EssayMein Leben in der Lehmschicht

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Unfassbare Banalität

Am Nachmittag dann „Strategie-Workshop“. Ein fahl beleuchteter Meetingraum im Souterrain. Elf Teilnehmer rutschen nervös auf ihren unbequemen Stühlen. Immer dabei: ein Witzbold und eine dicke Frau.

Was ist es nur, dass gestandene Menschen, in diesem Fall sogar Manager der oberen Führungsebene, in nervöse Schulkinder verwandelt, sobald sie sich den Blicken ihrer Kollegen ausgesetzt fühlen? Ein Moderator (vielleicht war es auch ein Facilitator oder Coach) kommt herein und stellt sich vor. 46 Jahre, seit sechs Jahren selbstständig, Partnerin, ein Kind, Fußballfan (FC Bayern).

In dem Stil geht es reihum. Fast alle benutzen irgendetwas mit Fußball als Einstiegspunkt in ihr Privatleben. Einige spielen es, andere haben es gespielt, der eine bleibt seinem Heimatregionalligaverein treu, ein anderer ist Bayern-Fan der ersten Stunde. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass die unfassbare Banalität dieser Äußerungen schwer zu steigern ist.

Dann bin ich an der Reihe. Ich fasele etwas von meiner Zeit im Studium, versuche, einen Witz zu machen, der mir aber nicht gelingt. Irgendwie ist es schwierig, originell und lustig in so einer Runde zu sein, will ich denken. In Wirklichkeit denke ich aber: „Du bist genauso banal wie alle anderen hier um dich herum.“

Nach oben oder stecken bleiben

Später pinnen wir die Punkte, die wir an unserem Konzern schätzen, auf kleine, unhandliche Kärtchen, die es ausnahmslos in blassen Pastellfarben zu geben scheint. Der Hampelmann am Flipchart malt für seine 2000 Euro Tagessatz „Corporate ­Values“ über die versammelten Punkte und macht mit einem andersfarbigen Edding eine Wolke um den Schriftzug.

Mir wird dann meist übel und ich gehe raus, eine rauchen. Draußen denke ich nach, über die Kaffeeküchen, Vorstadtparkgaragen, Kantinentabletts, Auslands- und Funktionszulagen, die vielen Essen I und Essen II, die mein Magen verdaut hat, und ich sehne mich danach, dass ich nicht mehr hierhermuss.

Wir Menschen in der Lehmschicht haben nur drei Möglichkeiten: weiterstrampeln, bis wir nach oben gelangen. Ganz wenigen gelingt das, und der Preis ist hoch. Das Schlimme ist, dass es oberhalb der Lehmschicht nicht wirklich besser wird.

Zweite Möglichkeit: in Ruhe stecken bleiben und in jenem Leben zufrieden werden, in dem eine vermögenswirksame Leistung Teil der Lebensleistung ist.

Oder wir verlassen die Lehmschicht und suchen nach dem Traum, den wir verdrängt haben. Bei einer der Zigaretten habe ich mich für Letzteres entschieden. Ich tue endlich das, worüber ich (wie so viele) jahrelang auf ­Partys gequasselt habe: „Was Eigenes.“ War auch höchste Zeit, weil ich am Ende fünf Minuten brauchte, um zu erklären, was ich eigentlich genau mache.

An jenem Tag, an dem ich unseren Compliance Officer traf, erklärte er mir, dass ich nur noch mit Kunden zum Fußballspiel gehen darf, mit denen ich in den letzten zwei Jahren kein Geschäft mehr gemacht habe und dieses oder nächstes Jahr kein Geschäft plane. „Ich kenne keine anderen Kunden“, sagte ich. „Meinen Sie das ernst?“ Er lächelte gequält. Eigentlich wirklich ein sympathischer Typ.