MittelstandDie Transformation von Fischer Dübel - grün statt grau

Rizinus statt Erdöl: Grüne Dübel bestehen zur Hälfte aus nachwachsendem Material
Rizinus statt Erdöl: Grüne Dübel bestehen zur Hälfte aus nachwachsendem MaterialChristina Stohn

Wenn Marc-Sven Mengis erklären soll, wie das bei ihnen im Schwarzwald mit der Nachhaltigkeit funktioniert, zieht er eine Schraube aus der Hosentasche. Der Geschäftsführer der Fischerwerke, 41, groß gewachsen, kurze, schwarze Haare, lang gezogenes schwäbisches Ä auf der Zunge, balanciert die Schraube zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie ist wenige Zentimeter lang, ein paar Gramm schwer und sieht aus wie, nun ja, eine handelsübliche Schraube. Da soll nun das Geheimnis der Nachhaltigkeit drinstecken?

„In der Menge schon“, sagt Mengis. Und erklärt den Clou: Der Schaft, das Schraubenkernstück unter dem Gewinde, wurde von 3,6 auf 3,2 Millimeter verengt. Klingt unerheblich, bedeutet für den Großproduzenten Fischer aber eine Materialeinsparung von 43 Tonnen im Jahr – und nebenbei eine Kostenreduzierung von exakt 222.600 Euro. Mengis lächelt. So, sagt sein Gesichtsausdruck, geht Nachhaltigkeit im Schwarzwald.

Der Ortsteil Tumlingen der 6000-Einwohner-Gemeinde Waldachtal ist vielleicht nicht der erste Ort, der einem einfällt, wenn man an verantwortungsbewusstes Wirtschaften im Sinne der ESG-Kriterien denkt – das englische Kürzel steht für Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance). Doch die traditionsreichen Fischerwerke, die hier seit 1948 sitzen, mit 5200 Mitarbeitern, Niederlassungen in 35 Ländern und zuletzt 864 Mio. Euro Jahresumsatz, wurden für ihre Initiativen im ESG-Bereich im vergangenen Jahr mit dem deutschen Nachhaltigkeitspreis für Großunternehmen ausgezeichnet.

Das Beispiel mit der Schraube macht zugleich deutlich, dass man hier in der schwäbischen Provinz einen etwas anderen Blick auf nachhaltiges Wirtschaften hat als in der Start-up-Welt der Metropolen. „Nachhaltigkeit ist kein Selbstzweck“, sagt Mengis. „Wir sind kein gemeinnütziger Verein, sondern ein Industrieunternehmen, das sich auf die Fahne geschrieben hat, Gewinn zu erwirtschaften.“ Es gehe um Wachstum, um die Sicherung von Arbeitsplätzen, insofern könne sich Nachhaltigkeit bei einem Unternehmen wie den Fischerwerken nie auf ökologische Faktoren beschränken. Anders ausgedrückt: Grünes Wirtschaften kann man sich bei Fischer nur leisten, weil Nachhaltigkeit – wie im Beispiel mit der Schraube – mit Material- und Energieeffizienz einhergeht, die Kosteneinsparungen mit sich bringen.

Nur nichts verschwenden

Geschäftsführer Marc-Sven Mengis ist seit mehr als 20 Jahren bei Fischer
Geschäftsführer Marc-Sven Mengis ist seit mehr als 20 Jahren bei Fischer (Foto: C. Stohn)

Ein eher untypisches Beispiel sind insofern die neuen grünen Dübel, deren Farbgebung den Nachhaltigkeitsfokus bei Fischer wohl am sinnbildlichsten verkörpern. Jahrzehntelang waren Fischer-Dübel grau, weil das der Firmengründer und Dübelentwickler Artur Fischer 1958 so entschieden hatte. Seit 2014 aber verkauft Fischer grüne Dübelvarianten, die je nach Ausführung zu 50 bis 85 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, zum Beispiel aus Sebacinsäure, gewonnen aus den Samen der tropischen Rizinuspflanze. Die grünen Dübel, über deren Anteil am Gesamtgeschäft man bei Fischer keine Angaben macht, sind teurer in der Herstellung und haben laut Mengis eine geringere Marge. Hier lassen sich die Fischerwerke das ökologische Wirtschaften also etwas kosten.

Mengis streckt im Vorbeigehen seine Hand in das Ausgabefach einer Maschine und nimmt eine Gussform mit zwölf grünen Dübeln heraus. „Sind noch etwas heiß“, sagt er. Rund elf Millionen Dübel und 400.000 Schrauben werden allein am Standort Tumlingen pro Tag hergestellt. Diese gewaltigen Produktionsmengen sind es, die Mengis Spielraum für ökologische und ökonomische Verbesserungen geben.

Damit das Potenzial dafür ständig überprüft wird, stehen überall in der Fertigungshalle Stellwände, auf denen Mitarbeiter Produktionsabläufe skizzieren, Ideen für Veränderungen festhalten und grafisch darstellen, was sich einsparen lässt: Material, Energie, Zeit. Während früher etwa das Maschinenöl, das in Ölwannen unter den Maschinen gesammelt wird, einfach entsorgt wurde, wird es heute gereinigt und wiederverwertet. Kostenreduzierung im Vergleich zum alten Verfahren: circa 10.000 Euro pro Jahr.