, ehrgeizigen Thronfolger Spaniens ergangen. Philipp musste nach dem Amtsantritt den Bankrott ausrufen. Doch ausgerechnet sein fürsorglicher Vater hatte ihm die zerrütteten Staatsfinanzen hinterlassen.

Angefangen hatte der Schlendrian schon fast 40 Jahre zuvor. 1519 stirbt Maximilian I. von Habsburg, römisch-deutscher König, Erzherzog von Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Karl, damals Herzog von Burgund und König von Spanien, ist wild entschlossen, den Thron zu besteigen. Unbedingt. Schon zwei Jahre zuvor hat er sich 100 000 Gulden geliehen, um für seine Sache zu werben – belehrt vom Großvater Maximilian, dass „mindestens das Vier- bis Fünffache“ nötig sein wird. Am Ende aber wird die Thronbesteigung noch viel, viel teurer. Es kostet Unsummen, die Stimmen der Kurfürsten zu kaufen. Der Kuhhandel wird in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Mit den guten Absichten des künftigen Kaisers wollen sich die misstrauischen Fürsten nicht abspeisen lassen. Sie verlangen Bares oder erstklassige Sicherheiten.

In seinem Wohnzimmerkamin ­verbrennt der Kaufmann Anton ­Fugger einen Schuldschein von ­Kaiser Karl V. – als Geste der Großzügigkeit.
In seinem Wohnzimmerkamin verbrennt der Kaufmann Anton Fugger einen Schuldschein von Kaiser Karl V. – als Geste der Großzügigkeit.
© Gemeinfrei

Karl hat das Geld nicht – aber handelt es sich nicht um eine gute Investition? Der Herzog wendet sich dorthin, wo die Milliarden zu kriegen sind: an Jakob Fugger. In den vergangenen Jahren hat sich der Augsburger Kaufmann vom Handel mit Gewürzen, Seiden und Wollgewändern stärker aufs Geldgeschäft verlegt. Nun hat er die Chance, zum Verbündeten des mächtigen Herrschers aufzusteigen. Doch Jakob zögert – vielleicht weil er ahnt, wie viele schlaflose Nächte ihn dieser Kunde noch kosten wird. Das Geschäft aber ist zu verlockend. In Florenz, bei den Medici, hat der Schwabe als Lehrjunge gesehen, wie lukrativ das Bankgewerbe sein kann.

Er schlägt ein in den Pakt und stellt über eine halbe Million Gulden bereit. Auch die Welser, das Nürnberger Handelshaus, sind mit von der Partie, dazu Finanziers aus Genua und Florenz. Am 28. Juni 1519 wird Karl V. zum deutschen König und künftigen römischen Kaiser gewählt. Seine Gesandten nehmen die Wahlurne mit den Stimmzetteln entgegen. Erst danach rücken sie die Wechsel in der vereinbarten Höhe heraus: insgesamt 852 589 Gulden und 56 Kreuzer.

Mit diesem Moment verschmelzen der Staat und seine Finanziers zur Schicksalsgemeinschaft, auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert. In steter Regelmäßigkeit werden erst Karl und dann sein Sohn Philipp ihren Finanzbedarf mit immer teureren Krediten decken. Und immer tiefer werden die Bankiers in den Strudel aus satten Gewinnen und desaströsen Pleiten geraten.

Philipp braucht Geld für seine Kriege

Für Jakob Fugger soll das böse Erwachen schon bald kommen. Bereits 1523 muss der Gläubiger das erste Mal mahnen. Der Süddeutsche ist ein fröhlicher, freundlicher Mann, aber er ist auch ein stolzer Bürger, der kein Blatt vor den Mund nimmt. „Es ist auch wissentlich und liegt am Tage“, schreibt er an Karl, „dass Eure Kaiserliche Majestät die römische Krone ohne mich nicht hätte erlangen mögen.“ Dringend bittet er um eine Anzahlung. Der Herr zeigt Einsicht – aber bevor noch der erste Kredit getilgt ist, zieht er den Fugger zu neuen Anleihen heran. Die Finanziers beschaffen dem Kaiser Geld, wann immer er in den Krieg zieht. Sie finanzieren seinen Feldzug gegen die Türken. Sie sorgen für Liquides, als sich Karl 1530 nach Italien aufmacht. 1535 geben die Fugger ihm einen Kredit von über einer halben Million Dukaten, im Jahr darauf kommen noch mal 300.000 Dukaten dazu. Zum Vergleich: Das Haushaltsvolumen der spanischen Krone beläuft sich auf etwa 10 Mio. Dukaten jährlich.

