Venture CapitalEx-Gründer bringen frischen Wind in die Investorenszene

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Selbst Gründer, die den Exit noch vor sich haben, mischen inzwischen mit. Ein paar Hundert Meter nordöstlich der Torstraße, im Winsviertel am Prenzlauer Berg, hat sich das Fintech Raisin auf mehreren Etagen ausgebreitet, selbst der Keller wurde ausgebaut. In Deutschland unter dem Namen Weltsparen bekannt, vermittelt das Unternehmen höher verzinste Tages- und Festgeldanlagen im europäischen Ausland. 170 Mio. Euro Risikokapital stecken in der 2012 gegründeten Firma. Eigentlich hätte CFO Frank Freund hier genug zu tun. Aber gemeinsam mit seinen Mitgründern engagiert sich Freund als Business-Angel, in mehr als ein halbes Dutzend Firmen haben sie investiert. „Wir wollen unseren Teil in das Ökosystem zurückgeben“, sagt Freund. „Wenn man selber gegründet hat, ist man ja durch viele verschiedene Phasen des Organisationsaufbaus gegangen: Team, IT-Plattform, Sales-Pitches und so weiter. Vieles kann man weitergeben.“

Einen Teil zurückgeben

Dabei profitieren auch die Raisin-Chefs: „Wir lernen ebenfalls“, sagt Freund. „Unternehmen, die sieben Jahre nach uns gegründet wurden, schauen anders auf bestimmte Tools, auf bestimmte Vertriebskanäle.“ In ihrem Portfolio finden sich fast ausschließlich Fintech-Firmen. „Wir investieren, wenn wir das Team kennen und gut finden. Und dort, wo wir das Produkt verstehen und den Glauben daran haben, dass es ein echtes Verbesserungspotenzial für einen Marktbereich gibt.“ Und dann gibt es noch ein Kriterium: „Wir suchen Teams, die sich unsere Ratschläge anhören und trotzdem das machen, was sie für richtig halten. Gründer kennen ihr Geschäft besser als jeder Investor.“ Als Geldgeber müsse man akzeptieren, „dass Pläne übererfüllt und untererfüllt werden können, das ist völlig normal“. Das, sagt Freund, sei auch sein Ratschlag an die anderen neuen Geldgeber: „Die jüngeren VCs müssen noch lernen, mit Volatilität umzugehen. Dass man auch mal die Hände weglassen muss.“

Unterm Strich tun die Gründer, die nun Geld geben, ihren Start-ups gut. Aber sind sie auch die erfolgreicheren Investoren? Filip Dames ist davon nicht überzeugt, die Zahlen gäben das nicht her. „Es gibt genauso gute Investoren, die aus der Finanzindustrie kommen.“ Aber es gibt einen weiteren Unterschied, der für die Gründerszene in Zukunft vielleicht von noch größerer Bedeutung sein wird: Die neuen Geldgeber gehen mit anderen Ambitionen an ihre Deals.

Dames sagt: „Die Philosophie vieler europäischer VCs war eher: Gutes Geschäftsmodell, spannendes Thema – wir können hier in den nächsten fünf Jahren in Deutschland auf 50 Mio. Umsatz wachsen.“ Cherry hingegen will nur in Firmen investieren, die so groß werden können, dass sie einen ganzen Fonds zurückzahlen können (und damit die möglichen Ausfälle der anderen Start-ups mehr als ausgleichen). „Wir gehen sehr früh rein, wir nehmen bewusst auch größere Risiken in Kauf. Firmen, in die wir investieren, müssen das Potenzial haben, globale Champions zu werden.“ Gut möglich, dass das Geld von der Torstraße Deutschland endlich eine Internetfirma von Weltrang bescheren wird.

Cherry selbst wird noch in diesem Jahr seinen dritten Fonds auflegen, angepeilt sind nur ein klein wenig mehr als die 150 Mio. Euro, die schon der zweite Fonds umfasste. „Wir bleiben bei unserer Strategie“, sagt Dames. Und er erteilt auch Überlegungen eine Absage, dass Cherry in das Wachstumsfinanzierungsgeschäft mit größeren „Tickets“ oder in andere Weltregionen als Europa expandieren könnte: „Wir versuchen überhaupt nicht, mit den amerikanischen Fonds in Konkurrenz zu treten.“ Die Sand Hill Road bleibt fürs Erste ungefährdet.


Der Beitrag ist in Capital 05/2019 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay