DigitalisierungPapier-Ungeheuer sterben aus

Digitalisierung ohne Bezug zum Unternehmen – oder zum Markt – ist sinnlos.Hannah Wei CC0

Kabel ohne Ende, unzählige Steckverbindungen: Was sich in Schaltschränken versteckt, sorgt dafür, dass Maschinen und komplette Anlagen sich austauschen können. Bei H. Westermann in Minden werden solche Schränke zusammengebaut. Da jeder ein Unikat ist, kämpfen sich die Monteure durch voluminöse Ausdrucke. Von „Papier-Ungeheuern“ spricht Monteur Kai Watts, der derzeit eine Alternative austestet. Auf seinem Tablet ist das digitale Abbild des Schaltschranks eingeblendet, die Konstruktionsdaten sind 1:1 hinterlegt. „Und das Programm führt uns durch die gesamte Montage“, sagt Watts, „der direkte Vergleich ist schon beeindruckend.“ Die Zeit der Papier-Ungeheuer läuft ab.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Vom Einkauf über die Produktion bis zum Vertrieb: Für jedes einzelne Glied der Wertschöpfungskette gilt es zu beweisen, dass digitale Prozesse besser laufen. Und „besser“ heißt leichter, schneller, lukrativer. Ansonsten passiert, was der frühere Deutschland-Chef von Telefónica, Thorsten Dirks, so ausdrückt: „Wenn Sie einen Scheißprozess haben und den digitalisieren, dann haben Sie einen scheißdigitalen Prozess.“ Das, ahem, gilt es zu vermeiden.

„Alles bleibt, wie es ist“ ist leider keine Option. Das liegt an Produkten, die mit mehr Elektronik aufgepeppt werden. Das liegt an flexibleren und modulareren Prozessen, die eine entsprechende Software brauchen. Und das liegt an Maschinen, die sich über Sensoren vernetzen. Die Zukunft kennt keine Alternative zur Digitalisierung.

Digitalisierung nützt, wenn’s passt

So viel ist auf einmal möglich: Fertigung „on demand“, die vorausschauende Wartung von Maschinen, gar der Wandel vom Produkt- zum Service-Anbieter. Geht alles. Doch wie überzeugend solche Optionen sind und welche jeweils passt, das muss jedes Unternehmen für sich entscheiden.

Zum Glück haben sich bereits Hunderte von Mittelständlern auf digitale Felder vorgewagt. Abgucken ist erlaubt. Von H. Westermann in Minden lässt sich abgucken, wie allmählich Papier-Ungeheuer verschwinden. Die Monteure nutzen zwar Tablets, noch aber gibt es parallel dazu die Ausdrucke. Sie gewöhnen sich langsam an digitale Arbeitsmittel, bis sie eines Tages fehlende Materialien direkt identifizieren und per Klick am Tablet nachbestellen.

Ob vorsichtige Schritte gewählt oder die Siebenmeilenstiefel übergestreift werden – Hauptsache, das Tempo passt. Bei Bausch + Ströbel etwa muss sich nur ein Schreiner neue Aufgaben suchen. Die Ilshofener stellen Verpackungsmaschinen her. Früher musste der Schreiner alle Maschinen in Originalgröße aus Holz vorbauen, damit Kunden noch Änderungswünsche loswerden konnten. Die Modelle gibt es weiterhin – allerdings nicht mehr aus Holz, sondern digital und dadurch deutlich schneller.

Die Glieder der Wertschöpfungskette

Es geht eben nicht darum, alles über den Haufen zu werfen, sondern zu fragen: Wo hilft mir die Digitalisierung? Im Vertrieb, hat beispielsweise die Metzgerei Böbel aus dem fränkischen Rittersbach herausgefunden. Metzger Claus Böbel macht die Hälfte seines Umsatzes online, seine Webpräsenz auf www.umdiewurst.de gibt’s auch auf Englisch und Chinesisch, und seine Würste werden bis nach Jamaika verschickt.

Egal, an welchem Glied der Wertschöpfungskette digitale Chancen gesehen werden: Sie müssen schlüssig und folgerichtig zum Unternehmen passen. Das gilt sogar, wenn die Digitalisierung das Geschäftsmodell umkrempelt, wie es bei B.A.S. Verkehrstechnik passiert. Ursprünglich stellte das Unternehmen nur Warnleuchten und Verkehrszeichen her, peu à peu wuchs die Expertise zu Verkehrstechnik und -sicherheit. Deshalb nimmt der hannoversche Mittelständler im „Sorglospaket“ neuerdings Behörden wie Firmen die Planung, Vermietung, Montage und Wartung von Verkehrseinrichtungen ab – und was sonst noch alles anfallen könnte. Das Wissen ist ja in-house sowieso vorhanden.

Logistik als Vorbild

„Unternehmen müssen sich der Digitalisierung konstruktiv annehmen, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen“, fordert Dr. Ingrid Hengster, Vorstandsmitglied der KfW. Sie dürfen dabei gern auf die Logistik schauen. Dort hat die digitale Zukunft längst begonnen. Warenströme elektronisch zu erfassen und Güter über mehrere Stationen hinweg zu verfolgen, das ist längst Standard. Was relativ neu ist: Tourenpläne für Müllwagen. Hausner Logistik Service hat eine Plattform aufgebaut, mit der sich Touren schneller planen lassen und die überdies detaillierte Informationen für jede Mülltonne enthalten, bis hin zu „Anfahrt rückwärts“. Mitarbeiter müssen keine Touren mehr auswendig lernen, alles ist im System hinterlegt. Die Wurzer Umwelt GmbH im bayerischen Eitting hat ausgerechnet, was sie dadurch spart: bis zu 100.000 Euro jährlich für unnötige Zweitfahrten und das aufwendige Einarbeiten neuer Kollegen.

Was viele Mittelständler derzeit noch überfordert: Kundenwünsche in Dienstleistungen umzumünzen. „Das Angebot von Services als zusätzliches Leistungsversprechen wird als Chance für die Zukunft begriffen“, heißt es in der Studie Digitalisierung industrieller Wertschöpfung. Vorerst stehen andere Aufgaben an. First things first.


Vier Fragen

Digitalisierung ohne Bezug zum Unternehmen – oder zum Markt – ist sinnlos. Die Unternehmensberater von GRC haben vier Fragen entwickelt, mit denen Mittelständler sich orientieren können, um digitale Chancen zu erkennen:

  • Wo möchte ich mich mit meinem Unternehmen hin entwickeln?
  • Wo muss ich meinen Wettbewerbern hinterhereilen?
  • Wo kann ich eigene Wettbewerbsvorteile ausspielen?
  • Habe ich Produkte, die ich digitalisieren kann und mit denen ich dadurch besser dastehe?

Mit diesen Fragen sei das Unternehmen mitten im Geschäftsmodell-Check, sagt GRC-Geschäftsführer Roland Gördes. „Genau von dort müssen auch die Impulse kommen, etwas zu verändern.“ Digitalisierung sei niemals der Ausgangspunkt, sondern stets nur eine mögliche Antwort auf die Frage, wie das Unternehmen am Markt erfolgreicher agieren kann.