Nie in Karls Regentschaft reichen die Einnahmen, um die Ausgaben zu decken, und so wird es auch beim Sohn sein. Irgendwann ist das Geld am mächtigsten Hofe Europas so knapp, dass Philipp nicht einmal mehr die Kleiderrechnung seiner beiden Schwestern zahlen kann. Doch es sind nicht der königliche Prunk, die Bankette und Hochzeiten, die Narren und Jagden, die den Haushalt tief ins Minus reißen. Es sind die Kriege.

„Der Sieg wird an den gehen, der den letzten Escudo besitzt“, stellt ein spanischer Admiral in einer der vielen Schlachten fest. Das Militär der europäischen Mächte verschlingt damals in normalen Zeiten schon drei Viertel der Staatseinnahmen, wenn Kämpfe ausbrechen, noch weit mehr. Und eigentlich ist das die Normalität. Anders als sein Vater, der „Reisekönig“, wird Philipp seine Truppen vom Schreibtisch aus lenken. Doch unter seiner Ägide geht es ebenso kriegerisch zu wie unter Karl V. Praktisch in jedem seiner fast 50 Herrscherjahre wird er in Kämpfe verwickelt sein. Philipps militärische Bilanz wird „ein Mix aus kostspieligen Siegen und desaströsen Niederlagen“ – so resümieren die Wissenschaftler Hans-Joachim Voth von der Universität Pompeu Fabra und sein Kollege Mauricio Drelichman von der University of British Columbia. Sie haben in mehreren Studien das Finanzgebaren des spanischen Königs aufgearbeitet und ein Buch daraus gemacht. Der Titel: „Kredite an den Schuldner aus der Hölle“.

Aus ihren Untertanen pressen die Könige so viel Escudos wie irgend möglich. Kurz nach Karls Abreise 1543 erreicht Philipp eine Bitte seines Vaters: „Sei ein guter Sohn und besorg mir so viel Geld, wie ich verlange, und wenn möglich mehr. Es geht um mein und dein Schicksal.“ Philipp ruft gehorsam die Cortes ein, die Ständeversammlung aus Vertretern der Städte und des Adels, und ringt ihr eine weitere Tranche an „außerordentlichen“ Geldern ab: 100.000 Dukaten als Kredit für drei Jahre, mit sofortiger Auszahlung der ganzen Summe. Die Vertreter jammern und klagen, schließlich geben sie nach. Wie noch so viele Male. Das wohlhabende Kastilien wird gemolken wie eine Cashcow.

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In den Jahrzehnten nach seinem Amtsantritt verdreifacht Philipp die Steuerlast der Bauern und Bürger in Kastilien. Trotzdem bleibt seine Finanzlage prekär. Banker gehen am Hof ein und aus. Wieder hat Karl es vorgemacht. Traditionell hatten sich die Könige nur langfristig verschuldet, mit sogenannten Juros. Die Rentenpapiere kosten den Staat nur rund fünf Prozent Zinsen. Meist sind sie an bestimmte Einnahmen geknüpft, oft Steuereinnahmen, aber auch mal die Seidenproduktion in Granada. 121.600 Dukaten bieten die Fugger allein für die Verpfändung eines Tiroler Kupferbergwerks. Das Ausfallrisiko tragen hauptsächlich die hombres de negocios, die Finanziers. Doch das Volumen der Juros darf die von der Ständeversammlung genehmigten regulären Einnahmen nicht übersteigen. Und bei akutem Kapitalbedarf – also wenn ein Waffengang ansteht – lässt sich in dem räumlich zersplitterten Reich nicht schnell genug Geld einsammeln.

Karl hatte damit angefangen, sich am internationalen Kapitalmarkt über Asientos zu finanzieren, teure Kurzläufer. Und bald dreht sich das Karussell aus Geldbedarf, Fälligkeit und Neuemissionen immer schneller. 435 Asientos wird Philipp während seiner Herrschaft in Spanien herausgeben – im Wert von mehr als 100 Mio. Dukaten. Viele spanische Kaufleute schließen ihr Geschäft und kaufen stattdessen Rentenpapiere. Statt die hohen Steuern abzudrücken, verdienen sie so an den Schulden des Königs mit. Es wird diese Sorte Papiere sein, derentwegen Philipp die Zahlungsunfähigkeit erklären muss.

