ExklusivNeue Ungereimtheiten bei der Heinsberg-Studie

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Entsprechend hoch waren die Wellen, die der Zwischenbericht von Streeck und seinen Kollegen am Gründonnerstag schlug – vor allem die Zahlen, wonach in Gangelt bereits rund 15 Prozent der Einwohner eine Corona-Infektion durchgemacht hätten und die hohe Dunkelziffer zu einer deutlich niedrigeren Infektionssterblichkeit des Virus führe, als bis dahin angenommen. Eine andere Aussage der Wissenschaftler spielte öffentlich dagegen kaum eine Rolle. So heißt es in dem zweiseitigen Papier der Studienautoren unter dem Punkt „vorläufige Schlussfolgerungen“: Durch das „Einhalten von stringenten Hygienemaßnahmen“ sei zu erwarten, dass „die Viruskonzentration bei einem Infektionsereignis einer Person so weit reduziert werden kann, dass es zu einem geringeren Schweregrad der Erkrankung kommt, bei gleichzeitiger Ausbildung einer Immunität“. In anderen Worten: Durch Abstand halten, Masken und Händewaschen lasse sich die Gefahr eines schweren Verlaufs einer Corona-Infektion vermindern.

Genau diesen Punkt aus dem Heinsberg-Papier griff Laschets Regierung auf, um damit ihren Lockerungskurs zu begründen. So schrieb der stellvertretende Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) am Ostersonntag in einem Gastbeitrag auf der Website der „Welt“, der zwei Tage später auch in der Printausgabe veröffentlicht wurde, der „Befund“ der Heinsberg-Studie zum Zusammenhang zwischen Hygienemaßnahmen, Viruskonzentration und Schweregrad der Erkrankung sei „gerade jetzt von besonderer Bedeutung, wenn es darum geht, Kriterien für eine verantwortbare Öffnung des öffentlichen Lebens neu zu definieren“. Denn dies bedeute, dass Hygienemaßnahmen nicht nur im besten Fall Ansteckungen verhindern, sondern auch Ansteckungen mit einem „milden bis symptomfreien Verlauf begünstigen und selbst das Risiko für Angehörige der Risikogruppen reduzieren“. Konkret folgerte Stamp aus dem „Befund“, es liege nahe, „dass zahlreiche Geschäfte, die die in Supermärkten gelernten Abstands- und Hygieneregeln ebenfalls umsetzen können, sehr bald wieder öffnen können“.

DFG prüft Vorwürfe

Doch ob Streeck und seine Kollegen zu diesem Zusammenhang überhaupt eigene Daten erhoben haben, die in der Wissenschaft Voraussetzung für einen Befund sind, ist zumindest zweifelhaft. So wandte sich nach Veröffentlichung des Zwischenberichts ein Hinweisgeber aus der Wissenschaft an die Uni Bonn sowie an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Sein Vorwurf: „Erfindung von Forschungsergebnissen“, weil bei der Studie zu dem Zusammenhang zwischen Hygienemaßnahmen, der Viruskonzentration und dem Krankheitsverlauf keine Daten erhoben worden seien – und sich die Forscher weigerten, ihm ihre Rohdaten zur Überprüfung bereit zu stellen, obwohl sie bei der Registrierung einen Austausch mit anderen Wissenschaftlern zugesagt hatten.

Wie die DFG auf Anfrage bestätigte, läuft bereits seit April in dieser Angelegenheit eine Vorprüfung. Dabei gehe es „in erster Linie“ um die Frage, ob es bei der Heinsberg-Studie einen DFG-Bezug gebe – wofür schon sprechen dürfte, dass daran auch das von der Forschungsförderungsorganisation des Bundes finanzierte Bonner Immunologie-Exzellenzcluster von Streecks Professorenkollege Hartmann beteiligt war. Vergangene Woche nahm die DFG Kontakt mit den Studienautoren auf.

Während es die DFG mit ihrer Prüfung nicht eilig hatte, machte die Uni Bonn mit dem Hinweis auf mögliche Fehlangaben im vorläufigen Papier der Heinsberg-Studie dagegen kurzen Prozess. Bereits wenige Stunden nach Eingang der Mail des Hinweisgebers am 14. April antwortete der zuständige Ombudsman für Verdachtsfälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens, seine „Überprüfung des erhobenen Vorwurfs“ habe keinerlei Anhaltspunkte für Verstöße von Streeck und seinen Kollegen ergeben. Dazu lieferte er in der Mail, die Capital vorliegt, eine interessante Begründung: So werde von den Forschern im Zwischenbericht „nicht explizit behauptet“ oder „insinuiert“, dass sie zu dem fraglichen Zusammenhang Daten erhoben hätten. Vielmehr gründeten sie ihre Empfehlungen auf „Erfahrungssätze“. In der weiteren Korrespondenz mit dem Hinweisgeber schrieb der Ombudsman sogar, die Bedeutung der Viruskonzentration für die Schwere der Erkrankung zähle zu den „allgemeinkundigen Binsenweisheiten der Virologie“.

