ReportageOst-Moderne

Lutz Berger
Der Ostdeutsche Lutz Berger ist heute erfolgreicher Mittelständler in Zittau, Unternehmer wurde er aus purer Existenznot
© Daniel Hofer

Das Dasein als Unternehmer erwischte Lutz Berger eiskalt. Als die Mauer fiel, tüftelte der 25-Jährige gerade an einer revolutionären Technik: Sensoren für die Panzer der Nationalen Volksarmee. Berger arbeitete 1989 als Forscher an der Offiziershochschule Zittau in Sachsen. Fachgebiet: Funk- und Nachrichtentechnik.

Auch in den Tagen nach dem 9. November schritt der Oberstleutnant in Uniform ins Labor. Erleichtert, dass alles friedlich geblieben war. Die letzten Monate hatte er gebangt, dass man sie zum Kampfeinsatz rufen könnte. Nun aber war ihm klar, dass mit der Wiedervereinigung als Erstes das Militär abgewickelt werden würde. „Ich hatte Existenzsorgen“, sagt Berger. Er war gerade zum zweiten Mal Vater geworden.

Dann aber tauchte ein Unternehmer aus Baden-Württemberg auf und schlug den Offiziersleuten die Gründung einer Firma vor. Sie sollten eine neuartige Fernbedienung für Stereoanlagen entwickeln. „Plötzlich war ich Unternehmer“, sagt Lutz Berger. „Dabei wusste ich nichts von den Zusammenhängen der Marktwirtschaft. Ich wusste nicht einmal, was ein Unternehmen war.“

25 Jahre ist es her, dass die Mauer fiel und Deutschland über Nacht ein neues Land wurde. 16 Millionen DDR-Bürger wurden in die Freiheit entlassen, sie konnten fortan reisen, arbeitslos werden oder ein Unternehmen gründen. Heute kann an diesem Datum keiner vorbei. Ökonomen, Historiker und Politiker ziehen Einheitsbilanz. Meist geht es um die großen volkswirtschaftlichen Kennziffern, viel um die Kosten der Fusion: 1,6 bis 2 Billionen Euro Fördermittel hat der Westen in den Osten geschaufelt. 70 bis 80 Prozent schafft der Osten heute bei der Produktivität im Vergleich zum Westen. Aber: Wer sind die Menschen, die hinter diesen Zahlen stehen?

Eine ganze Volkswirtschaft stand im Osten in den Neunzigern zum Verkauf, Tausende Betriebe suchten einen Retter und die Menschen neue Arbeitsplätze. Ost- und Westdeutsche fingen im Eiltempo von vorn an, gründeten Firmen allein oder im Gespann, kauften marode Betriebe auf. Es waren turbulente Jahre, in denen das Unternehmertum im Osten neu entstand. Wer waren die Pioniere jener Jahre? Und: Was ist aus ihnen geworden?

Für Lutz Berger war das Unternehmersein erst mal unerquicklich. Bei Firmengründung übernahm der Mann aus dem Westen 51 Prozent. Berger, der Jüngste, bekam 1,5 Prozent, seine fünf ostdeutschen Mitstreiter die restlichen Anteile je nach Berufsjahren. So trugen sie 1991 in Zittau die Firma Digades ins Handelsregister ein. Eines von 140.000 Unternehmen, die allein in diesem Jahr im Osten gegründet wurden.

Berger schuftete zwölf Stunden am Tag und lebte vom Arbeitslosengeld. Verdient hat er zwei Jahre lang nichts. „Wir haben nur für den Wessi gearbeitet und hatten keine Perspektive“, sagt er. „Denn der bezahlte die Entwicklungsarbeit nicht.“

Es war die Zeit, in der die erste Euphorie über die Einheit schon abgeklungen war. Der Begriff „Besserwessi“ wurde 1991 zum Wort des Jahres gewählt. Ostdeutschland hatte nicht nur gute Erfahrungen mit den Westdeutschen gemacht, die nach dem Mauerfall dort auftauchten: Investoren, die tatsächlich nur auf Immobilien spekulierten oder Fördergelder mitnehmen wollten. Und nicht im Traum daran dachten, wirklich zu investieren und zu sanieren. Der frühere Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau etwa bezeichnete die ersten Jahre der Einheit als das „größte Bereicherungsprogramm für Westdeutsche, das es je gegeben hat“.

Auch bei Bergers Firma Digades gärte es. Heimlich gründeten die Ostdeutschen parallel eine eigene GbR, Berger fuhr im Land herum, studierte den Markt, betrieb Akquise. 1993 kam es zur Machtprobe: Die Ostdeutschen drängten den Westdeutschen heraus und übernahmen Digades allein. Von da an lief es besser. „Wir konnten uns selbst um Kunden kümmern und Entwicklungsaufträge an Land ziehen.“

Der Durchbruch kam mit Mercedes: Digades entwickelte den ersten Funkschlüssel für die Hosentasche, mit dem die Autoheizung aus einem Kilometer Entfernung gestartet werden kann. Heute arbeiten in der Firma 160 Mann, allein 50 in der Forschung. Das Unternehmen wächst jährlich zweistellig.

Es ist keine ganz typische Geschichte für ein Unternehmen in Ostdeutschland. Firmen, die forschen, innovativ sind und hohe Gehälter zahlen können, gebe es dort noch zu selten, urteilt Ulrich Blum, der an der Uni Halle die Ost-West-Transformation untersucht. Bis heute forschen die privaten Unternehmer im Osten im Verhältnis zur Wertschöpfung nur halb so viel wie ihre Pendants im Westen. Das liegt daran, dass es viel mehr extrem kleine Unternehmen gibt, rund 90 Prozent machen einen Umsatz von weniger als 0,5 Mio. Euro. Eigenständige Forschungsabteilungen können sich solche Firmen nicht leisten. Nach wie vor dominierten die Werkbänke großer Konzerne wie Volkswagen oder Bayer. Aber dann gibt es ja noch Leute wie Stephan Schambach.