EssayMein Leben in der Lehmschicht

Diese Bilder stammen aus einer Arbeit des Fotografen Johannes Mink:  „Es geht um Farben, Kontraste und interessante ­Charaktere, besondere Momente, Menschen und Persönlichkeiten.
Diese Bilder stammen aus einer Arbeit des Fotografen Johannes Mink: „Es geht um Farben, Kontraste und interessante ­Charaktere, besondere Momente, Menschen und Persönlichkeiten.
© Johannes Mink

Unser Autor hat zwölf Jahre in einem DAX-Konzern gearbeitet, zuletzt als Abteilungsleiter.

„Sie passen hier ­irgendwie nicht hin.“ Dr. Benjamin, der neue Compliance Officer in meinem Konzern, schaute sich mit verschränkten Armen hinter dem Rücken in meinem Büro um. Kantiges Kinn, fester Händedruck, messerscharfer, suchender Blick. War früher in jungen Jahren bei der Kripo gewesen – Rauschgiftdezernat. Warum er in meinem Büro steht? Das wissen er und ich eigentlich beide nicht so recht. Er soll sich mal über meinen Vertriebsweg „aufschlauen“, wie alle Kollegen fortbilden oder einarbeiten neuerdings nennen. Denn er soll direkt beim Vorstand einen Bericht für die Compliance-Leitung aus der Holding abliefern.

Er schaut mir dabei ins Gesicht mit einer Mischung aus Langeweile und Verzweiflung. Eigentlich ein sympathischer Typ, denke ich. Und schlau. Denn er hat mich durchschaut, sofort. Wobei das wahrscheinlich gar nicht weiter schwer war. Denn er hat recht. Ich passe hier irgendwie nicht hin.

Seit zwölf Jahren arbeite ich jetzt in diesem KONZERN. Ich bin schnell aufgestiegen, war einige Jahre in Amerika, ich verdiene ziemlich gutes Geld. Ich hatte, wie so viele in ihrem Leben, einen Traum. Der hieß nicht unbedingt Vorstand. Wobei: Irgendwann hieß er vielleicht doch mal Vorstand. Aber Vorstand war nur eine Chiffre für etwas anderes. Es ging um einen Weg nach oben, um diesen Hunger, die Welt zu erobern.

Langweilig, konform und banal

Das Problem ist nur, dass ich diesen Traum vergessen habe. Wann, weiß ich nicht mehr genau. War es an einem dieser ungezählten Tage, an dem ich mein Essen I (Gebratenes Pangasiusfilet mit Salzkartoffeln, Frühlingsgemüse und Honig-Zitronen-Sauce) auf einem Tablett durch die Kolonne der Konzernnahrungsaufnahme schob? Oder war es auf einem der zahllosen Meetings, in denen mein Daumen auf dem Blackberry die ganze Zeit SOS morsen wollte?

Wie gesagt, ich weiß es nicht mehr. Und ich fürchte, ich bin nicht allein. Wenn sich die Massen morgens durch die Drehtüren in ihre Bürozellen des Konzerns schieben, der sie abends wieder auswürgt wie ein Wiederkäuer, spüre ich, dass viele so denken wie ich, die ganzen Menschen zwischen 30 und 45, die irgendwann in dem stecken geblieben sind, was ein CEO mal „Lehmschicht“ genannt hat.

Vielleicht sagen Sie, ich sei nur frustriert. Aber das stimmt nicht. Die meisten sagen, ich sei „erfolgreich“. Aber darum geht es gar nicht. Für Personaler sind wir, die in der Lehmschicht leben, eine Nummer, für Sanierer ein Kostenblock. Nicht alle sind unzufrieden. Manche nehmen ihre 75.000 Euro heilfroh mit in eine der Doppelhaushälften in den Vorstädten, in der sie versuchen, nicht jeden Abend eine Flasche Wein mit dem Partner zu leeren. Sie fahren einmal im Jahr nach Dänemark oder in die Toskana. Ihre Kinder spielen Fußball, Tennis, Querflöte oder Cello. Sie sind oft glücklich. Das ist gut.

