LichtkonzernOsram - Chronik eines Managementversagens

Zwei Frauen unterhalten sich vor Beginn der Hauptversammlung von Osram im Kongresszentrum der Messe München vor einem über mehrere Monitore dargestellten Osram-Logo.
Osram: Die Traditionsfirma wird an zwei US-Finanzinvestoren verkauftdpa

Am 18. September 2017 ist die Welt für Osram noch in Ordnung. Im Infinity Hotel im Norden Münchens beginnt an diesem Montag die berühmte Deutschland-Konferenz der Berenberg Bank, auf der sich große Konzerne wichtigen Investoren präsentieren. Ingo Bank, ein weltläufiger 49-Jähriger mit Stirnglatze, tritt erstmals als Finanzchef des Lichtkonzerns vor ein ausgesuchtes Publikum – und darf sich gleich ein hohes Lob abholen: Charlotte Friedrichs, die Berenberg-Expertin für Osram, spricht von einer „ermutigenden Präsentation“. Sie setzt setzt ein hohes Kursziel von 87 Euro für die Aktie  fest und „prophezeit dem Konzern eine gute Entwicklung“.

Leider trifft nichts davon ein. Die Osram-Aktie sinkt nach drei Gewinnwarnungen bis heute auf unter 30 Euro. Statt freie Betriebsmittel zu erwirtschaften, verbrennt der Konzern Geld. Unter den entmutigten Mitarbeitern und Managern rumort es. Ingo Bank und sein Chef Olaf Berlien rudern wild herum, um sich zu halten. Und Berenberg-Expertin Friedrichs schreibt am 5. April dieses Jahres in ihrer letzten Analyse: „Kein Befreiungsschlag in Sicht.“

Capital-Cover
Die neue Capital

Wie kann es kommen, dass sich die Lage eines Konzerns in so kurzer Zeit völlig dreht? Schließlich glaubten Ende 2017 nicht nur Aktienexperten, Osram stehe vor einer glänzenden Zukunft. Mitarbeiter berichteten damals von einem „wirklichen Aufbruch“. Sogar die IG Metall lobte die Konzernspitze. Und auf capital.de erschien eine Geschichte mit der schönen, aber im Nachhinein völlig falschen Überschrift „Der Mann, der Osram anknipste“ – geschrieben vom Autor dieser Zeilen.

Grund genug, noch mal gründlich nachzuschauen. Nach etlichen Gesprächen mit Mitarbeitern ergibt sich ein düsteres Bild – eine toxische Mischung aus überhöhten Erwartungen, vermeidbaren Fehlern und zu vielen Umbauten in zu kurzer Zeit. Die Geschichte der letzten 18 Monate war bei Osram eine Geschichte der verlorenen Übersicht unter immer schwierigeren Bedingungen. Eine Chronologie der hektischen Verzettelung und ein Lehrstück für alle Manager, die zu viel wollen und deshalb vielleicht zu wenig erreichen.

Mittwoch, 20.09.2017

In Regensburg wächst der Neubau von Osram Opto Semiconductors in die Höhe. Der Konzern verdoppelt die Produktionsfläche für Halbleiterbauteile, man plant groß. Personalchef Gerald Froidl, seit 15 Jahren bei Osram, will in den nächsten Jahren 1000 neue Stellen besetzen, die Belegschaft soll um ein Drittel wachsen.

Montag 25.09.2017

Osram kündigt in München einen ganz neuen „intelligenten Scheinwerfer“ mit 1024 einzeln ansteuerbaren Lichtpunkten an. Ein Prototyp sei fertig, jetzt gehe es um die Serienreife. Produziert werden soll aber erst ab Anfang 2020. „So ist es oft bei uns“, sagt der Osram-Manager Bertold Huber (Name v. d. Red. geändert): „Wir gackern früh, aber legen oft erst sehr viel später Eier.“

Donnerstag, 05.10.2017

Siemens verkauft den Rest seiner Osram-Aktien für 1,2 Mrd. Euro. Die Aktie steht bei 65 Euro. Siemens-Chef Joe Kaeser hält die Strategie der Osram-Spitze für zu riskant – insbesondere den Bau eines großen Halbleiterwerks in Malaysia, das im Endausbau 1 Mrd. Euro kosten soll.

Freitag, 27.10.2017

Osram-Manager Huber ist dabei, als Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner die neue „Licht und Erlebniswelt“ in der Firmenzentrale eröffnet. CEO Berlien lobt wortreich „unsere Innovationskraft, unseren Pioniergeist und unseren unternehmerischen Mut“. Von revolutionären Produkten ist die Rede, etwa beleuchteter Kleidung oder „Lichtbrillen“ für ein besseres körperliches Wohlbefinden. Der Skeptiker Huber fragt sich schon damals: „Ist das wirklich unser Kerngeschäft?“