Venture CapitalEx-Gründer bringen frischen Wind in die Investorenszene

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Christoph Gerber, Gründer des Lieferdienstpioniers Lieferando, der nach einem erfolgreichen Exit gerade ein B2B-Start-up aufbaut, beschreibt, wie schwergängig und frustrierend der Umgang mit alteingesessenen VCs sein kann: „Beim fünften Treffen stellte mir ein Partner die Frage: Was soll mal auf deinem Grabstein stehen? Anstatt dass wir über das Produkt reden und ins Geschäft kommen.“

Zu den Eigenheiten der neuen Investoren gehört auch, dass sich kaum einer noch anmaßt, alles zu können – stattdessen entstehen spezialisierte Mikro-VCs, die sich auf eine Branche oder eine Technologie fokussieren. Der VC Fly Ventures etwa macht nur Deals mit Start-ups, die mithilfe von künstlicher Intelligenz Automatisierungssoftware für Unternehmenskunden bauen. Gestartet haben ihn der Ex-Google-Produktmanager Stephan Seyboth sowie Gabriel Matuschka, der zuvor beim französischen VC Partech Ventures arbeitete (wo das interne Motto lautete: Wir machen alles, was funktioniert). 35 Mio. Euro stecken im ersten Fonds des 2016 gegründeten VCs, 2018 gelang der erste Exit: Die britische Firma Bloomsbury AI wurde an Facebook verkauft.

Fabian Westerheide, einst Gründer des Online-Marktplatzes Wunsch-Brautkleid.de, hat sich mit seinem Mini-VC Asgard Capital ebenfalls auf künstliche Intelligenz spezialisiert. Er prognostiziert ein weitere Verschiebung der Marktgewichte: „Die großen VCs und die mit einer guten Marke werden überleben. Auch kleine Fonds mit einem klaren Fokus haben gute Chancen, die sind nahe dran an den Gründern. Aber für den Mittelstand, für die mittelgroßen VCs, sieht es schlecht aus.“

Als angeschossen gilt in der Szene etwa der Berliner Fonds Earlybird, der 1997 gegründet wurde und auch heute noch heiße Wetten wie die Digitalbank N26 im Portfolio hat. Aber 2015 machten sich mit Ciarán O’Leary und Jason Whitmire zwei ihrer wichtigsten Partner davon und gründeten mit Blueyard Capital einen eigenen VC – Earlybird bleibt seither bei vielen vielversprechenden Deals außen vor.

Der Generationswechsel in der Investorenlandschaft erzählt aber nicht nur etwas über sich verschiebende Marktanteile, er steht für etwas Größeres, für einen Reifeprozess des gesamten Start-up-Ökosystems: Gründer, die ihre Firmen erfolgreich verkauft haben, stecken wiederum selbst Geld in junge Start-ups. Und geben Know-how, Erfahrungen und Kontakte weiter. Im Silicon Valley funktioniert das seit Jahrzehnten so. Und in Berlin nun endlich auch.

Möglich machen das die Exits und Börsengänge der vergangenen Jahre. Die Gründer der Online-Parfümerie Flaconi oder der To-do-Listen-App Wunderlist sind von finanziellen Sorgen befreit, sie investieren heute fleißig. Bei den Milliarden-IPOs von Delivery Hero und Zalando machten nicht nur die großen Investoren und bekannten Gründer Kasse, sondern auch Dutzende Mitarbeiter und frühe Business-Angels. Ihr Geld fließt nun zurück in die nächste Start-up-Generation.