KolumneNische oder Systemrelevanz: Wird Libra ausgebremst?

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Libra macht ein Dilemma der internationalen Finanzordnung sichtbar. Weltweit gelten für Finanzdienstleistungen sehr unterschiedliche Vorgaben. Anforderungen formulieren vor allem Staaten aus Europa, Nordamerika und den weiteren G20-Mitgliedern. Sollten für Libra bzw. die darauf aufbauenden Leistungen hunderte verschiedene nationale und internationale Vorschriften gelten, dürfte dies die schnelle Ausbreitung erheblich bremsen. Hilfreich wäre, wie von Joachim Wuermeling, Mitglied im Vorstand der Deutschen Bundesbank, gefordert „eine globale Antwort auf die Pläne von Facebook“. Es dürfte freilich Jahre dauern bis sich die etwa 160 über eine Währung verfügenden Länder bzw. Währungsräume auf eine Sichtweise verständigt haben. Die nationalen Regulierungsregimes sind bisher nicht auf weltweite unbeschränkte Finanztransaktion nach einheitlichen Standards und Kryptozahlungsmittel ausgerichtet.

Zu hohe Erwartungen?

Während sich die Fachdiskussionen auf Risiken und Regulierungsfragen konzentrieren, wird kaum gefragt, ob die hohen Erwartungen an künftigen Nutzerzahlen gerechtfertigt sind. Für europäische Kunden löst das Libra-Netzwerk zunächst keine wirklichen Probleme. Allerdings haben das Banken einst auch von PayPal gesagt. Mindestens eine Ausnahme sind aber die hohen Kosten der Zahlungsabwicklung  für Remittance Payment, also Zahlungen von hier lebenden Menschen an Personen außerhalb der westlichen Industriestaaten. Allerdings erfordert der erfolgreiche Einsatz, dass erhaltenen Zahlungen zu fairen Kursen in die Heimatwährung umgetauscht werden können oder in den Empfängerländern eine Zahlungsinfrastruktur entsteht, die es erlaubt, mit Libra zu zahlen. Mit MPesa existiert dazu bereits eine entsprechende Blaupause in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern. Hier ermöglichen als M-Pesa-Agents bezeichnete Händler die Ein- und Auszahlung von Bargeld. Für Libra wäre das noch aufzubauen.

Facebook hat aus früheren Versuchen, digitale Zahlungsmittel zu installieren (2010 und 2015), gelernt, dass man nicht allein die Finanzwelt herausfordern kann. Dass über Messengerdienste wie WhatApp eines Tages auch Zahlungen geleistet werden können, überrascht nicht (siehe Kolumnen aus 2014 und 2016). Facebook will aber den Einsatz von Drittwallets laut der Senatsanhörung nicht erlauben, so dass Banken und andere Dienstleister diese Kanäle nicht nutzen können, wenn nicht zum Beispiel das europäische Wettbewerbsrecht sie dazu zwingt.

Heute ist trotz der Vorschusslorbeeren längst noch nicht klar, ob Libra ein globaler Erfolg wird und das Netzwerk robust genug sein wird. Aber mit Libra verlassen die Kryptozahlungsmittel endgültig ihre nerdige Nische. Banken, Finanzaufsichtsbehörden und Gesetzgeber sehen Kryptoassets und digitales Geld nicht länger als akademisches Experiment oder als Instrument für Spekulanten . Es wäre außerdem überraschend, wenn andere BigTechs wie Google, Amazon oder Apple das Feld allein dem Libra-Konsortium überlassen. Möglich, dass andere Kryptozahlungsmittel in den Wettbewerb eintreten und ebenso Notenbanken mit eigenen Token mitmischen.

In jedem Fall wird die Technologie für Tokenization von Zahlungsmitteln, Gegenständen und Wertpapieren durch das Libra-Projekt, selbst wenn es ausgebremst wird, erheblich beschleunigt.