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Oligarchenboote „Die Yachten können sich nicht ewig verstecken“

Die „Eclipse“ war zwischenzeitlich die längste Yacht der Welt und gehört dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch
Die „Eclipse“ war zwischenzeitlich die längste Yacht der Welt und gehört dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch
© IMAGO / Peter Seyfferth
Die Superyachten russischer Oligarchen sind ins Visier westlicher Behörden geraten. Manche sind bereits festgesetzt, andere fliehen an entlegene Orte. Der Bootsexperte Martin Hager hat sie im Blick

Als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine versucht der Westen, russische Oligarchen mit Sanktionen unter Druck zu setzen. Vermögenswerte werden eingefroren – im Visier stehen insbesondere die teuren Superyachten der Milliardäre.

Martin Hager und sein Team vom Magazin „Boote Exclusiv“ haben die Yachten schon länger im Blick. Auf ihrer Website dokumentieren die Experten seit einigen Wochen, welche Boote festgesetzt wurden und welche noch unterwegs sind – und wohin sie fahren. Neun Yachten sind demnach bislang beschlagnahmt worden, darunter mit der „SY A“ des Oligarchen Andrei Melnitschenko die größte Segelyacht der Welt, die am 11. März von der italienischen Finanzpolizei in Triest festgesetzt wurde. Andere Boote sind weiter in Bewegung. Einen Überblick gibt Martin Hager im Interview. 

Capital: Herr Hager, warum recherchieren Sie zu den Oligarchen und ihren Yachten? 

MARTIN HAGER: Es ist kein Geheimnis, dass einige der größten Yachten der Welt russischen Oligarchen gehören. Und „Boote Exclusiv“ ist ein Magazin, das sich ausschließlich mit dem Thema Superyachten befasst, für uns ist das Tagesgeschäft.

Auf ihrer Webseite schreiben Sie von einer „Flucht aus der Karibik”. Was meinen Sie damit?

Wenn eine 162-Meter-Yacht mit 18 Knoten statt der sonst üblichen ökonomischen Reisegeschwindigkeit von rund zehn Knoten über den Atlantik prescht, ist das ein Anzeichen dafür, dass es die Yacht – oder der Eigner – eilig hat...

...Sie spielen auf die „Eclipse“ an, das Boot von Roman Abramowitsch.

Genau. Und kurz darauf stand Abramowitsch auf der Sanktionsliste.

Wann haben Sie zuerst realisiert, dass die Superyachten sich auf die Reise machen?

Am 24. Februar hat der Krieg begonnen, dann war erstmal nicht klar, was passiert. Der Fokus lag nun wirklich nicht auf Yachten. Erst nachdem die EU und Großbritannien eine Woche später die Sanktionslisten konkretisiert hatten, landeten Oligarchen und Ihre Besitztümer im Fokus – sowohl bei Behörden als auch bei uns Medien.

Wie sind Sie beim Tracken der russischen Yachten vorgegangen? 

Die Yachten lassen sich über Tracking-Webseiten verfolgen.

Was weiß man ansonsten über die Boote? 

Wir kennen viele Details von vielen Oligarchenyachten. Dazu gehören technische Daten, die Namen der Designer und mitunter Ausstattungsdetails. Viele Merkmale, die über diese Yachten im Internet und in der Presse kursieren, basieren leider auf Spekulationen. So halte ich es zum Beispiel für sehr unwahrscheinlich, dass die 162 Meter lange „Eclipse“ von Roman Abramowitsch tatsächlich über ein – viel zitiertes –Raketenabwehrsystem verfügt. 

Was sie aber offenbar haben, ist eine Art GPS-System – sonst könnte man sie ja nicht tracken.

Ja, dieses muss bei Yachten ab einer gewissen Größe permanent die Position senden. Obwohl es illegal und gegen internationales Seerecht verstößt, haben viele Yachten derzeit ihr AIS, also das automatische Erkennungssystem, abgeschaltet und fahren verschleiert. Das ist ein Zeichen dafür, dass sie eben nicht preisgeben wollen, wohin sie fahren.

