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Kommentar Lufthansa testet einen flotten Dreier

Jahrelang buhlte die Lufthansa um Alitalia. Mit der Nachfolgegesellschaft ITA geht sie nun eine Verbindung ein
Jahrelang buhlte die Lufthansa um Alitalia. Mit der Nachfolgegesellschaft ITA geht sie nun eine Verbindung ein
© Rüdiger Wölk / IMAGO
Nach jahrelangem Rumbaggern kommen Lufthansa und die Alitalia-Nachfolgerin ITA doch noch zusammen. Dafür wollen die beiden Fluggesellschaften die Reederei MSC als Partner an Bord holen. Jenny von Zepelin über ein heikles Beziehungskonstrukt

Seit Jahren schmachten sie sich gegenseitig an: Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat wie schon sein Vorgänger im Amt Wolfgang Mayrhuber stets ein Auge auf die stolze Alitalia geworfen. Die wechselnden Führungsspitzen der chronisch defizitären italienischen Airline schickten regelmäßig Liebesgrüße aus Rom nach Frankfurt, drängten sich den Deutschen zuletzt geradezu auf. Von Bewunderung für die Lufthansa war die Rede, von großem Respekt für Spohr. Wer kann da schon widerstehen?

Spohr kann es nicht. Obwohl die Luftverkehrsbranche gerade inmitten der größten Krise aller Zeiten steckt, die auch die Existenz der Lufthansa gefährdet hat. Seit zwei Jahren schleppt sich die Fluglinien durch die Coronapandemie, konnte nur mit milliardenschwerer Staatshilfe vor der Pleite bewahrt werden, sitzt auf einem hohen Schuldenberg und wartet noch immer vergeblich auf einen Buchungsaufschwung. Wann die Kunden wieder fliegen, ist unklar. Wie viele Geschäftsreisende sich künftig noch in die Röhren quetschen werden, ist unsicher. Wie viele Urlauber eine Flugreise mit einem geschärften Umweltbewusstsein in Einklang bringen können, ebenso.

In dieser Lage wirkt der geplante Deal von Lufthansa mit ITA Airways wie aus der Zeit gefallen. Als würden die Lufthanseaten stoisch ihren vergilbten Strategieplan weiter abarbeiten. So wie sie sich in den vergangenen Jahren eine Airline nach der anderen in den Nachbarländern geschnappt haben: Swiss, Austrian Airlines, Brussels. Stets galt es, lukrative Märkte mit zahlungskräftigen Kunden und attraktiven Routen zu besetzen. Entstanden ist ein großes, überaus komplexes Gebilde mit fünf Drehkreuzen für Langstreckenflüge in Frankfurt, München, Zürich, Wien und Brüssel. Die müssen alle stetig durch massig Regionalverbindungen mit Passagieren gefüttert werden. Im Idealfall. Den gibt es jedoch nicht mehr.

Viele offene Fragen bei Lufthansa

Nun also noch Italien mit den beiden großen Flughäfen Rom und Mailand. Ein Markt, der einen validen Anteil gutsituierter, reisefreudiger Kunden aufweisen kann und auch als Zielgebiet für Urlauber aus aller Welt attraktiv ist. Nur hat damit bislang noch niemand Geld verdient: Alitalia hat Milliarden verbrannt, wurde vom Staat immer wieder mit Finanzspritzen mehr schlecht als recht über Wasser gehalten, bis sie vor vier Jahren abgewickelt werden musste. Die Nachfolgegesellschaft ITA kommt mit weniger Mitarbeitern, weniger Flugzeugen und niedrigeren Kosten auch nicht über die Runden.

Das kann die Lufthansa auch nicht besser. Auch wenn ITA-Präsident Alfredo Altavilla das mit Blick auf die Entwicklung von Swiss, Austrian Airlines und Brussels erwartet. Auch Spohr kann nicht vorhersagen, wann die Buchungsflaute zu Ende ist. Wie er all die Drehkreuze wieder beleben und all die großen Maschinen so vollkriegen will, dass Margen von bis zu acht Prozent wie zu besten Zeiten erzielt werden, ist auch noch offen.

Trotzdem will die Lufthansa die ITA in ihrer großen Patchwork-Familie mit durchschleppen. Zahlen soll dafür aber ein anderer: die Schweizer Reederei MSC soll bei der ITA einsteigen, Lufthansa als Partner den kommerziellen Vertrieb mitsteuern. Ein flotter Dreier, der in dieser Konstellation sehr unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen muss. Die ITA kann sich noch als italienische Airline präsentieren, MSC verspricht sich irgendwelche Synergien für seine Fracht- und Passagierschiffe, Lufthansa kann die eigenen Fracht- und Passagierströme für den italienischen Markt besser koordinieren und Konkurrenten besser auf Distanz halten. Durchregieren kann sie in einer solchen Partnerschaft nicht.

Was bleibt unter dem Strich? Für die Lufthansa ist das finanzielle Risiko offenbar begrenzt, der kommerzielle Erfolg bleibt offen, die Komplexität dürfte weiter steigen. Ein Ruck bleibt aus. Auf den innovativen Schritt mit visionärer Zukunftsperspektive müssen Aktionäre weiter warten.

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