Aber viele sind es nicht. Weil sie spüren, wie langweilig, konform und banal sie geworden sind. Denn im Grunde weiß jeder, welchen Traum er mal hatte. Er klingt wie eine leise Melodie in uns, die nicht abreißt. Wir übertönen sie bloß mit Alltag.

© Johannes Mink

Meinen Traum illustriert am besten eine Weltkarte. Sie stammt aus der Logistikabteilung des Konzerns, ist sicher schon 50 Jahre alt. Ich habe sie aus einem dieser staubigen, leicht modrigen Firmenarchive gefischt, die vollgestopft sind mit Dingen, die Angestellte nicht mehr benötigen. Die Angst vor der nächsten Inventur aber verbot es ihnen, die Sachen ganz wegzuschmeißen.

Man findet in diesen Archiven übrigens auch immer einen Haufen alter Siemens-Telefone mit einem Design, das einen an die eigene Kindheit erinnert; man findet Druckerpatronen, deren Tinte bereits zu blauem oder schwarzem Schlick erstarrt ist, sowie Tonnen von Briefpapier, Werbeprospekten und Tischtaschenrechnern mit dem alten Firmenlogo.

Meine Weltkarte aus dem Konzernarchiv ist eine Augenweide. Sie ist in sanften Gelb-, Grün- und Brauntönen gehalten und stellt die Welt so dar, wie ich sie als Kind kennengelernt habe: Der Jemen ist geteilt und Jugoslawien vereint, es gibt eine nubische Wüste dort, wo man heute nur noch Kindersoldaten wähnt, und Myanmar heißt Burma.

Allzu oft saß ich lange Minuten schweigend an meinem Schreibtisch und schaute auf die fernen Orte auf dieser Weltkarte und träumte von all den exotischen Plätzen auf dieser Welt mit den klangvollen Namen.

Nur leider bin ich dort nirgendwo. Tatsächlich sitze ich in einem beliebigen Bürogebäude eines Konzerns, in einer beliebigen Vorstadt einer gleichfalls beliebigen deutschen Großstadt. Eine beliebige Zentrale halt. Es gibt hier viel Grau, viel Stahl und noch mehr Glas, dafür aber wenig Seele, Stil und Individualität.

Willst du das?

Ich weiß nicht, warum deutsche Manager der (von Beratern) eingeflüsterten Versuchung erlagen, ihre Zentralen aus Innenstädten auf die grüne Wiese zu verlagern. Vermutlich wurde ihr Bonus erhöht, angesichts der Kosten, die das Vorstadtexil erst mal eingespart hat. Die Tristesse, die es für die Lemminge in der Lehmschicht bedeutet, hatten sie nicht im Auge.

Gegenüber meiner Zentrale steht eine qualmende Fabrikanlage. Einmal hatten wir ein Meeting mit Gästen, draußen war dichter Nebel. „Seien Sie froh, dass Nebel ist, bei schönem Wetter ist der Ausblick nicht zu ertragen“, sagte ich in die Runde.

Niemand lachte.

Jeden Morgen strömen Menschenmassen von der S-Bahn-Haltestelle oder durch die Parkgarage in das Gebäude in ihre Schließfächer, die sie Büros nennen. Ihr Blick! Ich habe diese Blicke studiert. Selten ein Lächeln, kaum ein Funkeln.

Eine Angestelltenmasse, die jeden Morgen hineingeht und am Abend wieder herauswabert, in dem immer gleichen Schritttempo; ein kleines bisschen zu schnell, um jedem zu signalisieren, dass man sehr eilig und geflissentlich unterwegs ist. Einige scheinen ihr Tempo nie zu ändern. Es gibt auch diejenigen, bei denen es sich etwas reduziert, sobald sie ihren Ausweis mit einem geübten Schwung des Handgelenks an dem Zeiterfassungsautomaten vorbeigeführt haben.

