GastkommentarÖkonomie des Teilens braucht Freiraum

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Aber wie sieht’s mit dem Rebound-Effekt aus? Steigen Rad- und ÖPNV-Nutzer vielleicht doch gelegentlich aufs Auto um, wenn man nicht für teures Geld selbst eines kaufen muss, sondern auch für den kleinen Geldbeutel und problemlos via App ausleihen kann. Ja, das wird vorkommen. Trotzdem überwiegt bei weitem der ökologische Nutzen, wenn sich die Zahl der Pkw-Stellplätze durch Carsharing reduzieren und anders nutzen lässt. Bei den jungen Menschen lässt sich bereits heute gut erkennen, dass es ihnen nicht um den Besitz eines Autos geht, sondern um die Möglichkeit der Mobilität. Und so werden insgesamt weniger Autos im Individual-Verkauf nachgefragt und damit Ressourcen bei der Produktion eingespart. Um die genauen Effekte hier noch besser zu verstehen, braucht es Forschung, die diese untersucht.

Share Economy – ein Bereich voller Innovationen

Share Economy, wesentlich vorangetrieben durch die Digitalisierung, ermöglicht ressourcenschonende Lebensentwürfe, nachhaltige Mobilität, lässt neue Einstellung zu Konsumgütern entstehen, die anstatt auf dem Müll bei einer neuen Nutzung landen. Share Economy ist aber sicher nicht das Ende des Kapitalismus und neben klar ökologisch und/oder sozial motivierten Ansätzen gibt es natürlich auch vorrangig oder ausschließlich profit-orientierte Modelle. Ist das negativ zu bewerten? Kommt darauf an, wie man allgemein zur Marktwirtschaft steht. Ich sage: Die Entrepreneure der Ökonomie des Teilens sprühen vor Tatendrang und neuen Ideen. Dass Teile von ihnen und ihre Anwender auch finanzielle Anreize antreiben, sollte in einer Marktwirtschaft erst mal nicht verwerflich sein.

Ich sehe auch in gewinnorientierten Geschäftsmodellen zunächst eine Erweiterung und Bereicherung unserer bisherigen Wirtschaft, auch als Raum für neue Gründer. Die Unterkunftsplattform Airbnb konnte doch nur und gerade wegen ihrer innovativen Lösungen für moderne Kundenwünsche in so kurzer Zeit so erfolgreich sein. Sicherlich schätzen die Nutzer auch die attraktiven Preise für eine Unterkunft bei einer Privatperson, ein entscheidender Mehrwert liegt aber doch auch in den persönlichen Kontakten vor Ort. Kunden schätzen die individuelle Einrichtung, professionelle Fotos der Unterkunft und eine benutzerfreundliche Website mit Umgebungskarte und Bewertungen des Gastgebers.

Und zu Uber: Sicher müssen wir genau hinsehen, was der Limousinen-Dienst macht und welche Auswirkungen das auf das lokale Taxi-Gewerbe hat. Man kann aber auch kreativ auf die Herausforderung reagieren. So hat Taxi Stockholm auf Uber nicht mit Verbotsforderungen, sondern mit Innovationen und einer neuen, kundenorientierten Strategie reagiert.

Und wer hindert eigentliche Städte und Regionen daran, im Verbund mit lokalen Hoteliers, mit eigenen Apps, die von Privatwohnungen bis Luxushotels alles anbieten, was Reisende interessieren könnte, in den Wettbewerb zu Airbnb zu treten?

Raum für Experimente lassen

Dem Wandel in unserer Wirtschaft durch Digitalisierung – ob durch Industrie 4.0, Share Economy und wachsende digitalisierte Dienstleistungsangebote – können wir uns nicht verschließen. Wo genau das hinführt, wissen wir heute nicht. Wir können darin aber zumindest zukünftige Marktfelder sehen und als Wirtschaftsstandort eine aktive Rolle als Akteur dabei spielen. Die Stadt Seoul zum Beispiel hat die vielfältigen Vorteile durch Share-Modelle erkannt und ihr Bürgermeister hat seine Stadt zur Sharing City erklärt und fördert entsprechende Strukturen.

Sicherlich müssen wir bei digitalen Geschäftsmodellen und Share Economy auch eine Debatte regulatorischer Fragen, von Arbeitnehmerrechten bis zur Gewährleistung führen. Wir müssen die weitere Entwicklung beobachten und wo notwendig, auch regulieren. Jedoch sollten die Potenziale der Ökonomie des Teilens keinesfalls durch vorschnelle Reglementierung unerschöpft bleiben. Ich plädiere dafür den Mut und die Neugierde zu haben, der Ökonomie des Teilens Entwicklungsraum zu geben.  Jedenfalls sollte ihre Innovationskraft nicht vorschnell – getrieben von der Angst vor Neuem – im Keim erstickt werden.