Mit den Krediten schwellen die Bilanzen der Bankiers an. Sie verdienen prächtig in den Boomjahren. Die Risiken sind groß, die Margen auch. 1536 zum Beispiel strecken sie dem König 100.000 Dukaten zu zehn Prozent vor, auf eine zu erwartende Lieferung mit Edelmetall aus den Kolonien. Die Schiffe treffen pünktlich ein, und innerhalb von ein paar Wochen haben sie Kapital und Zinsen zurück. Dazu verdienen sie an Dienstleistungen: Sie wickeln Gehaltszahlungen für den Staatsapparat ab, zahlen Gelder an Gesandte aus und verbuchen dabei oft noch Währungsgewinne.

Doch trotz des wachsenden Reichtums beschleicht die Fugger manchmal Angst. „Der Creditoren sind viel“, stöhnt Anton Fugger, Neffe und Nachfolger des Patriarchen, einmal, „es sollte Einem davor grausen.“ Schon 1547 überlegt er, aus dem Geschäft auszusteigen. Doch ein Entrinnen ist unmöglich. Wer aussteigt, wird von seinen Außenständen wohl nichts wiedersehen. Die Banker stecken in einer Falle: Der König begleicht seine alten Schulden nur, weil er auf neues Geld hofft. „Die Fugger waren zu Dienern ihres eigenen Reichtums geworden“, urteilte der Historiker Wilhelm Opitz. „Ihre Bedenken wurden mit Drängen und Drohen beseitigt.“

Supermacht am finanziellen Abgrund

1556 dankt Karl V. ab, erschöpft, gichtkrank und vorzeitig gealtert. „Ich übertrage Ihre Treue auf einen Souverän, der in der Mitte des Lebens steht. Der wachsam ist, klug, aktiv und kühn“, erklärt der müde Herrscher am 25. Oktober 1555 den illustren Gästen im aufwendig dekorierten Saal des Königspalasts in Brüssel. Die Banker hören die Botschaft wohl.

Seinem 29-jährigen Sohn hinterlässt Karl ein Reich, das sich über den halben Globus spannt: Die Niederlande gehören dazu, das Königreich von Spanien, Burgund, Teile Italiens sowie die amerikanischen Kolonien. Das Siglo de Oro, das Goldene Zeitalter Spaniens, ist angebrochen. Eine Blütezeit der Kunst und Kultur, der politischen Macht und des Aufschwungs.

Finanziell aber steht die Supermacht am Abgrund. 1557, in dem Jahr, in dem ein militärischer Sieg über Frankreich Spaniens Hegemonialstellung in Europa festschreibt, kapituliert Philipp II. vor den Finanzmärkten. Er hält sich gerade in England auf, für einen weiteren – erfolglosen – Versuch, seine Ehefrau Mary Tudor zu schwängern. Spaniens Schulden aus den Asientos sind auf 7 Mio. Dukaten geklettert, allein die Fugger hängen mit weit über 2 Mio. drin. Alle Einnahmen sind verpfändet. Der Kapitalmarkt ist ausgetrocknet. Von 17,6 Prozent im Jahr 1520 sind die Kapitalkosten der Habsburger in Kastilien einer Rechnung zufolge auf 28 Prozent in den 1540er-Jahren gestiegen, um dann kurz vor der Pleite auf fast 50 Prozent hochzuschnellen. Das mag übertrieben sein, aber die Spreads sind untragbar. Es sei schlechterdings unmöglich gewesen, die väterlichen Schulden zurückzuzahlen, erklärt Philipp später.

Am 10. Juni verkündet er die Einstellung des Schuldendienstes. Das „erste Dekret“ wird es später genannt, zur Unterscheidung von den kommenden Pleiten. „Yo el Rey“, schreibt der König mit kratzender Feder unter das Dokument, und der Diener trocknet die Tinte mit Sand.

Er hat nicht leichten Herzens entschieden. „Er thue es so ungern, als er je eine Sache gethan“, teilt er den Fuggern mit. Für einen König, der seine Gefühle nie nach außen trägt, ist dies ein fast schon leidenschaftliches Bekenntnis. Philipp ist wohlüberlegt, wahrlich kein Mann impulsiver oder übereilter Beschlüsse. „El Prudente“, den Weisen, nennen ihn wohlwollende Zeitgenossen. Seine Kritiker halten ihn für einen Zauderer, der sich in Mikromanagement verzettelt. „Hoffen wir, dass der Tod aus Spanien kommt, denn dann wird er nie ankommen“, lästert selbst einer seiner Minister. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend ackert Philipp sich oft durch Hunderte Dokumente, nur für die Messe nimmt sich der strenggläubige Katholik Zeit. Sein Arbeitszimmer im Escorial-Palast, den er später außerhalb der Hauptstadt Madrid errichten lässt, wird ein nüchterner Raum sein. Karg möbliert mit Schreibtisch, Stühlen und Büchervitrine aus dunklem Holz, die Wände sind weiß.

