EssayMein Leben in der Lehmschicht

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© Johannes Mink

Wer einmal die Schleuse passiert hat, versinkt in der möblierten Konformität seines Büros. Gut, nun sind wir keine „weltweit tätige Werbeagentur“ mit lauter coolen langhaarigen Praktikanten oder auf Zeitverträgen schuftenden Leihkreativen. Ich arbeite nicht bei Apple im Silicon Valley. Schlimm ist aber vor allem das, was die Leute aus dieser misslichen Gesamtsituation machen.

Wer sich traut, einen Schuss Individualität in sein Büro zu bringen, scheitert meist. Wie ich mit der Weltkarte. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten: Zimmerpflanzen, Kinderfotos (Väter) und Kinderzeichnungen (Mütter), FC-Bayern-Plakate, Kakteen, Wandkalender und Bonbonbehälter (für den Fresssack aus der Buchhaltung und die Naschkatzen vom Marketing). Die Postkarte aus Mallorca von der Exkollegin. Der Punchball vom letzten Vertriebsauftakt.

Aus der Zelle gibt es drei wichtige Wege: den zur Toilette (auf der immer ein Hinweis des Gebäudemanagements hängt – man sollte mal ein Buch aus diesen Hinweisen machen), den zur Kantine – und den zur Kaffeeküche. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Ort, der mit der Kaffeeküche eines deutschen Konzerns vergleichbar ist. Der Kaffee wird dort nämlich subventioniert, und dementsprechend kostet die braune Brühe nur 30 Cent.

Täglich stellt sich jeder Mitarbeiter auf meinem Flur dort zwei bis zweiunddreißig Tassen Kaffee rein, je nach Gemütslage – die wird allerdings mit steigender Anzahl der inhalierten Tassen nicht zwingend besser.

Ritual der Menüauswahl

Meine These ist die folgende: Man könnte jedem Angestellten in meiner Firma das Gehalt kürzen, man könnte Urlaubstage nicht genehmigen oder Weihnachten und Ostern verbieten. Dies wäre alles nicht so schlimm für die Belegschaft wie eine kaputte Kaffeeküche. Funktioniert diese einen Tag nicht, herrscht mürrische Stimmung vor. Bei zwei Tagen zweifelt man auf dem Gang verhalten an der Kompetenz des Managements und bemerkt, dass der Jahresüberschuss des Konzerns nur an die gierigen Manager ausgezahlt wird. Nach etwa einer Woche ohne Kaffee herrscht offene Revolution.

Einmal, als die Kaffeemaschine kaputt war, ­sagte der Typ gegenüber zu mir: „Dann kann ich mich gar nicht mehr auf die Menüauswahl konzen­trieren.“ Ich brauchte einen Tag, um diesen Satz zu verkraften.

Das Mittagessen! Womit wir beim zweiten Weg sind. Ich habe das nie verstanden: Man schaut sich vorher, am Kantineneingang oder im In­tranet (beim Morgenkaffee), die Menüs an und geht dann direkt zu Essen I oder Essen II. Wenn die Kollegen dann aber davorstehen, überlegen es sich 83 Prozent noch mal anders. Warum schauen sie sich alle vorher das Menü an?

Ich vermute, dass es für viele eine der wichtigsten Entscheidungen des Tages ist, weil es die einzige ist, die sie als von ihnen selbst gefällt spüren.

Der Gang mit dem Tablett ist für mich einer der unmännlichsten Momente des Tages. Essen aufladen, zahlen mit dem Mitarbeiterausweis, dann die Suche nach dem Tisch, mit dem Tablett in beiden Armen, die man in einer merkwürdig angewinkelten Stellung halten muss, vorbei an den lieben oder auch weniger lieben Kollegen. Die Beliebtheit eines Mitarbeiters erkennt man daran, wie vielen er bei diesem Gang freundlich über den Tablettrand zunickt. Ich fühle mich dabei immer an amerikanische Knastfilme aus den 70ern erinnert.