Wie funktioniert das AIS?

Es ist ungefähr wie eine Blackbox. Die zeigt ja auch an, wo sich ein Flugzeug aufhält, aber auf dem Schiff wird nicht aufgezeichnet, was zum Beispiel auf der Brücke passiert. Es wird einfach nur das GPS-Signal gesendet und empfangen.

Und die schalten das System einfach aus, obwohl es illegal ist?

Das ist die Entscheidung des Kapitäns – der aber gemäß den Anweisungen des Eigners handelt. Die meisten Großyachten sind übrigens nicht direkt auf den Eigner zugelassen, sondern auf aufwendige Firmenkonstrukte. Das hat auch steuerliche Gründe, viele Yachten sind aus diesem Grund auch auf Malta oder auf den Kaimaninseln registriert.

Wie ist da unser Wissensstand?

Auch jetzt ist nicht bei allen Yachten hundertprozentig geklärt, wem sie gehören. Natürlich gibt es Schiffe, die sich klar zuordnen lassen. So zum Beispiel die Yachten von Andrei Melnitschenko, dessen Schiffe „SY A“ und „A“ unlängst beschlagnahmt wurden. Es ist auch bekannt, das die „Lady M“ Alexei Mordaschow gehört, bei der 141 Meter langen „Nord“ sind es bislang nur Spekulationen. Das herauszufinden ist jetzt Aufgabe der Behörden.

Wie gehen die bei den Beschlagnahmungen vor?

Das ist von Land zu Land verschieden. Grundsätzlich gibt es den Unterschied einer Festsetzung und einer Beschlagnahmung. Bei einer Festsetzung der Yacht in einem Hafen durch die Behörden verbleibt die meist zahlreiche Crew an Bord der Yacht, bei einer Beschlagnahmung wird die Crew freigestellt und muss das Schiff verlassen. Dann organisieren meines Wissens nach staatliche Stellen die nötige Besatzung.

Kann eine Yacht mitten auf der Fahrt angehalten werden? 

Das ist bislang noch nicht passiert, dass Behörden Yachten angehalten und dann beschlagnahmt haben. Die Yacht „A“ von Melnitschenko wurde tatsächlich während der Fahrt angehalten, aber nur, weil sie ohne Flagge gefahren ist. Das ist ebenso illegal wie ein abgeschaltetes AIS-Gerät.

Sie verfolgen, wohin sich die noch nicht festgesetzten Yachten bewegen. Gibt es ein Muster?

In der EU können sie nicht bleiben, da werden sie beschlagnahmt. Montenegro, ein Nato-Mitglied, hat sich ebenfalls den EU-Sanktionen angeschlossen, da können sie nicht hin. Großbritannien funktioniert auch nicht. Irgendwann gehen den Eignern die Optionen aus. Es ist davon auszugehen, dass sich mindestens zwei Yachten ins russische Wladiwostok absetzen. Das ist ein wirklich weiter Weg, fernab von allem. Es wird gemutmaßt, ob nicht noch mehr Yachten diese Richtung einschlagen. Einige Yachten russischer Oligarchen sind auch kurz in Port Said aufgetaucht, zumindest haben sie von dort kurzzeitig GPS-Signale gesendet. Die ägyptische Hafenstadt ist ein Knotenpunkt für den Suezkanal. Von dort ist es möglich, nach Dubai weiterzufahren – oder eben nach Wladiwostok.

Nach Wladiwostok? 

Normalerweise würde keiner dort sein Schiff ablegen, das ist zu weit im Norden und liegt im Nirgendwo. Wladiwostok ist aber ein großer russischer Militärhafen, dort können die Yachten nicht beschlagnahmt werden. Wie es weitergeht für viele dieser Yachten, darüber lässt sich aktuell nur spekulieren. Fakt ist, sie können sich nicht ewig verstecken. 

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