Manchmal wünsche ich fast, diese Masse morgens umzulenken. So wie Revolutionäre früher Faltblätter verteilt haben. Es würde nur ein Satz draufstehen: „WILLST DU DAS?“

© Johannes Mink

Wer einmal die Schleuse passiert hat, versinkt in der möblierten Konformität seines Büros. Gut, nun sind wir keine „weltweit tätige Werbeagentur“ mit lauter coolen langhaarigen Praktikanten oder auf Zeitverträgen schuftenden Leihkreativen. Ich arbeite nicht bei Apple im Silicon Valley. Schlimm ist aber vor allem das, was die Leute aus dieser misslichen Gesamtsituation machen.

Wer sich traut, einen Schuss Individualität in sein Büro zu bringen, scheitert meist. Wie ich mit der Weltkarte. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten: Zimmerpflanzen, Kinderfotos (Väter) und Kinderzeichnungen (Mütter), FC-Bayern-Plakate, Kakteen, Wandkalender und Bonbonbehälter (für den Fresssack aus der Buchhaltung und die Naschkatzen vom Marketing). Die Postkarte aus Mallorca von der Exkollegin. Der Punchball vom letzten Vertriebsauftakt.

Aus der Zelle gibt es drei wichtige Wege: den zur Toilette (auf der immer ein Hinweis des Gebäudemanagements hängt – man sollte mal ein Buch aus diesen Hinweisen machen), den zur Kantine – und den zur Kaffeeküche. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Ort, der mit der Kaffeeküche eines deutschen Konzerns vergleichbar ist. Der Kaffee wird dort nämlich subventioniert, und dementsprechend kostet die braune Brühe nur 30 Cent.

Täglich stellt sich jeder Mitarbeiter auf meinem Flur dort zwei bis zweiunddreißig Tassen Kaffee rein, je nach Gemütslage – die wird allerdings mit steigender Anzahl der inhalierten Tassen nicht zwingend besser.

Ritual der Menüauswahl

Meine These ist die folgende: Man könnte jedem Angestellten in meiner Firma das Gehalt kürzen, man könnte Urlaubstage nicht genehmigen oder Weihnachten und Ostern verbieten. Dies wäre alles nicht so schlimm für die Belegschaft wie eine kaputte Kaffeeküche. Funktioniert diese einen Tag nicht, herrscht mürrische Stimmung vor. Bei zwei Tagen zweifelt man auf dem Gang verhalten an der Kompetenz des Managements und bemerkt, dass der Jahresüberschuss des Konzerns nur an die gierigen Manager ausgezahlt wird. Nach etwa einer Woche ohne Kaffee herrscht offene Revolution.

Einmal, als die Kaffeemaschine kaputt war, ­sagte der Typ gegenüber zu mir: „Dann kann ich mich gar nicht mehr auf die Menüauswahl konzen­trieren.“ Ich brauchte einen Tag, um diesen Satz zu verkraften.

Das Mittagessen! Womit wir beim zweiten Weg sind. Ich habe das nie verstanden: Man schaut sich vorher, am Kantineneingang oder im In­tranet (beim Morgenkaffee), die Menüs an und geht dann direkt zu Essen I oder Essen II. Wenn die Kollegen dann aber davorstehen, überlegen es sich 83 Prozent noch mal anders. Warum schauen sie sich alle vorher das Menü an?

Ich vermute, dass es für viele eine der wichtigsten Entscheidungen des Tages ist, weil es die einzige ist, die sie als von ihnen selbst gefällt spüren.

Der Gang mit dem Tablett ist für mich einer der unmännlichsten Momente des Tages. Essen aufladen, zahlen mit dem Mitarbeiterausweis, dann die Suche nach dem Tisch, mit dem Tablett in beiden Armen, die man in einer merkwürdig angewinkelten Stellung halten muss, vorbei an den lieben oder auch weniger lieben Kollegen. Die Beliebtheit eines Mitarbeiters erkennt man daran, wie vielen er bei diesem Gang freundlich über den Tablettrand zunickt. Ich fühle mich dabei immer an amerikanische Knastfilme aus den 70ern erinnert.

