ReportageMartin Kallen - der Europa-Meister

Martin Kallen in seinem Büro
„Mr. Euro“: Der Schweizer Martin Kallen ist seit 2004 Turnierchef der EM-Endrunden
© Simon Habegger

Für Martin Kallen sehen die Stadien für die Fußball-EM aus wie Organigramme eines Großkonzerns. Kallen ist der Chef des Turniers, gerade steht er in der UEFA-Zentrale im schweizerischen Nyon in einem Großraumbüro mit giftgrünem Teppich, vor sich einen Metallschrank, an dem zehn DIN-A3-Ausdrucke kleben. Die Pläne zeigen ein Gewirr aus Linien, Pfeilen und bunten Kästchen: Projektleiter in Dunkelblau, freiwillige Helfer in Grün, Lieferanten in Orange.

Ganz oben hängt das Organigramm für das Stadion in Nizza, darunter der Pariser Prinzenpark und das Stade de France im Norden der Hauptstadt, in dem die Euro am 10. Juni eröffnet wurde. Für jede Arena gebe es ein eigenes Management, sagt UEFA-Manager Kallen. „Wir kommen ja mit einer Armee.“

60 bis 80 eigene Mitarbeiter werde die UEFA in jedes Stadion schicken, sagt Kallen – vom Stadionchef bis zum Volunteer Manager, der vor Ort die vielen Dutzend freiwillige Helfer koordiniert. Es gibt Projektleiter für die Sicherheit, für Ticketfragen, für die Stadion-IT, den Transport, das sogenannte Hospitality-Programm für Firmenkunden, die Betreuung von Staatsgästen und natürlich für die Produktion des weltweiten Fernsehbildes, das die UEFA für jedes der 51 Spiele selbst übernimmt, aus jeweils 30 Kamerapositionen.

Die EM-Veranstalter beschäftigen sogar Teams, die sich um etwas kümmern, das Kallen „Rights Protection Programme“ nennt: Mitarbeiter, die darüber wachen, dass Unternehmen, die nicht zu den offiziellen UEFA-Sponsoren gehören, die Stadien nicht als Bühne für verbotene Werbeaktionen nutzen.

Der wichtigste aller insgesamt 650 UEFA-Mitarbeiter für die EM aber ist Kallen. Der 52 Jahre alte Schweizer ist der CEO des Unternehmens Euro 2016, der Chefmanager eines Großprojekts mit Tausenden Freiwilligen, Tausenden Mitarbeitern von Zulieferern wie Caterern und Securityfirmen, vielen Hundert Kilometern Stromkabeln und 2,5 Millionen Besuchern allein in den Stadien. „Ich bin der Dirigent, der schauen muss, dass jeder sein Instrument richtig beherrscht und das ganze Orchester zusammenspielt“, sagt er.

Herr über mehrere Weltmarken

Seit Kallen 1994 zur UEFA kam, ist er zu einem der mächtigsten Manager im globalen Fußballgeschäft aufgestiegen – zum Herrn über mehrere Weltmarken: Euro, Champions League, Europa League. Dabei hatte der Mann aus dem Berner Oberland nach der Schule zunächst eine Lehre bei der Schweizer Bundesbahn gemacht und fertigte Züge ab, bevor er ein BWL-Studium nachlegte.

Bei der UEFA stieg Kallen als Marketingassistent ein und entwickelte die Fair-Play-Kampagne für die EM 1996. Als dann die Portugiesen vor der Euro 2004 gewaltige Probleme mit ihren Stadien hatten, schickte der Verband Kallen. Der rettete das Turnier – und gilt seitdem als „Mr Euro“. Frankreich wird seine vierte EM als Turnierchef.

Unter Kallens Regie ist aus Europas größtem Sportevent auch eine gigantische Gewinnmaschine geworden – ein perfekt durchkommerzialisiertes Produkt, das offiziell längst nicht mehr EM heißt, sondern „UEFA Euro 2016 TM“. Rund 1,9 Mrd. Euro wird das erstmals mit 24 statt 16 Teams ausgetragene Turnier in diesem Sommer einspielen – davon 1 Mrd. Euro aus TV-Rechten, 500 Mio. Euro aus dem Ticketverkauf und 400 Mio. Euro aus dem Sponsoring. Sämtliche Markenrechte weltweit hält die UEFA selbst. Mindestens 800 Mio. Euro dürften bei ihr als Bruttogewinn hängen bleiben. Als Kallen anfing, lag der Umsatz nicht einmal bei 150 Mio. Euro.

Doch selbst für den erfahrenen Turnierchef ist diese EM die wohl schwierigste. Zum einen weil die weitreichenden Auflagen, die die UEFA für den Schutz ihres Geschäfts und ihrer Sponsoren durchdrückt, auf immer lautere Kritik stoßen. Vor allem aber wegen der Sicherheitslage: Nach den Anschlägen vom 13. November in Paris, die auch auf das Finalstadion Stade de France zielten, wird es die erste EM unter Terrorwarnstufe eins – ein Risiko für das Gastgeberland und die Fans. Aber auch für die UEFA und ihr Geschäft.