EcuadorMit bloßen Händen gegen China

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Fluch oder Segen?

Im Juli 2019 wurde die größte Kupfermine in Ecuador eröffnet. Betrieben wird sie von Ecuacorriente, Tochtergesellschaft des chinesischen CRCC-Tongguan-Konsortiums
Im Juli 2019 wurde die größte Kupfermine in Ecuador eröffnet. Betrieben wird sie von Ecuacorriente, Tochtergesellschaft des chinesischen CRCC-Tongguan-Konsortiums (Foto: Getty Images)

Ecuadors Regierung hält Kritikern gerne entgegen, dass das Land den Chinesen einiges verdanke: neue Straßen, Staudämme, Digitalnetze, Brücken, Schulen, Bürogebäude – erbaut durch chinesische Staatskonzerne, ohne jede politische oder ideologische Auflage. Auch habe der Vormarsch Chinas die Abhängigkeit von den USA gelockert – der Nachbar im Norden ist für manche sozialistische Regierung Lateinamerikas immer noch so etwas wie der Erzfeind.

„Die Investitionen stärken die Infrastruktur in ganz Lateinamerika“, argumentiert der mexikanische Chinaexperte Enrique Dussel Peters in seiner Analyse des Vormarschs aus Fernost. „Gleichzeitig ist China ein neuer Alliierter, der die Volkswirtschaften der Länder stärkt und ihr Standing in der Welt verbessert.“

Kritiker dagegen sagen: Chinas Engagement bringt neben schlimmsten ökologischen Folgen nur neue Abhängigkeit mit sich. Als Gegenleistung für ihre Kredite bekommen die Chinesen nicht nur 80 Prozent des ecuadorianischen Erdöls. Die Darlehen, vergeben von der Import-Export-Bank of China, zwingen das Land auch dazu, bei Auftragsvergaben nur chinesische Unternehmen zuzulassen und damit die mitbietende einheimische Konkurrenz auszuschließen. Zudem muss das Land nun Sozialprogramme streichen und bei der Ölexploration immer tiefer in den Amazonas vorstoßen, um die steigenden Kreditkosten zu tragen.

Ecuadors Energieminister Carlos Pérez sagt: „China beutet Ecuador aus. Die Strategie der Chinesen ist klar: Die übernehmen die wirtschaftliche Kontrolle der Länder.“ In der Tat häufen sich die Pro­bleme. So hat Ecuador mehr als 1 Mrd. Dollar bereitgestellt für eine Ölraffinerie der Chinesen: das 12 Mrd. Dollar teure „Pacific Refinery Project“. Doch das Vorhaben liegt derzeit wegen fehlender Perspektiven auf Eis.

Noch gravierender sind die Folgen nach der Errichtung des Wasserkraftwerks Coca Codo Sinclair 100 Kilometer östlich von Quito – das größte Energieprojekt in der Geschichte des Landes. Finanziert wurde es von China, mit 2,4 Mrd. Dollar – zurückzuzahlen binnen 15 Jahren, zu sieben Prozent Zinsen. Der um den aktiven Vulkan Reventador gebaute Staudamm sollte ein Drittel des landesweit benötigten Stroms erzeugen. Dass Geologen vor dem Bau im Erdbebengebiet warnten, störte niemanden. Schon zwei Jahre nach Inbetriebnahme zeigen sich mehr als 7600 Risse in der Struktur, Folge der „unverantwortlichen“ Billigkon­struktion durch die chinesische Baufirma Sinohydro, wie es in einem Regierungsbericht heißt. Das Kraftwerk produziert gerade mal die Hälfte der anvisierten 1500 Megawatt. Zudem wurde fast jeder involvierte Politiker wegen Korruption festgenommen.

„Die Chinesen haben uns ausgenutzt“, sagt der ecuadorianische Energieanalyst Augusto Tandazo. „Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein großes Land ein kleines ausbeutet.“ Lange Zeit galt Chinas Expansion auf dem Kontinent als Win-win-Situation. Während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise verstärkte das Land die Aktivitäten in Lateinamerika und bot den zumeist linken Regierungen seine Hilfe an: „eine Zusammenarbeit unter Gleichen“, wie es hieß. Sie befriedigten damit auch die antiamerikanische Haltung, die gerade in Ecuador unter Ex-Präsident Rafael Correa weit verbreitet war.

In seinem Strategiepapier 2016 modifizierte China dann die Ausrichtung. Es ging nicht mehr um den Rohstoffimport allein, sondern auch um „soft power“, um Investitionen, kulturellen Austausch, Stipendien, die Eröffnung von Kulturinstituten, all das, was einst den Einfluss der USA auf dem Kontinent ausmachte. Heute gehen viele Chinesen in den Ministerien ein und aus. Sie investieren 4 Mrd. Dollar in lokale Unternehmen wie Soquimich, einen chilenischen Lithiumhersteller, und gar 10 Mrd. Dollar in den größten brasilianischen Stromkonzern State Grid. Für 5,8 Mrd. Dollar haben sie 33 Prozent der Anteile am peruanischen Kupferproduzenten Las Bambas gekauft. Das brasilianische Unternehmen 99app – eine Art Uber – haben sie gleich komplett übernommen.