KolumneNiemand fragt die Bayer‑Aktionäre

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Es geht nicht nur um die größte, sondern auch um die riskanteste Übernahme in der ganzen deutschen Wirtschaftsgeschichte. Nach monatelangen Verhandlungen zahlt Bayer am Ende 66 Mrd. Dollar für den Saatgutspezialisten Monsanto, wie wir seit letzter Woche wissen. Diese gewaltige Summe bringt den Leverkusener Konzern an den Rand seiner Finanzkraft. Bayer-Chef Werner Baumann verwettet das Schicksal des ganzen Unternehmens auf das Gelingen dieser Operation. Scheitert seine Strategie, droht dem deutschen Traditionskonzern in einigen Jahren die Zerschlagung. Man kann die Bedeutung dieses Deals also gar nicht überbewerten.

Mit der Zustimmung des Aufsichtsrats in der letzten Woche ist die Übernahme für Bayer beschlossene Sache. Niemand fragt die Aktionäre, also die Eigentümer des Konzerns. Nach deutschem Recht müssen sie der Transaktion in ihrer jetzigen Form auch nicht zustimmen. Ganz anders in den USA: Dort können die Monsanto-Aktionäre den Deal mit ihrem Mehrheitsvotum noch stoppen. Eine merkwürdige Situation: Für die Eigentümer von Monsanto, die 128 Dollar in bar pro Aktie erhalten, geht es lediglich um die adäquate Bewertung ihres Unternehmens. Ein zusätzliches Risiko tragen sie nicht. Für die Eigentümer von Bayer, die sich gewaltige Schulden aufbürden, geht es dagegen letztlich um ihren gesamten Besitz. Und doch dürfen sie nicht über die Übernahme abstimmen.

Baumann richtet Bayer neu aus

Nach Meinung des „Wall Street Journals“ strukturieren die Manager von Bayer den Deal mit Monsanto bewusst mit besonders viel Fremdkapital, um einen Beschluss der Hauptversammlung zu umgehen. Nur ein sehr geringer Teil der benötigen Mittel kommt aus einer Kapitalerhöhung. Denn die Ausgabe einer größeren Anzahl neuer Aktien wäre zwingend an die Zustimmung der Aktionäre gebunden.

So aber kann Bayer den Deal durchziehen, ohne ein Votum der Aktionäre einzuholen. Dabei verändert die Übernahme den Konzern in seinen Grundfesten. Unter Baumanns Vorgänger Marijn Deckers war Bayer auf dem Weg zu einem reinen Pharmakonzern. Nach der Abspaltung des restlichen Chemiebereichs in das neue Unternehmen Covestro wäre der Bereich Pflanzenschutz nach Dekkers Strategie aller Wahrscheinlichkeit nach über kurz oder lang ebenfalls verkauft worden. Bayer hätte sich perspektivisch auf zwei eng verbundene Bereiche konzentriert: auf das margenstarke Pharmageschäft und den stabilen Umsatz mit verschreibungsfreien Medikamenten. Für die Aktionäre wäre das eine gute Sache gewesen: Die Börse bewertet reine Pharmakonzerne viel höher als Mischkonzerne.

Baumann wechselt durch den Deal mit Monsanto die ganze Konzernstrategie seines erfolgreichen Vorgängers. Der riesige vereinigte Pflanzenschutz- und Saatgutbereich tritt nun gleichberechtigt an die Seite des Pharmageschäfts. Bayer muss sich deshalb wahrscheinlich schon bald eine neue Führungsorganisation zulegen. Die Gewichte im Vorstand verschieben sich auf jeden Fall. Aus all dem folgt nicht, dass Baumanns Strategie auf jeden Fall falsch ist. Im Gegenteil: Es gibt viele Argumente für den Deal mit Monsanto. Aber darum geht es an dieser Stelle nicht. Der entscheidende Punkt ist: Eine Weichenstellung, die einen Konzern auf Jahre oder sogar Jahrzehnte hinaus verändert, sollte einfach nicht ohne seine Eigentümer geschehen.

 

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