InterviewPascal Lamy: „Eine WTO ohne die USA ist vorstellbar“

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Ist ein Ende des Handelskriegs USA-China absehbar?

Ich weiß es nicht. Wenn die USA China ernsthaft andere Regeln abringen wollen, ist die Frage, ob China bereit ist, strukturell etwas zu ändern. Der vor 40 Jahren eingeschlagene Weg zu einem regelbasierten marktorientierten System nahm die Wende zu einer stärker staatlich getriebenen Wirtschaft, die natürlich ein Problem im globalen Marktkapitalismus ist. China müsste umkehren, sich öffnen, reformieren und den staatlichen Einfluss in der Wirtschaft verringern. Aber das ist ein großes Politikum.

Also wird China hart bleiben?

China wird nicht unter äußerem Druck handeln. Was wir beeinflussen können, ist die innenpolitische Debatte. Die Hälfte Chinas schreibt das gewaltige, beispiellose, unvergleichliche Wirtschaftswachstum einem geschickten Import des westlichen Marktsystems zu; die andere Hälfte erklärt den Erfolg mit dem Festhalten an chinesischen Charakteristiken.

Wird dann eine der Konfliktparteien die Oberhand bekommen?

Man weiß bei Trump nie, ob er bereit ist, ein Riesenchaos anzurichten oder sich mit ein paar Cent abzufinden. Er hält sich bedeckt, verbirgt seine Verhandlungsposition, verfolgt die üblichen Taktiken, die vielleicht in seiner Branche funktionieren. Ich bezweifle aber, dass die USA ein großes Immobilienunternehmen sind. Beide Seiten können eine Weile leiden. Aber die Zeit spielt wie immer für China. Das entspricht ihrer Geisteshaltung. Trump ist total auf das Wahljahr 2020 fokussiert, China auf 2050.

Also keine Entwarnung im Jahr 2019?

Das hängt stark von den Finanzmärkten ab – ob die New Yorker Börse auf Bär oder Bulle dreht. Das ist das ultimative Barometer für jemanden wie Trump. Wenn er weiter Unruhe stiftet, wird die Strafe von der Börse kommen. Bisher scheint er zu reagieren, wenn sie signalisiert, er sei zu weit gegangen ist.

Wie wird sich der Streit um Huawei entwickeln?

Das ist ein ganz besonderer Fall. Die Telekommunikationstechnologie ist eine der wenigen Bereiche, in denen China eine globale Marke in einem sehr sensiblen Feld geschaffen hat. Es überrascht nicht, dass beide Seiten dies als symbolischen Kampf betrachten. Und Trump braucht ein Symbol, auf das er schießen kann.