EcuadorMit bloßen Händen gegen China

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Angriff auf die Baustelle

„Heute halten wir sie auf“, verkündet ein Mitglied der Shuar. „Es ist der Beschluss unserer Völker. Wir konfiszieren einfach ihre Baumaschinen. Wir verteilen sie ans Volk.“ Applaus brandet auf. Man merkt, dass die Gemüter sich mit jedem Wortbeitrag erhitzen. Seit 2014 protestieren sie gegen das Projekt.

„Endlich sind wir an diesem Punkt“, sagt Yanda, 28, ein junger Indigener mit langen Haaren, Stirnband und selbst geschnitztem Speer. Er ist Anführer der Guardia Indígena, einer Art Bürgerwehr der Ureinwohner. „Das ganze Reden bringt nichts. Wir brauchen Aktion.“

Fast jedes der 14 indigenen Völker Ecuadors hat eigene Erfahrungen mit den Chinesen und ihren Großprojekten gemacht. Die Cofán waren gerade siegreich im Kampf gegen das illegale Schürfen von Gold. Die Shuar befinden sich mit dem chinesischen Unternehmen EXSA im Dauerkrieg um ein Bergwerk. Noch stärker ist der Widerstand gegen das Projekt Mirador, die größte Kupfermine im Südosten des Landes.

Sechs Stunden lang laufen die Beratungen auf dem Schulhof von Santa Clara. Dann bricht offener Widerstand los. Unter Yandas Führung ziehen die Jüngeren los zur Baustelle des Kraftwerks. Etwa 200 Indigene halten am Haus der Wärter. Die ersten vermummen sich und bauen eine Barriere aus brennenden Autoreifen, um der Polizei den Weg zu versperren. Einige springen über Zäune, auf Planierraupen und Bagger.

Ein Pförtner, selbst Indigener, will schlichten, aber er hat keine Chance gegen die Meute. „Du bist ein Agent des Unternehmens“, beschimpfen die Protestler ihn. „Du – unser eigener Bruder.“ Hastig flieht der Mann auf seinem Motorrad.

“Ich bin Widerstandskämpfer. Sie nennen unseren Protest terroristische Aktivität. Aber wir verteidigen nur unsere Pachamama, die Mutter Erde“

Yanda

Für einen kurzen Moment scheint alles möglich: Die Indigenen könnten den Fuhrpark zerstören, 20 große Maschinen. Sie könnten weiter zur Hauptbaustelle ziehen, um auch dort Anlagen zu zerstören. Yanda sieht das als Selbstschutz, legitimen Widerstand. Aber Gerüchte machen die Runde, dass die Eliteeinheit des Militärs auf dem Weg ist.

Einige der älteren Indigenen drängeln sich nach vorne und überzeugen die Jugend, die Planierraupen zunächst nicht abzufackeln. Sie wollen eine letzte Warnung abgeben, an den eigenen Staat und an China: Wir entscheiden mit über das Kraftwerk, oder eure Anlagen stehen in Flammen – unsere Geduld ist am Ende, ihr habt 24 Stunden Zeit.

In der Abenddämmerung, als sich die Demonstranten zerstreut haben, setzt sich Yanda auf die Tragfläche eines Trucks und erklärt die Lage seines Stammes. „Wir sind nur noch 573 Indigene. Wir waren mal 20.000. Wir müssen unser Gebiet verteidigen, um nicht auszusterben.“

Er arbeitet beim Radio und dreht Filme über den Kampf der Ureinwohner. Wegen der Beteiligung an Protesten wurde er mehrfach bedroht. Sogar die Polizei habe ihn gewarnt: Wir wissen, wo du lebst. „Das ist mein Leben“, sagt Yanda. „Mein Job. Meine Berufung. Ich bin Widerstandskämpfer. Sie nennen unseren Protest terroristische Aktivität. Aber wir verteidigen nur unsere Pachamama, die Mutter Erde.“

Yanda führt mit seinem Volk nicht nur den Kampf gegen das Wasserkraftwerk am Río Piatúa, sondern auch gegen die Ölexploration in seinem Territorium. „Unsere Gegner versuchen, einzelne Führer zu bestechen, sie suchen sich gezielt die schwachen, anfälligen aus. Dann verweisen sie auf deren Unterschriften und sagen: Seht her, die Ureinwohner sind doch einverstanden. So spalten sie unser Volk.“