Herles‘ Zukunftsblick

KolumneNext Generation Shareholder Value

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Wenig überraschend ist in Davos letzte Woche ein World Economic Forum im Zeichen von Klimawandel und Nachhaltigkeit zu Ende gegangen. Vorstände und Aufsichtsräte rund um den Globus stehen unter ökologischem und sozialem Druck – und das gleich von drei Seiten. Da sind, erstens, immer strengere regulatorische Zwänge in den meisten Ländern. Zweitens macht die Empörung von Gretas Gefolgschaft natürlich nicht vor den obersten Vertretern der Wirtschaft halt. So mancher CEO durfte zuletzt vermutlich am heimischen Küchentisch dem Fridays-for-Future-Tribunal seiner eigenen Kinder darlegen, was er denn für das Wohl kommender Generationen tue.

Schließlich und drittens scheinen Kapitalgeber das vielleicht wichtigste Thema unserer Zeit nun ernsthaft aufzugreifen. In seinem jährlichen Brief an die Vorstandsvorsitzenden der weltweit größten Unternehmen mahnte zuletzt zum Beispiel Blackrock-Gründer Larry Fink verstärkte Klimaverantwortung in den Board Rooms an. Immer mehr Vermögensverwalter erheben Nachhaltigkeit zur strategischen Maxime. So zwingen sie die Manager ihrer Portfoliounternehmen, den grünen und gesellschaftlichen Fußabdruck ihrer Organisationen in die strategische Agenda aufzunehmen.

Zu Ende gedacht…

Im Kapitalismus kommt dem Kapital – wie zu vermuten – eine entscheidende Anreizfunktion zu. Diese Grundlogik eines marktwirtschaftlichen Systems gilt es im Sinne des Pariser Abkommens und der Sustainable Development Goals der UN zu nutzen.

Der Kapitalmarkt-Anreiz-Logik folgten auch Ursula von der Leyen und Christine Lagarde, als sie im Dezember letzten Jahres eine Debatte über grüne Geldpolitik lostraten. Die europäische Zentralbank könnte den Green New Deal der EU unterstützen, indem sie in nachhaltige Anlageformen investiert. Das Ergebnis einer solchen strukturellen geldpolitischen Intervention wären höhere Renditen für Wertpapiere, die Klimaschutzmaßnahmen mit Kapital versorgen, zum Beispiel in Form von Green Bonds.

Aus juristischer Perspektive käme eine solche politische Kapitalallokation jedoch einem Überschreiten des EZB-Mandats gleich. Glaube ich den Lehren meines Volkswirtschaftsstudiums, schadet Christine Lagarde mit ihren grünen Steuerungsüberlegungen der Glaubwürdigkeit ihrer Institution.

Umso wichtiger und ordnungspolitisch wünschenswerter sind deshalb ernstgemeinte Klimaschutzforderungen der größten Asset Manager. Denn auch sie verändern die Anreizwirkung des Kapitals und können so maßgeblichen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft haben.

In den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts ist das Konzept des Shareholder Values aufgekommen. Die einseitige Fokussierung auf den Aktienwert entwickelte sich jedoch zur Semantik einer gewissenlosen Unternehmensführung. Und so verschwand der Begriff über die Jahre wieder aus Firmenpräsentationen und Hauptversammlungsreden. Doch die 20er-Jahre dieses Jahrhunderts könnten das Jahrzehnt eines neuen, „Next Generation Shareholder Values“ werden. „NextGen“ aus gleich zwei Gründen: Zum einen, weil das Konzept des Shareholder Values weiterentwickelt werden muss. Zum anderen, weil es das Wohl kommender Generationen anvisieren sollte.

Denn Nachhaltigkeit ist heute schon zentraler Bestandteil jeder guten Equity Story. Unternehmenslenker können es sich schlicht nicht mehr leisten, das Thema Nachhaltigkeit als nebensächliche Corporate Social Responsibility abzutun. Sie müssen es zum integralen Bestandteil ihrer Strategie machen, und das aus guten ökonomischen Gründen.

Der neue NextGen Shareholder Value ist nicht nur grün und sozial angestrichen. Sein Ziel ist die Maximierung des Unternehmenswertes mithilfe wirksamer Nachhaltigkeits-Initiativen. Dabei bedarf es sowohl betriebswirtschaftlicher als auch technologischer Werkzeuge, um messbaren ökologischen und ökonomischen Impact zu verbinden. Bahnbrechende Innovationsfelder wie zum Beispiel künstliche Intelligenz, 3D-Druck, synthetische Biologie, Nanotechnologie oder Blockchain-Anwendungen können dem reformierten Konzept des Shareholder Values neue Legitimation verschaffen, in dem sie Profitabilität und Nachhaltigkeit versöhnen.

In Davos war vergangene Woche viel vom sogenannten „Stakeholder Capitalism“ die Rede. Die gut gemeinte Ratio hinter dem Begriff: Der Kapitalismus soll allen dienen, nicht nur den Aktionären. Doch den scheinbaren Konflikt zwischen Shareholdern und anderen Stakeholdern gilt es zu überwinden. Der NextGen Shareholder Value könnte dabei einen entscheidenden Beitrag leisten. Action required!

 


Benedikt Herles ist Head of Sustainable Transformation bei KPMG. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Hier finden Sie weitere Folgen von Herles‘ Zukunftsblick