Unfassbare Banalität

Am Nachmittag dann „Strategie-Workshop“. Ein fahl beleuchteter Meetingraum im Souterrain. Elf Teilnehmer rutschen nervös auf ihren unbequemen Stühlen. Immer dabei: ein Witzbold und eine dicke Frau.

Was ist es nur, dass gestandene Menschen, in diesem Fall sogar Manager der oberen Führungsebene, in nervöse Schulkinder verwandelt, sobald sie sich den Blicken ihrer Kollegen ausgesetzt fühlen? Ein Moderator (vielleicht war es auch ein Facilitator oder Coach) kommt herein und stellt sich vor. 46 Jahre, seit sechs Jahren selbstständig, Partnerin, ein Kind, Fußballfan (FC Bayern).

In dem Stil geht es reihum. Fast alle benutzen irgendetwas mit Fußball als Einstiegspunkt in ihr Privatleben. Einige spielen es, andere haben es gespielt, der eine bleibt seinem Heimatregionalligaverein treu, ein anderer ist Bayern-Fan der ersten Stunde. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass die unfassbare Banalität dieser Äußerungen schwer zu steigern ist.

Dann bin ich an der Reihe. Ich fasele etwas von meiner Zeit im Studium, versuche, einen Witz zu machen, der mir aber nicht gelingt. Irgendwie ist es schwierig, originell und lustig in so einer Runde zu sein, will ich denken. In Wirklichkeit denke ich aber: „Du bist genauso banal wie alle anderen hier um dich herum.“

Nach oben oder stecken bleiben

Später pinnen wir die Punkte, die wir an unserem Konzern schätzen, auf kleine, unhandliche Kärtchen, die es ausnahmslos in blassen Pastellfarben zu geben scheint. Der Hampelmann am Flipchart malt für seine 2000 Euro Tagessatz „Corporate ­Values“ über die versammelten Punkte und macht mit einem andersfarbigen Edding eine Wolke um den Schriftzug.

Mir wird dann meist übel und ich gehe raus, eine rauchen. Draußen denke ich nach, über die Kaffeeküchen, Vorstadtparkgaragen, Kantinentabletts, Auslands- und Funktionszulagen, die vielen Essen I und Essen II, die mein Magen verdaut hat, und ich sehne mich danach, dass ich nicht mehr hierhermuss.

Wir Menschen in der Lehmschicht haben nur drei Möglichkeiten: weiterstrampeln, bis wir nach oben gelangen. Ganz wenigen gelingt das, und der Preis ist hoch. Das Schlimme ist, dass es oberhalb der Lehmschicht nicht wirklich besser wird.

Zweite Möglichkeit: in Ruhe stecken bleiben und in jenem Leben zufrieden werden, in dem eine vermögenswirksame Leistung Teil der Lebensleistung ist.

Oder wir verlassen die Lehmschicht und suchen nach dem Traum, den wir verdrängt haben. Bei einer der Zigaretten habe ich mich für Letzteres entschieden. Ich tue endlich das, worüber ich (wie so viele) jahrelang auf ­Partys gequasselt habe: „Was Eigenes.“ War auch höchste Zeit, weil ich am Ende fünf Minuten brauchte, um zu erklären, was ich eigentlich genau mache.

An jenem Tag, an dem ich unseren Compliance Officer traf, erklärte er mir, dass ich nur noch mit Kunden zum Fußballspiel gehen darf, mit denen ich in den letzten zwei Jahren kein Geschäft mehr gemacht habe und dieses oder nächstes Jahr kein Geschäft plane. „Ich kenne keine anderen Kunden“, sagte ich. „Meinen Sie das ernst?“ Er lächelte gequält. Eigentlich wirklich ein sympathischer Typ.