LongreadDas große Geschäft mit den Matratzen

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Anfangs wurde er belächelt, später bedroht. Szpyt hielt sich nicht an die Preisvorgaben der Hersteller. Üblich seien damals 300 bis 500 Prozent Aufschlag für den Handel gewesen, sagt Szpyt. Ihm reichten 100. Damit machte er sich Feinde, bei Herstellern wie Händlern. Weil er sich nicht fügte, wurde er nur schleppend beliefert. Aufgeben kam aber nicht infrage. Szpyt gründete immer neue Scheinfirmen, teils im Ausland, über die er Ware bestellte und dann an Bett1.de weiterreichte. 2011 zeigte er das Matratzenkartell an. Das Bundeskartellamt verhängte im Jahr 2015 Bußgelder zwischen 3,4 und 15,5 Mio. Euro gegen drei Hersteller: Metzeler, Tempur und Rectitel mit der Marke Schlaraffia.

Eine Matratze für alle

Szpyt ist aber nicht nur ein Rebell, 2011 wurde er selbst zu 250 Tagessätzen wegen „strafbarer Werbung“ verurteilt. Dazu schweigt er allerdings gern. Er hatte Matratzen angeboten, die er nicht liefern konnte, und die Kunden dann zu anderen Modellen überredet. „Wir mussten Alternativen anbieten, um überleben zu können“, sagt Szpyt. „Notwehrrecht.“ Natürlich klagte er gegen das Urteil. Es wurde aber 2014 vom Landgericht Berlin bestätigt. Szpyt legte Beschwerde ein, beim EuGH. Dort schlummert nun der Fall, seit Jahren.

Weil Szpyt nicht mehr beliefert wurde, entwickelte er 2014 eine eigene Matratze. Er hatte eine revolutionäre Idee, die den Markt aufbrechen soll: Er ließ eine Matratze für alle entwickeln. Eine Einheits­ma­trat­ze, auf der alle Typen gut schlafen können. Szpyt testete verschiedene Materialien, stimmte sie mit den Liegegewohnheiten ab. Der Spezialschaum passt sich dem Körper an, stützt und entlastet. Der Clou: Jede Matratze hat zwei Härtegrade, je nachdem, wie man sie wendet.

In Brandenburg baute er eine Produktion auf, die bis zu 3.000 Matratzen am Tag herstellen kann. 160 Mitarbeiter beschäftigt Szpyt mittlerweile. Die Standardgröße bietet er zum Preis von 199 Euro an. Ein Schlag ins Gesicht der Hersteller, die ihn boykottiert hatten. Der zweite folgte 2015. Die Stiftung Warentest verlieh Szpyts Matratze die Note 1,8 – sehr gut. Es ist bis heute die beste je vergebene Bewertung für eine Ma­tratze. Damit hat er bewiesen: Gut und günstig – das geht. Über eine Million Stück hat er schon verkauft.

Trotzdem wirkt Szpyt wie ein Getriebener. Natürlich habe er Angst, sagt er. Gedroht habe man ihm, Maulwürfe eingeschleust, Bewertungen gefälscht. Man versuche, sagt er, ihn aus dem Markt zu drängen. „Man“? Es klingt wie „die dunkle Seite der Macht“. „Bodyguard“ hat ­Szpyt seine Matratze genannt, als solle sie ihn schützen. Er vermarktet sie provokant als „Anti-Kartell-Matratze“.

Abschied vom Neonlicht

„Das hat er sehr, sehr gut gemacht. Ein perfekter Werbecoup“, sagt Marcus Diekmann. Er hält die Kartellgeschichte zwar für „Käse“ – trotzdem sei Szpyt ein „Innovator der Branche, die jahrelang geschlafen hat. Dafür muss man ihm dankbar sein“. Diekmann ist Direktor für Digitales und E-Commerce bei der niederländischen Beter Bed Holding, zu der Ma­tratzen Concord gehört. Diekmann soll den Marktführer fit für die Zukunft machen. „Wir gehen voll auf Angriff“, sagt er.

Das muss er auch. Die Branche ist im Umbruch. Zu spüren bekommen haben das schon die Matratzenhersteller Riposana, Bast, Dunlopillo und Houben, die unlängst in die Insolvenz schlidderten. Ebenso wie der Händler Matratzen Direct, der das gleiche Eckladenprinzip wie Matratzen Concord verfolgte. Das Unternehmen wurde um 100 Filialen auf nun 180 geschrumpft und tritt unter dem alten Namen MFO auf. Am Konzept hat MFO wenig geändert. Grell und bunt werden Streichpreise präsentiert.