KolumneObszöne Selbstbereicherung

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Als Personalvorstand des VW-Konzerns setzte Horst Neumann in den vergangenen zehn Jahren nur wenig Zeichen. Moderne Führungskräfteentwicklung? Fehlt. Die nachhaltige Förderung von Diversität? Nicht vorhanden. Die Konzernkultur? Ein einziger Anachronismus, wie wir spätestens seit dem Betrugsskandal bei Dieselmotoren wissen. Die Hauptarbeit Neumanns konzentrierte sich darauf, die Betriebsräte des Konzerns bei Laune zu halten. Trotzdem erhielt der VW-Manager für seine überschaubaren Leistungen nicht nur ein gutes Gehalt, sondern fürstliche Pensionszusagen in Höhe von 23,7 Mio. Euro.

Immerhin hat sich der ehemalige IG-Metall-Funktionär einen Rest von Schamgefühl erhalten. Nachdem die Höhe seiner künftigen Rentenzahlungen in der letzten Woche für Empörung sorgte, verkündete Neumann die Gründung einer angeblich schon seit langem geplanten gemeinnützigen Stiftung. Sie soll in den Genuss einiger Millionen Euro kommen, weil Neumann der „Allgemeinheit etwas zurückgeben“ will.

Den meisten anderen Dax-Vorständen fehlt dagegen jedes Gespür für die unanständige Selbstbereicherung, die sich bei ihren Pensionen in den letzten Jahren entwickelt hat. Die Höhe mancher Zahlungen kann man, ethisch gesehen, nur noch als obszön bezeichnen. So haben die Zusagen für Daimler-Chef Zetsche beispielsweise die 30-Millionen-Euro-Grenze überschritten. Auch betriebswirtschaftlich sind die Vorstandspensionen mittlerweile zu einer echten Belastung für die Konzerne geworden. Die Hans-Böckler-Stiftung der Gewerkschaften ermittelte im letzten Jahr die phantastische Zahl von insgesamt 4,8 Mrd. Euro, die alle Dax- und M-Dax-Konzerne gemeinsam für aktive und ehemalige Vorstände aufbringen müssen.

Bei Pensionen international weit vorn

Ein nach wie vor schwer angeschlagenes Unternehmen wie Thyssen-Krupp schleppt nach dieser Untersuchung entsprechende Pensionslasten von 292 Mio. Euro in der Bilanz mit. Das entspricht einem ganzen Jahresgewinn. Während sich die Aktionäre mit 15 Cents Dividende pro Aktie bescheiden, kassieren ehemalige Thyssen-Krupp-Vorstände Millionen.

In den vergangenen Jahren konzentrierte sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich auf die Managergehälter, nicht auf die Pensionen. Für die Bezüge der aktiven Spitzenmanager gibt es, wenn man von einigen Übertreibungen absieht, gute Argumente. Eines der wichtigsten: Deutschland muss im internationalen Wettbewerb um unternehmerische Talente mithalten. Gerade dieses Argument kehrt sich jedoch bei den Pensionen gegen die deutschen Konzerne: Bei den Renten liegen deutsche Vorstände im globalen Vergleich weit vorn. In den Vereinigten Staaten kennen die meisten Konzerne überhaupt keine vergleichbaren Zusagen. Man stattet dort die Spitzenmanager mit sehr guten Gehältern und Aktienoptionen aus – ihre Altersversorgung müssen sie dagegen selbst in die Hand nehmen.

Die deutschen Aufsichtsräte haben bei der Kontrolle der Pensionszusagen fast ausnahmslos versagt. Und auch auf den Hauptversammlungen spielt das Thema bisher so gut wie keine Rolle. Man kann also entweder nur resignieren und die Selbstbereicherung einer ganzen Kaste achselzuckend hinnehmen – oder die öffentliche Auseinandersetzung über Fälle wie Neumann führen. Dieser Kommentar ist ein Beitrag dazu.