GasstreitRussland vs. USA: der geopolitische Kampf um Nord Stream 2

Seite: 2 von 5

Berlin, Mitte Februar. Im holzvertäfelten Eichensaal des Bundeswirtschaftsministeriums sitzen unter gewaltigen Leuchtern vier Dutzend Energieexperten und diskutieren an langen Tischen über LNG – das Kürzel steht für Liquefied Natural Gas. Vertreter amerikanischer Flüssiggasverbände und Exportfirmen treffen auf deutsche Manager, am Kopfende thronen Wirtschaftsminister Peter Altmaier und der US-Vizeenergieminister Dan Brouillette. Ein Beamer strahlt das Motto des Treffens an die Wand: „LNG import market Germany: potential and opportunities“.

Die Konferenz ist das Kontrastprogramm zu den Sanktionsdrohungen des US-Botschafters Grenell, die gerade erst ein paar Wochen zurückliegen. Wo der Diplomat polterte, lockt Brouillette nun mit den „unglaublichen Chancen“, die der Import von amerikanischem Flüssiggas für Europa biete. Die Abhängigkeit von Russland stelle eine „strategische Verwundbarkeit“ dar, erklärt der US-Vizeenergieminister. Vor drei Jahren haben die Amerikaner mit dem Export von Flüssiggas begonnen, seitdem haben sie LNG in insgesamt zehn EU-Staaten geliefert, die Brouillette nun der Reihe nach aufzählt. „Aber ein Land fehlt“, sagt er dann: Deutschland.

LNG-Tankschiff im Hafen von Tokio: Bislang verschifften US-Firmen ihr Flüssiggas vor allem nach Asien. Doch zuletzt legten die Exporte nach Europa kräftig zu (Foto: Getty Images)

Nachdem die Amerikaner über Jahrzehnte selbst auf Energieimporte angewiesen waren, wollen sie nun als Exporteur die Weltmärkte aufrollen. An der US-Südküste am Golf von Mexiko nahmen die ersten LNG-Terminals, in denen das Erdgas verflüssigt und auf Tanker verladen wird, Anfang 2016 den Betrieb auf. Allein in diesem Jahr soll die Exportkapazität durch die Eröffnung mehrerer neuer Terminals in etwa verdoppelt werden – und zwar um 55 Milliarden Kubikmeter, die Kapazität von Nord Stream 2.

„Wir haben gerade erst angefangen“, sagt Vize-Energieminister Brouillette – ein Satz, wie ihn auch sein Präsident herausposaunen könnte, der im Sinne seiner America-first-Agenda „Energiedominanz“ der USA anstrebt. Der US-Präsident ist es auch, der sich persönlich für den Export von mehr US-Flüssiggas nach Europa einsetzt. Als der transatlantische Handelskrieg um Autozölle im vergangenen Sommer eskalierte, schloss Trump in letzter Sekunde einen Handel mit EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker. Die US-Regierung ließ ihre geplanten Strafzölle auf Autoimporte vorerst fallen. Im Gegenzug sagte Juncker zu, dass die Europäer mehr Soja aus den USA abnehmen – und mehr Terminals bauen, um Flüssiggas aus den USA zu importieren. Ein ungewöhnlicher Deal, aber ein Deal mit Folgen: Nach Daten der Analysefirma Platts Analytics lieferten US-Exporteure im Dezember und Januar bereits vier Mal so viel LNG nach Europa wie ein Jahr zuvor.

Das aber kollidiert mit den Interessen Russlands. Für Moskau sind Energieexporte geradezu überlebenswichtig. Öl und Gas stellen mehr als die Hälfte aller Ausfuhren des Landes und garantieren einen Großteil der Staatseinnahmen. Eine große Rolle spielen dabei Infrastrukturprojekte wie Nord Stream: Da Gas bisher nur unter hohem technischem Aufwand in flüssiger Form per Schiff transportiert werden kann, hat der Exporteur einen Vorteil, der per Pipeline liefern kann. Der Kreml umwirbt deshalb den Westen, indem er Strippenzieher wie Schröder oder den finnischen Ex-Premier Paavo Lipponen anheuert. Gazprom lässt derweil den Werbepartner Schalke 04 mit dem Spruch „Sichere Energie für Europa“ Propaganda für Nord Stream 2 machen.

Die ausgebootete Ukraine

Energie ist immer auch Politik. Ausfuhren helfen dabei, Druck auf Nachbarländer auszuüben und Devisen ins Land zu bekommen. Die erste Nord-Stream-Pipeline trieb Russland voran, als sich nach der Jahrtausendwende das Verhältnis zur Ukraine verschlechterte. Das Nachbarland war bis zu diesem Zeitpunkt der wichtigste Transitstaat für russische Erdgaslieferungen nach Westen gewesen und hatte damit ein Faustpfand in der Hand: Kiew konnte Gebühren kassieren und wurde strategisch gebraucht.

Das soll sich jetzt endgültig ändern. „Es wird oft argumentiert, dass die Tarife für den Transport durch die Nord-Stream-Pipeline günstiger seien als beim Transport durch die Ukraine“, sagt der russische Oppositionspolitiker Wladimir Milow. „Aber das wichtigste Ziel des Projekts ist es, die Ukraine als Land für den Gastransit loszuwerden.“ Durch die Ukraine strömten 2018 knapp 86,8 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Westen. Die Leitungen sind auf eine Norm von 110 Milliarden Kubikmeter ausgelegt – was exakt der gemeinsamen Kapazität von Nord Stream 1 und 2 entspricht.