Gastkommentar Make Europe great again!

Anlässlich des Europatages am 9. Mai leuchtet die Allianz Arena in den Farben der Flagge der Europäischen Union
Anlässlich des Europatages am 9. Mai leuchtet die Allianz Arena in den Farben der Flagge der Europäischen Union
© dpa
Europa wird zunehmend abgehängt von China und den USA. Für Johannes Keienburg ist daher klar: Wir dürfen uns nicht länger ausruhen auf Erfolgen der Vergangenheit - wir brauchen erfolgshungrige Unternehmer, die Europas Schicksal in die Hand nehmen

Kürzlich in Schanghai, auf der Suche nach den Gründen für den digitalen Aufstieg Chinas, lande ich da, wo man ganz sicher keinen Aufbruch vermutet: In einer ganz normalen Shoppingmall, rund 30 Kilometer außerhalb des Zentrums. Es ist Dienstagabend, gegen 21 Uhr. Auf dem Gang sitzen rund 100 Eltern und warten. Sie warten auf ihre Vorschulkinder – die gerade Mathematikunterricht haben. Sie warten voller Tatendrang.

Es gibt eine Reihe von Gründen für die zunehmende chinesische Digital-Dominanz. Da ist zunächst natürlich Chinas autoritärer Digitalkapitalismus, der sich mit seiner Kombination aus milliardenschwerer zentralistischer Steuerung und ethischem Pragmatismus als nicht überall beliebt, aber dafür überaus effektiv erweist. Da ist zweitens der gigantische Markt, den digitale Unternehmen in China vor sich haben – ein enormer Vorteil, insbesondere für stark KI- und datengetriebene Modelle. Wie hieß es neulich so treffend: Wenn Daten das neue Öl sind, ist China die neue OPEC.

Seit meinem Besuch in der Shoppingmall sehe ich aber einen weiteren Grund: China hat den unbedingten Willen, sich mit harter Arbeit nach vorne zu kämpfen – koste es, was es wolle. Das gilt bereits für die heutige Generation mit ihrer quasi unbeschränkten Verfügbarkeit an Fachkräften, für die nächste Generation wird es erst recht gelten. Und auch wenn ich überambitionierte Helikopter-Eltern, die ihre Kinder zu Erfolgsmaschinen trimmen, im Kern ablehne, muss ich doch gestehen: Die Szene aus der Shoppingmall hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Denn es ist genau dieser chinesische Wille, der Europa derzeit an vielen Stellen fehlt.

Wir dürfen uns nicht länger auf „Made in Germany“ ausruhen

Insbesondere Deutschland, als die mit Abstand wichtigste europäische Volkswirtschaft, hat sich mit seiner apathischen Überheblichkeit in eine gefährliche Lage manövriert. Nehmen wir das Elektroauto: Dessen systematische Entwicklung hat die deutsche Autoelite so lange aufgeschoben, bis Kalifornien es gebaut hat . Nehmen wir den Flughafen Berlin: Peking hat gerade den größten Airport der Welt in Testbetrieb genommen, umgesetzt in Rekordzeit. Beschlossen wurde der Bau vor vier Jahren. Oder, 5G: In China wird 5G nicht diskutiert, sondern längst getestet.

In genau diesem Kontext titelte der „Spiegel“ gerade: „Die fetten Jahre sind vorbei“, und verweist darauf, dass Deutschland in den vergangenen Jahren, statt in die Digitalisierung zu investieren, 200 Mrd. Euro in den Steinkohlenbergbau gesteckt hat. Passend dazu konstatiert selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem aktuellen Interview: „Viele machen sich Sorgen um Europa, auch ich.”

Übrigens: Auf der Liste der zehn größten Tech-Konzerne der Welt findet sich derzeit kein einziges Unternehmen aus Europa. Es ist also Zeit aufzuwachen, und in aller Klarheit zu erkennen, dass wir uns nicht länger auf Erfolgen aus der Vergangenheit ausruhen dürfen. „Made in Germany“ ist keine Garantie für die Zukunft.

Europas Unternehmer können den Unterschied ausmachen

Wie aber sollen Deutschland und Europa wieder nach vorne kommen? Europa kann mit etwas auftrumpfen, das es schon immer hatte: Mit großen Unternehmern, Erfindern und Ingenieuren, die die Welt verändert haben.

Das kann durchaus auch im Digitalbereich funktionieren – stellenweise gelingt es nämlich bereits. Nehmen wir nur mal folgende Start-up Beispiele aus der ersten großen Welle der Digitalisierung, dem E-Commerce: Die europäische Auto1 Group ist heute mehr wert als ihr US-Pendant Cars.com. Das gleiche gilt für Delivery Hero – der europäische Lieferdienst ist höher bewertet als das vergleichbare US-Modell Grubhub. Passend dazu sind die Investitionen in europäische Start-ups jüngst auf ein Rekordniveau gestiegen - auf rund 11,5 Mrd. Euro im Jahr 2018. Das ist noch immer substantiell weniger als in den USA (rund 40 Mrd. Euro im Jahr 2018), aber immerhin eine Verdoppelung gegenüber 2016.

Nun werden die nächsten Wellen der Digitalisierung mit Sicherheit nicht einfacher. Neben der Finanz- und der Versicherungsindustrie ist der Gesundheitsbereich einer der Märkte, die derzeit durch digitale Innovation von Grund auf verändert werden.

Europa kann hier eine wesentliche Rolle spielen, wenn es ein paar fundamentale Grundregeln beachtet: Komplexe Märkte wie Finanzen oder Gesundheit kann man erstens nicht durch ein paar einzelne Start-ups verändern, es braucht hier einen holistischen Ansatz. Also Plattformen, die die regulatorischen Feinheiten im Detail verstehen und Industrien ganzheitlich verändern, entlang der kompletten Wertschöpfungskette.

Damit hängt der zweite Punkt zusammen: Hoch regulierte Industrien müssen mit einem anderen Mindset angegangen werden als es noch bei der Digitalisierung des Handels der Fall war. Hier hatten Start-ups mehrheitlich das Ziel, etablierte Spieler schlichtweg von der Landkarte zu streichen („we disrupt you“) - was ihnen in vielen Fällen auch gelungen ist. Im Finanz- und Gesundheitsbereich funktioniert das in dieser Form nicht. Wer hier erfolgreich digitalisieren will, muss mit den existierenden Organisationen – also Banken, Versicherungen, Ärztekammern, Krankenhäusern und Pharmakonzernen – vertrauensvolle Partnerschaften schmieden. Idealerweise auf europäischer Ebene, denn dann haben auch wir einen großen Markt vor uns.

Was es drittens braucht, habe ich schon gesagt: Mut. Und den unbedingte Willen, etwas Großes zu bewegen.

Johannes Keienburgist CEO des Company Builders Ioniq Group und Geschäftsführer von Heartbeat Labs, einer Start-up-Schmiede im Gesundheitssektor

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