GlobalisierungLieferketten – die Wichtigkeit des Kniehebelspanners

Am Kniehebelspanner hängt der Autobau: Druckluft bewegt den schwarzen Spann­arm, an dem sich diverse Aufsätze befestigen lassen. Mit ihnen hält der Spanner zentnerschwere Karosserieteile, etwa beim SchweißenSebastian André Kruthoffer

Der letzte Tag, an dem für Marian Okwieka die Globalisierung noch funktioniert, ist der 23. Januar 2020. Okwieka leitet beim Maschinenbauer Tünkers aus Ratingen den Einkauf, und Ende Januar wartet er auf Neuigkeiten zu einer dringenden Lieferung von 30.000 Bolzen aus China. Tünkers braucht bald Nachschub, die Bolzen sind ein notwendiges Bauteil für sogenannte Kniehebelspanner, ohne die wiederum die Autoindustrie nicht arbeiten kann. Die Bolzen sind zwar weitgehend produziert, aber noch in China, und der Lieferant meldet sich nicht mehr.

Stattdessen kommen dieser Tage aus China wenig beruhigende Nachrichten: In Wuhan verbreitete sich rasend schnell eine neue Lungenkrankheit. Vielleicht so gefährlich wie Sars, vielleicht mit Auswirkungen auf den internationalen Warenverkehr. Dazu nähert sich das chinesische Neujahr. „Und wenn die Neujahrsferien beginnen, sind die Chinesen nicht mehr zu erreichen“, sagt Okwieka. „Dann geht nichts mehr raus bis Anfang Februar.“

Am 22. Januar wird Wuhan großräumig abgeriegelt. Okwieka erhält einen Tag später immerhin noch eine erlösende E-Mail: Ein Kurierdienst konnte einen Teil der Lieferung kurzfristig ausfliegen. Zwar nur 3200 Bolzen, aber immerhin. „Da haben uns die Chinesen echt einen großen Gefallen getan“, sagt er.

Denn was in den darauffolgenden Wochen geschieht, ist beispiellos: Weltweit wird Grenze auf Grenze geschlossen, Fabrik auf Fabrik gestoppt. Containerschiffe bleiben vor den Häfen, Flugzeuge am Boden. Und bei Tünkers in Ratingen fragt man sich genau wie in Hunderttausenden anderen Unternehmen, die weltweit von globalen Lieferketten abhängig sind: Was machen wir denn jetzt?

Als China dicht war, wurden wir auch nervös

Olaf Tünkers, Geschäftsführer beim Maschinenbauer Tünkers

Bis zum Januar wäre Tünkers einfach ein gutes Beispiel gewesen für einen deutschen Hidden Champion. Das Unternehmen produziert mit 1100 Mitarbeitern an zehn Standorten auf der Welt fast alles, was Autohersteller in ihren Karosseriefabriken neben den Robotern benötigen: Stanz- und Prägezangen, Förderbänder, Greifer, Schweißzangen und Spanner. Vor allem ist Tünkers in diesem Bereich Weltmarktführer für den Kniehebelspanner, an dem, so kann man durchaus sagen, die Automobilindustrie hängt.

Denn der Spanner kann zentnerschwere Karosserieteile greifen und halten, während Industrieroboter sie verschweißen. Tausende Spanner braucht jede Produktionsstraße, der Autobau funktioniert nicht ohne sie. Doch der Kniehebelspanner wiederum funktioniert nicht ohne Bauteile aus China.

Und so sind Tünkers und der Kniehebelspanner heute ein gutes Beispiel für rund um den Globus gespannten Lieferketten: über Jahre gewachsen, komplex – und durch Corona aus dem Takt gebracht. Auch Ende April klagten bei einer Umfrage des Ifo Instituts noch 44 Prozent der Unternehmen hierzulande über Lieferschwierigkeiten. Ganze Industrien sind gezwungen, Lieferungen neu zu organisieren und sich zum ersten Mal seit Jahren einer weitreichenden Frage zu stellen: Wie abhängig wollen wir eigentlich von Vorprodukten aus dem Ausland sein?

Die Kette stockt

Bei Tünkers melden sich Anfang Februar die ersten Kunden: Anlagenbauer, die für die Autoindustrie die Produktionsstraßen einrichten. Oft landen sie beim Geschäftsführer Olaf Tünkers und fragen besorgt, ob er noch liefern kann. „Wir sitzen in so einer Kaskadenkette“, erklärt er heute. „Wir liefern an Anlagenbauer wie Thyssen. Thyssen baut dann die Schweißstraße für VW. Die Termine stehen alle fest. Liefern wir zu spät, kommt die ganze Kette durcheinander.“

Olaf Tünkers verspricht seinen Kunden im Februar: Wir können. Doch im Rückblick gibt er zu: „Als China dicht war, wurden wir auch nervös.“ Sie beziehen auch einiges aus anderen Ländern, aber: „Viele Schlüsselteile kommen aus China.“

Wenige Meter von Tünkers’ Büros in der Ratinger Zentrale hämmern und prusten die Maschinen so laut, dass man sich kaum verständigen kann. Hier werden Kniehebelspanner hergestellt, der Produktionsleiter heißt Ingo Korthauer, und er steht an einem Tisch mit einer großen Kiste. Darin: die einzelnen Bauteile des Spanners, sorgfältig aufgereiht. Etwa: ein kleiner schraubenähnlicher Stift. „Der Drehbolzen“, erklärt Korthauer, „aus China.“ Ein Dichtungsring für den Kolben. „Aus Taiwan.“ Das Zylinderrohr. „Aus der Schweiz.“ Insgesamt 39 Teile aus sechs Ländern. Ein Puzzlespiel.