GasstreitRussland vs. USA: der geopolitische Kampf um Nord Stream 2

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In Wilhelmshaven ist von einem LNG-Terminal heute noch nicht viel zu sehen – nur eine vom Wind zerzauste Fahne mit dem Logo der DFTG, der Deutschen Flüssigerdgas Terminal Gesellschaft. Sie weht in Sichtweite des Jade Weser Ports am nördlichsten Ausläufer von Wilhelmshaven, vor dem versperrten Zugang zu einer Betonbrücke, die wie eine Strandpromenade 1,3 Kilometer in den Jadebusen hinein ragt. Es ist ein anderes Stück Küste für ein anderes Energieprojekt. Die Eon-Abspaltung Uniper, die auch am Nord-Stream2-Projekt beteiligt ist, plant hier eine Anlage, durch die ab 2022 Gas ins Netz gepumpt werden kann. Geschätzte Kosten: 400 bis 450 Mio. Euro.

Über das Gelände führt Eberhard Lange, Ex-Geschäftsführer der DFTG und ein Veteran der deutschen Gaswirtschaft. Lange hat in den 80er-Jahren erlebt, wie die damaligen Gasriesen Ruhrgas und Gelsenberg hier an der Zufahrt zur Deutschen Bucht ein Terminal für algerisches Gas gebaut werden sollte. Die Pläne scheiterten – genau wie ähnlich gelagerte Verhandlungen in den 90er-Jahren. Im neuen Jahrtausend, als der damalige Eon-Chef Wulf Bernotat von einer „wichtigen Ergänzung“ zum Pipelinegas sprach, platzte ein weiterer Anlauf auf den letzten Drücker, weil sich Eon lieber an einem neuen LNG-Terminal in Rotterdam beteiligte. In Wilhelmshaven stehen auf der 84 Hektar großen Brachfläche, die immer noch der DFTG gehört, heute Hochsitze für den Jagdpächter.

Lange, der eigentlich schon in Rente ist, aber jetzt als Berater das Projekt von Uniper begleitet, vergleicht die Bedeutung von Flüssiggas in Deutschland mit einer Sinuskurve. In der jüngeren Vergangenheit geriet LNG vor allem immer dann in den Fokus, wenn es Ärger mit Russland gibt. So geschah es bei den russisch-ukrainischen Gaskrisen nach 2006, ebenso nach der Annexion der Krim 2014.

Gerangel zwischen LNG-Projekten

Während die östlichen EU-Staaten ihre LNG-Infrastruktur bereits massiv ausgebaut haben, um die Abhängigkeit von Russland zu mildern, ziehen die Deutschen erst jetzt nach. Gleich an mehreren Standorten laufen inzwischen konkrete Planungen für einen LNG-Anleger – angetrieben von der Politik, die Flüssiggas als wichtigen Baustein betrachtet, um die Bezugsquellen zu diversifizieren. In Stade an der Elbe kooperiert die örtliche Terminalgesellschaft mit dem US-Chemiekonzern Dow Chemical, der dort ein großes, energieintensives Werk betreibt. Bei der Abgabe eines Förderantrags in Berlin war auch US-Botschafter Grenell anwesend. Für ein Projekt in Brunsbüttel an der Elbmündung hat sich ein Konsortium um den niederländischen Gasnetzbetreiber Gasunie und die Hamburger Tanklagerfirma Oiltanking gebildet. In Brunsbüttel hat sich der Energiekonzern RWE bereits Zugriff auf einen Großteil der Kapazität gesichert.

Welche und wie viele der Projekte tatsächlich umgesetzt werden, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Derzeit läuft hinter den Kulissen noch ein Gerangel zwischen den Standorten – mit Vorteilen für Deutschlands einzigen Tiefwasserhafen Wilhelmshaven, wie die niedersächsische Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller sagt, die die LNG-Planungen im Norden seit Langem eng begleitet. Um den Betreibern die Investitionsentscheidung zu erleichtern, hat Wirtschaftsminister Altmaier zuletzt auch eine wichtige Entscheidung getroffen: Die Kosten für den Anschluss der Terminals an das bestehende Gasfernleitungsnetz an Land müssen nun nicht von den Investoren bezahlt werden, sondern können auf die Verbraucher umgelegt werden. Darüber hinaus winkt die Bundesregierung mit weiteren Subventionen.

Denn Flüssiggas ist, nachdem es gefördert, verflüssigt, transportiert und dann in den gasförmigen Zustand zurückverwandelt wurde, deutlich teurer als Pipelinegas. In Großbritannien und Spanien lag der Spotpreis für Flüssiggaslieferungen im vergangenen Jahr im Schnitt bei mehr als 8 Dollar für eine Million British Thermal Units, eine Vergleichseinheit für den Verbrauch von Erdgas. Der Importpreis für russisches Pipelinegas in Deutschland hingegen machte nur 6,60 Dollar aus.