ReportageHolland in Not

Im Industriegebiet von Aalsmeer riecht die Globalisierung nach Blumen. In der Auktionshalle lagern sie zu Millionen im Neonlicht: Rosen aus Kenia, Chrysanthemen aus Israel, Nelken aus Ecuador, Tulpen aus Holland. Viele von ihnen sind heute Nacht gelandet, am Flughafen Amsterdam nebenan. Lastwagen haben sie in Containern herangekarrt zur wichtigsten Blumenbörse der Welt.

Jetzt, um 7 Uhr morgens, stehen sie in Plastikkisten nebeneinander – und werden auf Wagen durch die Hunderte Meter lange Halle transportiert. „Klack“ macht es jedes Mal, wenn die Arbeiter ihre Elektrokarren an einen dieser Wagen andocken. Klack, klack, klack, klack. Die Zeit drängt: Um 10 Uhr müssen die mehr als zehn Millionen Blumen dieses Morgens auf den Lkw ihrer neuen Eigentümer oder im Bauch der Frachtmaschinen nach Amerika sein. Und ihre Versteigerung ist noch in vollem Gange.

Ein paar Meter weiter, auf der Galerie, starren die Blumenbörsianer auf ihre Computer. Wie ein Hörsaal sieht der Auktionsraum aus, nur dass vorne niemand doziert, sondern zwei überlebensgroße Uhren herunterrattern. 100, 90, 80, 70, 60, 50, 40, 30, 27 – dann bleibt der linke Zeiger stehen. Ein belgischer Großhändler hat als Erster den schwarzen Knopf an seinem Pult gedrückt. Jetzt gehören ihm 4320 Chrysanthemen, Stückpreis: 27 Cent. Herkunft: Kolumbien, Güteklasse: A1. Als der Mann zum Telefon greift, um den Kauf zu bestätigen, haben schon die nächsten fünf Chargen einen neuen Eigentümer. Im Schnitt dauert eine Auktion in Aalsmeer drei Sekunden.

Aufs Ausland ausgerichtet

Wie im Hörsaal sitzen die Bieter bei den Blumenauktionen beisammen
Wie im Hörsaal sitzen die Bieter bei den Blumenauktionen beisammen
© Marcel Wogram

Wenn die Globalisierung einen Gewinner hat, dann die Niederlande. Schon seit Jahrhunderten ist Deutschlands kleiner Nachbar ganz groß im grenzüberschreitenden Warenverkehr. Dass das Land die Drehscheibe des internationalen Blumenhandels ist, ist da nur eine Fußnote. Mehr als 27 Millionen Schnitt- und zwei Millionen Topfblumen werden an einem durchschnittlichen Morgen in Aalsmeer und vier weiteren Auktionshallen der Betreibergenossenschaft Royal Flora Holland versteigert. Das macht einen Weltmarktanteil von rund 40 Prozent, 4,6 Mrd. Euro Jahresumsatz – und verschafft mehr als 3000 Menschen Arbeit.

Die Holländer führen Rankings wie den Globalisierungsindex der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich oder den Global Connectedness Index des Logistikkonzerns DHL an. Ihre Unternehmen – vom Ölmulti Royal Dutch Shell bis hin zu Tausenden mittelständischen Betrieben – schlagen Kapital aus dem Zusammenwachsen der Weltwirtschaft. „Die niederländische Wirtschaft ist extrem auf das Ausland ausgerichtet“, sagt der Amsterdamer Ökonom Mathijs Bouman. „Für viele Konzerne ist unser Land viel zu klein. Ihr Markt ist die Welt.“

Die Geschäfte laufen wieder gut nach einem Knick in der Finanz- und Eurokrise. Mit derzeit mehr als zwei Prozent Wachstum übertrumpfen die Holländer sogar Deutschland. Die Arbeitslosenrate fällt in Richtung der Fünf-Prozent-Marke. Der Staatshaushalt konsolidiert sich: Noch in diesem Jahr wird die liberal-sozialdemokratische Regierung unter dem rechtsliberalen Premier Mark Rutte die Staatsverschuldung voraussichtlich unter die Maastricht-Grenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes drücken.

Nichts wäre geschäftsschädigender als neue Zölle und Handelsbarrieren für ihr Land. Und doch könnte Geert Wilders bei der Parlamentswahl am 15. März allen Politikern die Show stehlen. Der Rechtspopulist, der sein gesamtes Wahlprogramm auf eine DIN-A4-Seite gepackt hat, führte lange Zeit die Umfragen an. Und Wilders’ Mantra lautet: „Grenzen dicht.“

Damit meint der Gründer der sogenannten Partij voor de Vrijheid vor allem Flüchtlinge, aber auch Arbeitnehmer aus osteuropäischen EU-Staaten. Wilders will raus aus der EU, und er hat sich wiederholt als Bewunderer des Protektionisten Donald Trump gezeigt. Aber wie passt so ein Abschotter zu dieser Nation? Zum Handelszentrum Europas?

Die Niederlande waren bereits eine Handelsmacht, als sie noch gar keine Nation waren. Der Landstrich an der Nordseeküste stand im 16. Jahrhundert noch unter spanischer Obrigkeit, da schickten Geschäftsleute aus Amsterdam, Rotterdam oder Den Haag ihre Schiffe über die Meere, um Getreide, Silber oder Tabak aus Südeuropa und Amerika heranzuschaffen und sie mit Profit gen Norden und Osten weiterzuverkaufen. Heute exportiert der 17-Millionen-Einwohner-Staat mehr Waren in die Welt als Großbritannien oder Italien – pro Kopf sogar 75 Prozent mehr als Deutschland. Und gerade die Globalisierung hat vielen Bürgern neuen Wohlstand beschert.