InterviewMartin Rees: „Neue Technologien werden der Schlüssel sein“

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Wegen eines Computerfehlers ins Gefängnis zu kommen – das klingt schon stark nach Science Fiction. Gibt es noch andere Horrorszenarien, die vorstellbar wären?

Würden Sie sich über einen Gesichtsscan freuen, der Fremden per Knopfdruck viele Informationen über Ihr Leben zugänglich macht oder Fake-Videos, die so real wirken, dass visuellen Aufnahmen grundsätzlich kein Glauben mehr geschenkt werden kann?

Das sind in der Tat verstörende Gedanken. Was muss die Gesellschaft tun, um sich auf die Herausforderungen einzustellen, mit denen KI uns konfrontiert?

Roboter werden uns nicht einfach die manuelle Arbeit abnehmen. Tatsächlich wird es viel schwieriger sein, Klempner- oder Gartenarbeit komplett zu automatisieren, als routinemäßige Justizarbeit, medizinische Diagnosen und sogar Chirurgie. Der Profit, den Roboter erwirtschaften, könnte einige wenige unsagbar reich machen. Voraussetzung einer funktionierenden Gesellschaft wird sein, dass jeder zumindest eine Art Basisgehalt für bereitgestellte Jobs – zum Beispiel im öffentlichen Sektor – bekommt.

Lord Rees, lassen Sie uns den Schwierigkeitsgrad noch ein bisschen erhöhen und über ein anderes Thema sprechen: die Zukunft unseres Planeten. Sie verorten die größte Herausforderung, die uns in den nächsten Jahren bevorsteht, in einer ebenso massiven wie unumkehrbaren Schädigung der Umwelt. Sehen Sie die Möglichkeit, diesem Problem noch rechtzeitig beizukommen?

Die Erdbevölkerung wächst und übt Druck auf die Umwelt aus. Neue Technologien werden der Schlüssel sein, die Nahrungsmittelversorgung und Gesundheitsfürsorge zu sichern. Ein sehr heikles Thema stellt der Klimawandel dar. Es ist schwierig, Politiker davon zu überzeugen, Opfer zum Wohle von Menschen zu bringen, die sich räumlich und zeitlich außerhalb ihres Wahlkreises bewegen. In meinem Buch wird der Weg zu einer Win-win- Situation beschrieben.

Wie funktioniert diese Wunderlösung?

Alle Länder sollten bei der Erforschung und Entwicklung einer CO2-armen Energieversorgung viel mehr investieren! Von großer Tragweite ist die Verbesserung von Energiespeichern, Pumpspeicherkraftwerken und Windkrafträdern. Smarte transkontinentale Stromnetze könnten Solarstrom aus dem sonnigen Süden in den wolkigen Norden leiten – und von Ost nach West bzw. vice versa um zeitweisen Überschuss und zeitweise Unterproduktion auszugleichen.

Welcher Zeitrahmen wäre hier wünschenswert?

Je schneller diese sauberen Technologien weiterentwickelt werden, desto eher werden ihre Preise fallen und somit werden sie beispielsweise auch für Volkswirtschaften wie Indien erschwinglich sein, wo es andernfalls nötig sein wird, noch mehr Kohlekraftwerke zu bauen.

Welche weiteren Technologien halten Sie für entscheidend, wenn es um die Zukunft der Erde und der Menschheit geht?

Die größten Neuerungen erwarte ich binnen der nächsten 20 Jahre in der Biotechnologie. Fortschritte auf diesem Gebiet lassen auf Verbesserungen in der Gesundheitsvorsorge und Nahrungsmittelproduktion hoffen, sogar „künstliches“ Fleisch ist denkbar. Leider ist auch diese Entwicklung nicht frei von Kontroversen. Die CRISPR/Cas-9-Technik zur Genmanipulation…

… die in letzter Zeit Schlagzeilen in der Presse machte …

… kann einige genetisch bedingte Krankheiten eliminieren. Aber es gibt ethische Bedenken bezüglich „Designer-Babies“. Der Preis für die Sequenzierung eines menschlichen Genoms ist inzwischen auf weniger als 1000 Dollar gefallen, er war mal bei drei Milliarden! Die Möglichkeit, ein Genom zu synthetisieren – eine neue Spezies zu kreieren – schwebt schon vor uns am Horizont.