Porträt von Alonso Porträt Philipps II. von Sánchez Coello, um 1570
Porträt von Alonso Porträt Philipps II. von Sánchez Coello, um 1570
© Gemeinfrei

Philipp fühlt sich als König von Gottes Gnaden, aber seine Macht gegenüber den Bankern ist nicht absolut. Er könnte die lästigen Gläubiger einfach beseitigen lassen, so wie er es auch an anderer Stelle mit Feinden macht. Schließlich hat er ja auch den eigenen Sohn Don Carlos eingesperrt, dem er Hochverrat vorwarf, und ihn in einer Dachkammer sterben lassen.

Doch ohne Geldgeber wäre er ein König ohne Armee. Philipp munitioniert sich also vor seinem Schlag gegen die Banken – rhetorisch. Seine Berater holen die alte Lehre der mittelalterlichen Kirche hervor, wonach Geldgeschäfte als Wuchergeschäfte geächtet sind. Der frühere Erzieher Kardinal Silíceo rät ihm, verpfändete Staatseinkünfte den Wucherern zu entwinden. Womöglich fließe das Geld des Königs gar seinen Feinden zu, heißt es. Es ist eine Farce, aber die Gesetze „gingen dahin, wohin die Könige es wünschten“, seufzt der spanische Repräsentant der Fugger. Öffentlichen Protest muss Philipp nicht befürchten: In Spanien hasst man die fremden Finanziers, die das Gold und Silber aus dem Land ziehen. Philipp erklärt später einmal, er wolle ja niemanden berauben, sondern nur der Beraubung seiner Finanzen ein Ende machen. So argumentiert er nicht nur bei einem Bankrott.

Seine Forderung 1557 sieht so aus: Alle Asientos sollen in lang laufende Juros zu fünf Prozent umgewandelt werden. Die für die Kurzläufer verpfändeten Einkünfte wären so schlagartig frei – sodass man sie neu verpfänden kann. Als Erstes beschlagnahmt der König in Antwerpen bereits verpfändete Schiffsladungen: Silber im Wert von 700.000 Dukaten. Der Finanzmarkt reagiert geschockt, die Kurse der Papiere stürzen ab.

Mit den Bankern aus Genua gelingt eine Einigung rasch. Mit den Fuggern verständigt man sich endgültig erst 1562, nachdem Anton sich selbst auf die beschwerliche Reise von Augsburg nach Madrid gemacht hat. Der Haircut ist beträchtlich – angeblich 370.000 Dukaten –, auch wenn sich die Fugger bei der Gelegenheit das Recht zur Ausbeutung der Quecksilbervorkommen von Almadén sichern.

Schon wenig später herrscht wieder Ebbe in der Kasse. Er hätte nie geglaubt, „dass es so schlimm sein könnte“, schreibt Philipp an den Kardinal Granvella. Er führt kostspielige Feldzüge gegen die Türken, gegen Portugal, Frankreich, England und gegen Fürstentümer in Italien und Deutschland. In den 1560er-Jahren bricht ein Aufstand in den Niederlanden aus, der als 80-jähriger Krieg in die Geschichte eingehen wird. Die Marine des Königs schlägt sich mit Feinden und Piraten im Mittelmeer herum, genauso im Atlantik, im Indischen und im Pazifischen Ozean. Philipp braucht Geld, Geld und mehr Geld.

Die Krone kratzt Dukaten zusammen, wo möglich: Verkauf von Adelstiteln, Legitimierung von Söhnen Geistlicher, Schaffung staatlicher Ämter, Verkauf von Kronland. Dörfer nutzen die Gelegenheit, sich selbst zu kaufen und so die städtische Gerichtsbarkeit abzuschütteln. Der Herzog von Alcala kauft für 150.000 Dukaten 1500 Leibeigene, aber auch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ich habe es nie geschafft, dieses Geschäft mit Krediten und Zinsen in meinen Kopf zu kriegen
Philipp II.

