EssayMein Leben in der Lehmschicht

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© Johannes Mink

Meinen Traum illustriert am besten eine Weltkarte. Sie stammt aus der Logistikabteilung des Konzerns, ist sicher schon 50 Jahre alt. Ich habe sie aus einem dieser staubigen, leicht modrigen Firmenarchive gefischt, die vollgestopft sind mit Dingen, die Angestellte nicht mehr benötigen. Die Angst vor der nächsten Inventur aber verbot es ihnen, die Sachen ganz wegzuschmeißen.

Man findet in diesen Archiven übrigens auch immer einen Haufen alter Siemens-Telefone mit einem Design, das einen an die eigene Kindheit erinnert; man findet Druckerpatronen, deren Tinte bereits zu blauem oder schwarzem Schlick erstarrt ist, sowie Tonnen von Briefpapier, Werbeprospekten und Tischtaschenrechnern mit dem alten Firmenlogo.

Meine Weltkarte aus dem Konzernarchiv ist eine Augenweide. Sie ist in sanften Gelb-, Grün- und Brauntönen gehalten und stellt die Welt so dar, wie ich sie als Kind kennengelernt habe: Der Jemen ist geteilt und Jugoslawien vereint, es gibt eine nubische Wüste dort, wo man heute nur noch Kindersoldaten wähnt, und Myanmar heißt Burma.

Allzu oft saß ich lange Minuten schweigend an meinem Schreibtisch und schaute auf die fernen Orte auf dieser Weltkarte und träumte von all den exotischen Plätzen auf dieser Welt mit den klangvollen Namen.

Nur leider bin ich dort nirgendwo. Tatsächlich sitze ich in einem beliebigen Bürogebäude eines Konzerns, in einer beliebigen Vorstadt einer gleichfalls beliebigen deutschen Großstadt. Eine beliebige Zentrale halt. Es gibt hier viel Grau, viel Stahl und noch mehr Glas, dafür aber wenig Seele, Stil und Individualität.

Willst du das?

Ich weiß nicht, warum deutsche Manager der (von Beratern) eingeflüsterten Versuchung erlagen, ihre Zentralen aus Innenstädten auf die grüne Wiese zu verlagern. Vermutlich wurde ihr Bonus erhöht, angesichts der Kosten, die das Vorstadtexil erst mal eingespart hat. Die Tristesse, die es für die Lemminge in der Lehmschicht bedeutet, hatten sie nicht im Auge.

Gegenüber meiner Zentrale steht eine qualmende Fabrikanlage. Einmal hatten wir ein Meeting mit Gästen, draußen war dichter Nebel. „Seien Sie froh, dass Nebel ist, bei schönem Wetter ist der Ausblick nicht zu ertragen“, sagte ich in die Runde.

Niemand lachte.

Jeden Morgen strömen Menschenmassen von der S-Bahn-Haltestelle oder durch die Parkgarage in das Gebäude in ihre Schließfächer, die sie Büros nennen. Ihr Blick! Ich habe diese Blicke studiert. Selten ein Lächeln, kaum ein Funkeln.

Eine Angestelltenmasse, die jeden Morgen hineingeht und am Abend wieder herauswabert, in dem immer gleichen Schritttempo; ein kleines bisschen zu schnell, um jedem zu signalisieren, dass man sehr eilig und geflissentlich unterwegs ist. Einige scheinen ihr Tempo nie zu ändern. Es gibt auch diejenigen, bei denen es sich etwas reduziert, sobald sie ihren Ausweis mit einem geübten Schwung des Handgelenks an dem Zeiterfassungsautomaten vorbeigeführt haben.

Manchmal wünsche ich fast, diese Masse morgens umzulenken. So wie Revolutionäre früher Faltblätter verteilt haben. Es würde nur ein Satz draufstehen: „WILLST DU DAS?“