KommentarMerkels Afrika-Politik: Ein wenig Schönfärben muss sein

Merkel hört zu. Beim Runden Tisch mit elf afrikanischen Staats- und Regierungschefs im Kanzleramt zieht Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Jahresbilanz ihrer
Merkel hört zu. Beim Runden Tisch mit elf afrikanischen Staats- und Regierungschefs im Kanzleramt zieht Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Jahresbilanz ihrer "Compact with Africa"-Initiative Getty Images

Ein Ziel hat Merkels Afrika-Gipfel erreicht. Er versprühte die dynamische Botschaft: In den von der Kanzlerin 2017 angestoßenen Reformpakt der Industrie- und Schwellenländer (G20) mit dem Kontinent schlugen elf afrikanische Länder ein – und die deutsche Wirtschaft investiert. Es wäre eine schöne Geschichte, wenn beides ursächlich miteinander verknüpft wäre. Aber Merkels „Compact with Africa“ liefert bislang vor allem eins: einen willkommenen Schaukasten, in dem auch betagtere Projekte glänzen.

Elf „Pilotprojekte“ im Wert von 500 Mio. Euro verkündeten Staatspräsidenten und Unternehmer auf einer Investorenkonferenz. Unter den Vorzeigekandidaten fand sich Volkswagen, das seit Juni in Ruanda das Modell Polo zusammenbaut. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis ein deutscher Autobauer jenseits von Südafrika eine Fertigung wagt. Überlegungen für eine Montage vorproduzierter Neuwagen gehen aber mindestens auf 2016 zurück, erst für Kenia dann Ruanda, vielleicht gefolgt von Nigeria und Ghana.

Ruandas Präsident Paul Kagame gilt als Reformer mit harter Hand. Weder für Altkleider noch für gebrauchte Autos soll sein Land als Resterampe dienen. Für die neuen VWs fallen zunächst Importzölle für Autoteile. Nachbar Uganda sperrt schon Autos über 15 Jahre aus. Das ist ein regionaler Trend. VW drängt auch Ruanda, die Einfuhrbeschränkungen zu verschärfen. Afrikas Hauptstädte kämpfen mit dem Verkehrsinfarkt, alte Karossen verpesten die Luft. Ob es aber dem Investitionsklima hilft, wie von „Compact“-Ländern erwünscht, wenn reihenweise Autohändler arbeitslos werden, sei dahin gestellt.

Sicher ist, Volkswagen sucht den Marktzugang in Afrika und Kagame, derzeit Präsident der Afrikanischen Union, ein neues Mobilitätskonzept in seiner – übrigens auch Uber-freien – Hauptstadt. Dem Autobauer bietet sich ein Testgelände für Carsharing-Angebote und Flottendienste für Staat und Unternehmen, wo private Haushalte sich Neuwagen schwer leisten können. Die Investitionen von zunächst 20 Mio. Dollar sind überschaubar. So nimmt man auch die Distanz von tausend Kilometern zum nächsten Seehafen Mombasa in Kauf.

Hauptsache das Framing stimmt

Mit Überschwang lobte die Kanzlerin die Ansiedlung als Modell für andere Wagnisse, die aus ihrem Prestigeprojekt Reformpakt entstehen können – und sollen. Die Kfz-Industrie passt prächtig als deutsche Erfolgsgeschichte in Afrika, die so zahlreich nicht sind. In der Kommunikationswissenschaft heißt das „Framing“: die Einbettung von Ereignissen und Themen in subjektive – hier positive – Deutungsrahmen.

Der „Compact“ war auch noch nicht ersonnen, als Siemens 2016 die erste Dampfturbine für ägyptische Gaskraftwerke in Beni Suef, Burullus und New Capital lieferte. Die in weniger als 30 Monaten gebauten KW-Blöcke mit gigantischen 14,4 Gigawatt stellte Siemens-Chef Joe Kaeser dennoch als „Leuchtturmprojekt“ vor. Es gebe ja „keinen Grund, das nicht in anderen afrikanischen Ländern zu tun“. Aus alt mach neu galt auch für die Allianz-Versicherung. Ein vorgesellter IT-Hub in der Elfenbeinküste zum Testen mobiler Dienste auf dem Kontinent wurde ebenfalls bereits 2016 gegründet. Die Allianz ist hundert Jahre im Afrika-Geschäft, mit 1500 Beschäftigten in 16 Ländern. Auch MAN Energy Solutions, die, wie man hörte, ein kleines Kraftwerk in Benin bauen, ist Afrika nicht fremd.

 

Senegal hat das solare Zeitalter eröffnet. Den Strom dieser 30 MW-Anlage Senergy Santhiou Mekhe in Senegal kauft die nationale Stromgesellschaft Senelec.
Senegal hat das solare Zeitalter eröffnet. Den Strom dieser 30 MW-Anlage Senergy Santhiou Mekhe in Senegal kauft die nationale Stromgesellschaft Senelec. (Foto: Getty Images)

Überschaubar bleibt dagegen, was in dem suggerierten Investitionsschub tatsächlich jüngeren Datums ist. Solarstrom in 300 senegalesischen Dörfern – installiert von der Afrika-erprobten Gauff Engineering. Präsident Macky Sall lobte die über Merkels Compacts gedeichselte Finanzierung. Offenbar liegt der Erfolg in solch weniger spektakulären Geschichten. Wie auch in Guinea oder Togo, wo neuartig kombinierte Risikoabsicherungen durch EU und Afrikanische Entwicklungsbank dezentrale Energiesysteme entstehen lassen. Nur haben diese Länder für die deutsche Wirtschaft wenig Bedeutung.