EcuadorMit bloßen Händen gegen China

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Heute ist China als Handelspartner für viele Länder Südamerikas bereits wichtiger als die USA – und Ecuador dabei eine Art Versuchslabor. Viele Schilder auf hiesigen Baustellen haben chinesische Schriftzeichen, auf Quitos öffentlichen Plätzen wurden chinesische Überwachungskameras mit Gesichtserkennung installiert. Obwohl Ecuador mit seinen rund 16 Millionen Einwohnern ein relativ kleines Land in Lateinamerika ist, steht es mit 18,4 Mrd. Dollar an dritter Stelle aller 15 Empfänger chinesischer Kredite. Nur Brasilien (28,9 Mrd. Dollar) und Venezuela (67,2 Mrd. ­Dollar) ­erhielten mehr. China vergibt inzwischen mehr Kredite an die Länder des Kontinents als die Weltbank und die Inter-American Development Bank. Der Handel wuchs von 12 Mrd. Dollar im Jahr 2000 auf 306 Mrd. Dollar im vergangenen Jahr.

Das alles gibt es nicht ohne politische Gegenleistung. Viele lateinamerikanische Regierungen erkennen inzwischen Taiwan nicht mehr als Staat an, etwa Panama, El Salvador und die Dominikanische Republik. Und wenn die USA wie derzeit mit China im Handelsstreit liegen, springen Argentinien oder Brasilien sofort mit zusätzlichen Sojalieferungen ein.

300 Kilometer südlich von Santa Clara, in der Cordillera del Condór, bereiten derzeit die Shuar Arutam ihren „Angriff auf China“ vor. Ihr Ziel: Nankints, wo die zweitgrößte Kupfermine des Landes entstehen soll, mit angestrebten Gewinnen von 1,2 Mrd. Dollar pro Jahr. Errichtet wird sie vom Unternehmen Explorcobres S.A. (EXSA), umgeben ist sie von hohen Stacheldrahtzäunen, bewacht von Dutzenden Wärtern. „Explorcobres“ klingt Spanisch, klingt nach Ecuador. So soll es auch klingen. Dabei ist das Unternehmen chinesisch.

Das Militär schreitet ein

„Wir warten auf den richtigen Augenblick“, sagt Domingo, der Anführer der Shuar Arutam, ein kleiner, sehniger Mann, Vater von sechs Kindern. „Wir schlagen zurück. Wir wehren uns.“ Seit Jahren geht der Konflikt hin und her. Zunächst vertrieb das Militär die Shuar mit Waffengewalt aus Nankints. Wenige Monate später rächten sich die mit Speeren und Blasrohren bewaffneten Shuar und besetzten mit ihren Kriegern die Baustelle. Dabei soll – so stellt es jedenfalls die Regierung dar – ein Polizist ums Leben gekommen sein. Der Staat schlug zurück. Man verhängte den Ausnahmezustand und vertrieb die Indigenen aus Nankints und dem Dorf Tsuntsuim, aus dem viele der Angreifer stammen.

„Wir sind zurück in Tsuntsuim, und wir holen uns auch Nankints wieder“, sagt Domingo. Er blickt kämpferisch Richtung Nankints, in das tief eingeschnittene Tal, durch das der Río Zamora fließt, dessen Verseuchung er befürchtet. „Wir kennen die Schwächen der Chinesen. Am meisten Angst haben sie vor Giftpfeilen aus dem Wald – das ist unsere psychologische Kriegsführung. Sie schicken dafür Drohnen in unser Dorf – das ist ihre psychologische Kriegsführung.“

Die Shuar Arutam gelten als das radikalste der indigenen Völker in Ecuador. Sie fühlen sich ermutigt vom Widerstand überall im Land. „Die Chinesen müssten hautnah zu spüren kriegen, dass sie nicht willkommen sind, wenn sie unsere heilige Erde plündern.“ Die Shuar seien nie besiegt worden, argumentiert Domingo. Nicht von den Inka 1490, auch nicht von den spanischen Eroberern 1549. Die peruanische ­Armee wehrten sie zuletzt im Cenepa-Krieg vor 20 Jahren ab.

„Auch die Chinesen werden es nicht schaffen“, sagt er. „Wir haben Zeit. Wir kennen jeden Meter hier. Wir können sie zermürben. Es geht nur mit Kampf, alles andere bringt nichts. Sie wählen üble Methoden, sie bestechen Mitglieder unseres Stammes. Also müssen auch wir unsere effektivsten Methoden wählen.“

Nicht alle Indigenen sind einverstanden mit dem Weg der Shuar Arutam. Widerstand ja, aber nicht mit Waffen, heißt es bei anderen Shuar-Führern in der Provinzhauptstadt Sucúa. „Sonst lässt sich unser gesamter Widerstand als gewalttätig abtun. Genau das will der Feind.“