Nicht einmal die Ausbeutung der Kolonien rettet die Habsburger. Schon 1520 war die erste Ladung Azteken-Gold in Barcelona angekommen. 1545 werden die Silberminen von Potosí im heutigen Bolivien entdeckt. 16.886 Tonnen Silber erreichen Spanien offiziell zwischen 1500 und 1650, und 181 Tonnen Gold. Eine Flat Tax von 25 Prozent streicht die Krone ein. Unter Philipp II. vervierfachen sich die Einnahmen von 3 auf 12 Mio. Dukaten. Doch auch die Ausgaben steigen – und die wachsende Inflation frisst den Kaufwert auf. „Das spanische System wäre eher kollabiert, hätte es nicht die zeitweilige Illusion des Wohlstandes durch das Silber aus Amerika gegeben“, schreibt der Historiker James MacDonald.

„Du musst dich intensiv mit den Finanzen beschäftigen und lernen, die Probleme zu verstehen“, hatte der Vater gemahnt. Philipp beginnt, sich nun eingehend darum zu kümmern, obwohl sein Herz der Kunst und Musik gehört. Er ist ein in seiner Lebensführung pingeliger Mann. Doch die Zahlen bekommt er nicht in den Griff. „Ich habe es nie geschafft, dieses Geschäft mit Krediten und Zinsen in meinen Kopf zu kriegen“, gesteht er 1580 seinem Finanzminister. Auch der hat nur begrenzt Überblick über die Staatsfinanzen. Das war in dieser Zeit nicht ungewöhnlich: In der Regel kannten nicht einmal die Finanzbeamten die genaue Höhe der Lasten und Einkünfte, die ja zum größten Teil direkt an die Gläubiger abflossen.

„Schuldenmanagement durch Bankrott“

Auf deren Seite steht mehr Expertise. Mit der Pleite von 1557 hat das Zeitalter Genuas begonnen. Die Genuesen, mit ihrer Pioniererfahrung aus der Bank Casa di San Giorgio, verdrängen die Fugger als die Banker der Habsburger. „Es ist so weit gekommen, dass sie es für eine Schande halten, andere Geschäfte zu machen“, beobachtet ein venezianischer Gesandter 1573 staunend. Zu den großen Figuren der Zeit werden Leute wie Agostino Spinola, Stefano Lomellino, Nicolo Grimaldi, Stefano Grillo. Viele hispanisieren ihre Namen, so wird Niccolò De Negro zu Nicolao. Denn das erleichtert das Geschäftemachen in Madrid – auch wenn die Vorgabe, dass mit der Krone nur Kastilianer handeln dürfen, alle Beteiligten fröhlich missachten. Im Gedicht „Don Dinero“ von Francisco de Quevedo y Villegas heißt es: Das Geld wird geboren in Indien, stirbt in Spanien und wird begraben in Genua.

Doch auch die Genuesen entkommen dem nicht, was der Historiker James MacDonald „Schuldenmanagement durch Bankrott“ nennt. Mit einem Haircut verschafft sich die Krone immer wieder Luft und beginnt sogleich neue, kurzfristige Schulden aufzutürmen. Irgendwann sind auch die untragbar – auch weil die Kreditkosten mit wachsender Schuld steigen –, und der Kreislauf beginnt von vorne. Wieso aber lassen sich die Gläubiger immer wieder drauf ein? Ist es Dummheit, Angst vor dem Herrscher?

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Keinem seiner Banker krümmte Philipp je ein Haar. Lange ging die Geschichtsschreibung davon aus, dass es sich beim Finanzgebaren des 16. Jahrhunderts um einen Fall der irrational exuberance, der Gier und des Herdentriebs handelte. Doch die Autoren Hans-Joachim Voth und Mauricio Drelichman diagnostizieren in ihrem Buch das Gegenteil: Alle Beteiligten handelten rational. Für die beiden Ökonomen hat die Beziehung zwischen Philipp und seinen Bankern in Teilen sogar Modellcharakter. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Bewertung der Finanzgeschichte.