Der Vorwurf des Hinweisgebers und die Bewertung des Ombudsmans der Uni Bonn blieb auch der nordrhein-westfälischen Landesregierung nicht verborgen. So findet sich in den Unterlagen der Staatskanzlei zur Heinsberg-Studie eine Mail des Strafrechtsprofessors vom 14. April, in der er sich zu dem Streit äußerte. Im Adressverteiler unter anderem auch: die Pressestelle der Staatskanzlei und das Büro des Regierungssprechers, die der Hinweisgeber bei seiner Mail vom selben Tag in Kopie gesetzt hatte.

Zwar schrieb der Ombudsman an diesen Verteiler, dass von „erfundenen Daten“ bei der Heinsberg-Studie keine Rede sein könne. Allerdings stellte er fest, dass zum Einfluss von Hygienemaßnahmen und Viruskonzentration auf den Krankheitsverlauf keine Daten erhoben worden seien und sich die Aussagen im Zwischenbericht auf „Annahmen“ stützten. Damit war in den Tagen vor dem Bund-Länder-Treffen nach der Osterpause auch in der Landesregierung angekommen, dass ein politisch relevanter Teil der Empfehlungen der Studienautoren nicht auf eigenen Erkenntnissen zum neuartigen Sars-CoV2-Virus beruht – und dass es demnach in der Heinsberg-Studie nach Aussage der Universität Bonn keinen unmittelbaren „Befund“ gab, der etwa eine baldige Öffnung von Geschäften stützen könnte, wie es NRW-Vizeregierungschef Stamp erklärt hatte.

Strafanzeige gegen Minister

In seiner Strafanzeige erhebt der Hinweisgeber deshalb in diesem Zusammenhang nicht nur Vorwürfe gegen Studienleiter Streeck wegen „erfundener Forschungsergebnisse“, sondern auch gegen Familienminister Stamp. Laschets Stellvertreter habe es trotz entsprechender Hinweise an sein Büro und auf die Erläuterungen des zuständigen Ombudsmans der Uni Bonn unterlassen, seine Aussagen aus dem Gastbeitrag öffentlich richtig zu stellen. Daher habe sich Stamp der Begünstigung strafbar gemacht, indem er das angebliche Fehlverhalten der Studienautoren gedeckt habe.

Auf Anfrage von Capital wollte sich Stamp persönlich nicht zu der Anzeige äußern, da gegenwärtig keine Erkenntnisse vorlägen, ob die Staatsanwaltschaft überhaupt einen Anfangsverdacht bejahen und ein Ermittlungsverfahren eröffnen werde. Sein Ministerium verwies in einer Stellungnahme darauf, dass die Straftat, die dem Minister vorgeworfen wird, eine Straftat der Studienautoren voraussetzen würde. Dafür seien aber keine Anhaltspunkte bekannt. Zudem setze eine strafbare Handlung voraus, dass Stamp den Studienautoren in der Absicht Hilfe geleistet hätte, ihnen die Vorteile der angeblich rechtswidrigen Tat zu sichern. Dies könne aus heutiger Sicht nur als „abwegig“ bezeichnet werden, erklärte das Ministerium des Vizeministerpräsidenten.

Auch Streeck und seine Kollegen bestritten ausdrücklich, dass sie in den Schlussfolgerungen ihres Zwischenberichts vom Gründonnerstag auf erfundene Forschungsergebnisse Bezug genommen hätten. Mit Blick auf die untersuchte Karnevalssitzung in Gangelt, bei der sich viele Einwohner infiziert hatten, erklärten sie: Der entsprechende „Diskussionspunkt“ des Zwischenberichts basiere „auf den Ergebnissen, die zeigen, dass der Schweregrad der Erkrankung bei Teilnahme an dem Super-Spreading-Event (mit entsprechend schlechten hygienischen Bedingungen) deutlich höher war als bei Personen, die nicht an einem solchen Event teilgenommen haben“. Eine Erklärung, die allerdings etwas anders klingt als die des Ombudsman der Uni Bonn, wonach die Aussagen zur Viruskonzentration auf „Erfahrungssätzen“ oder „Binsenweisheiten der Virologie“ und nicht auf selbst erhobenen Daten zum Corona-Virus beruht hätten.

Nicht umstritten ist dagegen, was sechs Tage nach dem Zwischenbericht zur Heinsberg-Studie passierte. Am Mittwoch nach Ostern beschlossen Kanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs der Länder bei ihrer Videoschalte, die Geschäfte schrittweise wieder zu öffnen. Treibende Kraft dabei: NRW-Ministerpräsident Laschet.

 


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