EnergiepreiseÖlreserven anzapfen: Dämpft das den Ölpreis?

An der Zapfsäule steigen die Preise. Aber historisch gesehen ist der Sprit immer noch günstig.
An der Zapfsäule steigen die Preise. Aber historisch gesehen ist der Sprit immer noch günstig. IMAGO / Michael Gstettenbauer

Capital: Herr Frondel, In den USA zapft Präsident Joe Biden die strategische Ölreserve an, um die Spritpreise zu drücken, die auf einem Siebenjahreshoch sind. Wird das funktionieren?

Prof. Dr. Manuel Frondel, RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Prof. Dr. Manuel Frondel, RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

MANUEL FRONDEL: Diese aktionistische Maßnahme zur Beruhigung der amerikanischen Autofahrer kurz vor Thanksgiving wird nur geringe lokale und allenfalls sehr kurzfristige Auswirkungen haben. Die Freigabe von insgesamt 50 Millionen Barrel aus der US-Ölreserve entspricht gerade einmal etwa der Hälfte des weltweiten Tagesverbrauchs von Rohöl. Der lag vor Corona bei rund 100 Millionen Barrel.

Es handelt sich also um Symbolpolitik?

Man kann bei dieser Aktion beinahe von einer Eintagsfliege sprechen. Die Zweckentfremdung der strategischen Ölreserve kann somit getrost als große PR-Aktion bezeichnet werden, die die Benzinpreise allenfalls kurzfristig etwas senkt. Aber die Verbraucher werden später teuer bezahlen müssen, falls die Ölreserve zu hohen Preisen wieder aufgefüllt wird.

Welche Auswirkungen kann das hierzulande auf die Verbraucher von Öl und Gas haben?

Angesichts der im weltweiten Maßstab recht geringen Mengen, die zusätzlich auf den Markt geworfen werden, werden die Auswirkungen hierzulande praktisch nicht zu spüren sein.

Hätte dann nicht eine Beteiligung Europas und Deutschlands in einer konzertierten Aktion Sinn gemacht, um das Ölkartell Opec+ zu beeindrucken?

Nein. Deutschland und Europa tun gut daran, ihre Ölreserven nur für das zu benutzen, wofür sie angelegt worden sind: Zur Milderung von Versorgungsengpässen in Krisenzeiten.

Einige große Importeure wie China, Indien oder Japan beteiligen sich an der Aktion. Wird das einen großen Unterschied machen? Und welche Rolle spielt die Internationale Energieagentur?

Auch das wird die Effektivität der Maßnahme in Bezug auf substantielle und nachhaltige Preissenkungen bei Benzin nicht wesentlich verbessern können. Die IEA wird hoffentlich dazu mahnen, die Ölreserven nur für den Zweck zu verwenden, für den sie angelegt wurden: zur Überbrückung von kurzen Krisen.


Deutschland hält strategische Ölreserven für 90 Tage Vollversorgung vor. Die gesetzliche Vorratspflicht bemisst sich – vereinfacht gesagt – nach der durchschnittlich in 90 Tagen in die Bundesrepublik eingeführte Menge an Erdöl und Erdölerzeugnissen. So könnte also für drei Monate ein vollständiger Ausfall aller Importe ausgeglichen werden. Die Reservepflicht wird vom Erdölbevorratungsverband (EBV) erfüllt, der dem Bundeswirtschaftsministerium untersteht. Nach der europäischen Ölbevorratungsrichtlinie von 2009 halten alle EU-Mitgliedstaaten Mindestvorräte an Erdöl und/oder Erdölerzeugnissen und erfüllen somit die gleiche Bevorratungspflicht wie die 29 IEA-Mitgliedsländer.

Eine Freigabe von Krisenvorräten ist unter anderem zulässig zur Verhütung unmittelbar drohender Störungen in der Energieversorgung, zur Abwehr eines beträchtlichen und plötzlichen Rückgangs der Lieferungen von Erdöl oder Erdölerzeugnissen sowie zur Erfüllung eines Beschlusses im IEA-Verwaltungsrat. In Deutschland wurden bislang dreimal strategische Ölreserven freigegeben, jeweils aufgrund eines solchen Beschlusses: Die Anlässe waren der Golfkrieg 1990/91, die von den Hurrikanen „Katrina“ und „Rita“ 2005 angerichteten Schäden in den USA sowie der Ausfall libyscher Ölexporte im Jahr 2011.


Müssen wir jetzt mit einer Gegenreaktion der Öl produzierenden Länder rechnen, die dann auch unsere Importe verteuern könnten? Wie wird die OPEC gegensteuern?

Es könnte sein, dass die Opec+-Staaten ihre monatliche Ausweitung des Ölangebots von 400.000 Barrel pro Tag überdenken.

Wo werden sich die Ölpreise Ihrer Meinung nach 2022 einpendeln. Die DZ-Bank erwartet beispielsweise eine Komfortzone von 60 bis 70 Dollar je Barrel…

Ich möchte mich nicht an solchen Spekulationen beteiligen. Wenn ich auch nur die leiseste Ahnung hätte, wo die Ölpreise 2022 liegen werden, würde ich viel Geld in entsprechende Ölpreis-Derivate stecken. So aber investiere ich aktuell lieber viel Geld in die energetische Modernisierung unseres Hausdachs.