GastkommentarZeitenwende bei Geld: Euro und US-Dollar kriegen Konkurrenz

Mit Libra will Facebook die Finanzwelt aufmischen
Mit Libra will Facebook die Finanzwelt aufmischenGetty Images

Katharina Gehra ist Gründerin von Immutable Insight, einer Blockchain-Analysefirma. Sie sitzt zudem als Sachverständige im Finanzausschuss und Ausschuss Digitale Agenda des Bundestags. Sie gehört zu Deutschlands Top 40 unter 40 von Capital.


Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die bundesdeutsche Außenpolitik in einem westlichen Bündnis mit Richtung der Vereinigten Staaten von Amerika orientiert. Bretton Woods, ein kleiner, idyllischer Ort an der Ostküste der USA, steht für eine Neuordnung der Geldpolitik mit dem US Dollar als Ankerwährung.

Das entsprach zu diesem Zeitpunkt der politischen als auch wirtschaftlichen Vormachtstellung der USA. Von 1944 bis 1973 hat dieses Währungssystem in der westlichen Welt für knapp 3 Jahrzehnte ausreichend Stabilität und Wachstum gebracht. Der „Nixon Schock“ im Jahr 1971 hat durch die Loslösung des US Dollar an Gold eine neue Ära eingeläutet und innerhalb von zwei Jahren wurden substantielle Teile des internationalen Währungssystems umgebaut.

Als Spiegelbild der geopolitischen Machtverhältnisse sind Währungen immer nur Regime auf Zeit. So kann es eigentlich im Jahr 2019 nicht verwundern, dass mit einem geschwächten Multilateralismus, einem kontinuierlich aufholenden China und einem eigensinnigen Russland, die uneingeschränkte Vormachtstellung des US-Dollar auch in den Währungssystemen in Frage gestellt wird.

Durch neue Technologien und einen weltweit wachsenden, bilateral gestärktem Handel ist sowohl die Notwendigkeit als auch die wirtschaftliche Vorteilhaftigkeit des US-Dollar als Leitwährung in den Transaktionen verringert. Die Blockchaintechnologie bietet eine kostengünstige, technologisch sichere und global skalier- und nutzbare Alternative für das Transferieren von Wert. Ob dieser Wert aus Muscheln, Münzen oder hypothetischen Verrechnungseinheiten besteht – ist so lange gleichgültig, wie beide Vertragsparteien dieses Tauschmittel akzeptieren.

Internationaler Zahlungsverkehr wurde bis vor wenigen Jahren beinahe ausschließlich über Banken oder Dienstleister wie WesternUnion oder Moneygram gegen hohe Gebühren durchgeführt. Inzwischen gewinnen neue Wettbewerber wie PayPal, WeChat, Revolut oder Blockchainanbieter durch schnellere und günstigere Angebote deutlich Marktanteile. Weil dort immer noch gut verdient werden kann, hat im Sommer dieses Jahres auch Facebook als Anführer eines größtenteils amerikanischem Calibrakonsortium sich ein neues Produkt für diesen Markt überlegt: die Libra Coin. Selbst wenn einzelne Zahlungsdienstleister wie PayPal und Kreditkartenanbieter aus dem Konsortium ausgestiegen sind, ist das Projekt Libra in dieser oder einer abgeänderten Art zu lukrativ und zu entscheidend für die Monetarisierung von Facebook im Vergleich zu der chinesischen Konkurrenz, als dass eine völlige Absage wahrscheinlich ist.

Als ein weiterer Vertreter der Kategorie „Stable Coin“ mit Nutzung der Blockchaintechnologie verspricht Libra beispielsweise Menschen ohne Bankkonto, aber mit Smartphone Zugang zu schnellen und vergleichsweise günstigen Transaktionsgebühren, eine Möglichkeit ähnlich schnell und einfach wie mit WeChat jegliche Zahlungen vorzunehmen.

Währungen sind ein Machtinstrument. Sie sind aber auch ein Geschäftsmodell für Staaten. Von den über 150 nationalstaatlichen Währungen gibt es eine deutliche Führungsgruppe. Ein Dutzend Währungen sind relativ sicher und das breite Vertrauen am Kapitalmarkt und bei den Nutzern ist gegeben. Für den überwältigenden Großteil der nationalstaatlichen Angebote trifft das aber nicht zu. Politisch gewollt oder wirtschaftlich getrieben – Argentinier, Venezulaner, Chinesen, Russen und Inder – viele suchen sich Alternativen zu der eigenen Währung, wenn sie den können. Für gewöhnlich sind die Wechselkurse in US-Dollar für Bargeld und Gold wenig vorteilhaft auf dem Schwarzmarkt und die sichere Aufbewahrung kaum möglich oder teuer bezahlt.

Auf den ersten Blick kann das als Führungskraft in Deutschland für Achselzucken führen. Der Euro scheint weniger sicher als die Deutsche Mark, aber das Exportland Deutschland hat von der Bewertung des Euro auf dem Devisenmarkt profitiert. Euro in US-Dollar zu Tauschen ist kaum mehr mit Kosten behaftet und insofern scheint kein besonders relevantes Kosteneinsparungspotential zu bestehen. Für die berühmten mittelständischen Weltmarktführer in Nischen oder die großen Exportschlager Deutschlands könnten womöglich noch Sparen bei Absicherungsgeschäften für Währungsrisiken, Gebühren im internationalen Zahlungsverkehr, Tauschgebühren zwischen multiplen Währungen oder Zwischenfinanzierungen für die Dauer der Zahlung.

Auf den zweiten Blick kann es in Zeiten von einem erweiterten Verantwortungsverständnis aber auf andere Fragestellungen geben, die relevant sind: was bedeutet es für kleinere Produzenten von beispielsweise Lebensmitteln? Was für Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, die Teile ihres Einkommens an ihre Familien in Heimatländern schicken? Aber auch, welchen Beitrag könnte die deutsche Politik und die deutschen Unternehmer bei der Neuordnung der internationalen Währungspolitik setzen? Wie könnte ein Euro auf der Blockchain dafür eingesetzt werden und die Vorteile der Technologie mit den Stärken einer stabilen Währung international genutzt werden? Was ist mit unserer Kompetenz Normen zu setzen und einen multilateralen Ansatz für eine überdachte Währungs- und Handelspolitik zu entwickeln? Das könnte die Krönung der außenpolitischen Stärke und Kompetenz von Angela Merkel sein und womöglich das größte Friedensprojekt seit Bretton Woods in 1944.