Die Banker, so die Autoren, wussten, was sie taten. Sie ließen sich angesichts der immer wiederkehrenden Blasen keinesfalls von der Illusion einlullen, dass „beim nächsten Mal alles anders wird“. Sie kalkulierten im Gegenteil die Kosten ein – und hielten sich an hohen Risikoprämien schadlos. Die Profite im Handel mit Philipp II. waren größer als anderswo, und meist folgte dem Bankrott im neuen Vertrag eine Kompensation für die Verluste. Die Rendite der Bankiers lag über 30 Jahre bei durchschnittlich 3,16 Prozent. „Fast keine Bankiersfamilie hat Geld verloren“, stellen die Wissenschaftler fest. Am schlimmsten traf es die Gläubiger im Jahr 1575, als der Durchschnittsverlust bei 38 Prozent lag. „Gemessen an modernen Standards waren die Pleiten milde.“

Gemessen an modernen Standards war auch die Verschuldung Spaniens mit rund 60 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt begrenzt. Die Ökonomen gehen sogar noch weiter: Nach 1566 seien die spanischen Finanzen „nachhaltig“ gewesen. In den 30 Jahren danach seien die Schulden relativ zu den Einkünften nicht gewachsen. „Die Zahlungsstopps spiegelten temporäre Liquiditätsschocks“ – sprich, die Kriege.

Die Gläubiger wussten, dass es zu Engpässen kommen kann. Entscheidend für sie war, dass Philipp die Zahlungen nicht aus bloßer Willkür einstellte, also im Sprachgebrauch der Ökonomie „opportunistisch“ handelte. Der Unterschied zwischen „zahlen können, aber nicht wollen“ und „zahlen wollen, aber nicht können“ war für die Finanziers ausschlaggebend. Dieses Ausfallrisiko ließ sich kalkulieren. Auch dauerten die Umstrukturierungsverhandlungen in der Regel weniger als zwei Jahre, während sie sich heute im Schnitt acht Jahre hinziehen.

Gläubiger handelten als Kartell

Die Genuesen, vorsichtig geworden durch die erste Pleite von 1557, entwickelten eine Art Financial Engineering. Sie verteilten das Risiko der Asientos, der Schuldverschreibungen, auf viele Schultern. Anders als Bankeinleger heute beteiligten sich Subfinanziers an bestimmten Papieren: Fielen die Einkünfte daraus weg, traf der Ausfall nicht eine einzelne Bank. Und die Gläubiger handelten als Kartell. Vertragliche Vereinbarungen verhinderten, dass Einzelne sich auf Kosten der anderen mit dem säumigen Zahler arrangierten.

Was heißt das für Griechenland & Co? Nach Ansicht von Voth und Drelichman hält das 16. Jahrhundert zwei wichtige Lektionen für die Gegenwart bereit: Damals wurde erfolgreich das Konzept staatlicher Eventualverbindlichkeit praktiziert: Ob Schulden im vollen Umfang bedient werden, hängt danach von den Umständen ab. Im Notfall, zum Beispiel wenn eine Natur- oder sonstige Katastrophe den Staatshaushalt trifft, werden Zinsen und Rückzahlungen vermindert. Dafür kassieren die Gläubiger in den guten Zeiten satte Prämien.

Eine solche Regelung hätte- womöglich auch einige der Euro-Schuldnerstaaten heil durch die Krise gebracht. Denn sie hätte verhindert, dass die Länder in eine ökonomische Abwärtsspirale geraten: Es wäre ihnen der brutale Sparkurs erspart geblieben, der sie immer weiter in die Rezession drückt und damit die Rückzahlung der Schulden immer aussichtsloser macht. Allerdings: Staaten, die strukturell überschuldet sind, würde das Überbrücken zeitweiliger Finanzengpässe auch nicht retten.

Die zweite Lektion betrifft die Gläubigerseite: In der aktuellen Finanzkrise mussten die Staaten reihenweise Banken heraushauen, weil deren Kollaps möglichweise die Realwirtschaft mit in den Abgrund gezogen hätte. Voth und Drelichman stellen heraus, dass es zu Philipps Zeiten besser gelang, das Risiko weit zu streuen: Statt ihr Geld bei Banken einzuzahlen, beteiligten sich die Investoren direkt an den Staatskrediten. Ein Ausfall verteilte sich also auf deutlich mehr Schultern. Und einzelne Banken gerieten so weniger tief in die Misere – oder waren zumindest durch ihre geringere Größe nicht so systemrelevant für das gesamte Finanzsystem.

Im Rückblick auf die Ereignisse des 16. Jahrhunderts sind sich die beiden Wirtschaftshistoriker in einem jedenfalls sicher: „Spanien ist nicht wegen seiner Haushaltspolitik, sondern trotz eines erstklassigen Finanzsystems abgestiegen.“


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