AgrarchemieBayer sucht das Gegengift für die Glyphosat-Krise

In der Bayer-Klimakammer in Frankfurt-Höchst (diese Seite) züchten die Herbizidforscher des Konzerns unter anderem Rotes Straußgras, ein verbreitetes Wiesenunkraut
In der Bayer-Klimakammer in Frankfurt-Höchst (diese Seite) züchten die Herbizidforscher des Konzerns unter anderem Rotes Straußgras, ein verbreitetes WiesenunkrautThomas Pirot

„Wunderbar“, sagt der Mann im weißen Kittel und beugt sich über den Plastiktopf mit Erde. Die Begeisterung gilt einem verkümmerten Hälmchen, das aussieht, als wäre ein Feuer darüber hinweggefegt. Das gibt einen gelben Sticker, eine Runde weiter. Im Topf nebenan dagegen gedeiht der Knöterich unbeeindruckt. Eine Niete. Wieder nichts.

Marco Busch ist der Chef der Unkrautkontrolle der Bayer AG in Frankfurt. In der Praxis heißt das: Er träufelt Tag für Tag Tausende unbekannte Substanzen auf Setzlinge und hofft, dass das Unkraut eingeht. Sein Schlachtfeld: Tausende Quadratmeter Gewächshäuser, Kühlkammern, Labore und Versuchsfelder – gebaut auf historischem Grund. Bis 1999 forschte auf diesem Industriegelände die Hoechst AG.

Was ein wenig nach Alchemie klingt, ist ein hoch technisiertes Verfahren zur Entdeckung neuer Herbizide: Gifte, die dafür sorgen, dass auf dem Feld Weizen und Soja wächst statt Ackerfuchsschwanz oder Quecke. Es geht darum, höhere Ernten zu sichern, die Welt von morgen zu ernähren – und Bayer zu retten.

Der Konzern forscht hier um seine Existenz. Denn seit der Pharma-Agrarchemie-Riese, bis vor wenigen Monaten der wertvollste Konzern im Dax, 2018 den US-Konkurrenten Monsanto gekauft hat, ist die Bayer-Welt völlig aus den Fugen geraten. Schuld daran hat vor allem Glyphosat, die Mitgift Monsantos. Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat soll verantwortlich sein für die Krebserkrankungen Tausender Menschen. In den USA gibt es mehr als 13.400 Schadensersatzklagen, in drei Fällen hat Bayer bisher in erster Instanz verloren und ist zu atemberaubenden Straf- und Schadensersatzzahlungen verurteilt worden: Mehr als 2 Mrd. Dollar lautete allein das Urteil im jüngsten Verfahren Mitte Mai. Die Glyphosat-Strafen für Bayer können in den nächsten Instanzen zwar wieder sinken, doch mit jeder Entscheidung sackt der Aktienkurs weiter ab. Über ein Drittel insgesamt, mehr als 30 Mrd. Euro beträgt der Wertverlust seit August 2018. Die möglichen Rechtskosten sind der große Risikofaktor. Was, wenn Bayer auch die Berufungen verliert? Was, wenn Bayer Glyphosat vom Markt nehmen muss?

Noch kaufen Bauern das Mittel. Aber wie lange noch? Die Chemikalie ist zum Synonym geworden für eine industrielle Landwirtschaft, gegen die sich weltweit über 100 NGOs engagieren und deren Ablehnung in den vergangenen Jahren extrem gewachsen ist. Möglich, dass die EU Glyphosat ab 2022 verbietet; denkbar, dass andere Regulierungsbehörden folgen. Zudem gibt es immer mehr Resistenzen: Unkräuter, bei denen das Gift nicht mehr wirkt. Die Landwirtschaft braucht wohl bald einen Ersatz für Glyphosat. Und Bayer bräuchte ihn eigentlich sofort. Bloß – ein Ersatz lässt sich nicht einfach herbeizaubern.

Barcode für Pflanzengift

Marco Busch, Chef der Un­krautkontrolle in Frankfurt­, sucht nach neuen ­Wirkstoffen
Marco Busch, Chef der Un­krautkontrolle in Frankfurt­, sucht nach neuen ­Wirkstoffen (Foto: Thomas Pirot)

In Frankfurt führt Busch einen Flur entlang, an den Decken nackte Belüftungsrohre, links und rechts Dutzende gläserne Gewächshäuser, mit Tüchern verhangen. Wer durch die Scheiben lugt, sieht nichts als Pflanzentöpfe, mal mit, mal ohne Grün, je nach Versuchsphase. Der Forscher steuert ein Gewächshaus an, in dem Mais, Soja und Weizen keimen. An Zehntausenden Pflanzen jährlich testen sie ihre Substanzen. Womit genau die Keimlinge hier besprüht werden, weiß Busch selbst nicht. Er zeigt einen der kleinen Zettel, die an jedem Topf hängen. Darauf ein Barcode, der auf ein namenloses Molekül verweist. Einen Namen bekommt es erst, wenn es erste Hoffnung auf einen Erfolg gibt, sagt Busch.

Für die Tests kann der promovierte Biotechnologe auf einen riesigen Fundus zurückgreifen. Bayer lagert in seiner Bibliothek Millionen neue Wirkstoffe, teils aus der Bayer-Pharmaforschung, teils eingekauft. „Keiner davon ist vorher je an Pflanzen getestet worden“, sagt Busch. Bis zu 1,5 Millionen Substanzen prüft Bayer hier jedes Jahr. Nur sehr wenige schaffen es je auf einen Versuchsacker. Noch weniger in eine Sprühflasche. Dazwischen liegen unzählige Versuche, Rückschläge, langwierige Zulassungsverfahren und 250 Mio. Euro Entwicklungskosten. Von 140.000 getesteten Wirkstoffen hat gerade mal einer das Zeug zum Unkrautkiller, erklärt Busch – und es brauche zehn, eher 15 Jahre, bis es eine Substanz aus der Forschung in den Handel schaffen könne.