KolumneLiberale - zeigt Demut!

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Freiheit ist nicht trivial

Der amerikanische Rechtswissenschaftler Cass Sunstein hat schon vor längerer Zeit diesen Zusammenhang in seinem Fachaufsatz „Deliberative Trouble? Why Groups go to Extremes“ (2000) beleuchtet. Er spricht von „Enclave deliberation”, was man ein wenig schief als „abgeschottete Beratung” oder als „Enklavendiskurs“ übersetzen kann. Nach Sunstein stellt dies eine potenzielle Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität dar, weil sie eben über den Mechanismus des gegenseitigen Hochgeigens den Extremismus befördert. Zudem sei sie eine Quelle von sozialer Fragmentierung, weil sich die Mitglieder der verschiedenen Debattenzirkel nur noch in deren jeweiliger Scheinwelt bewegten und sich gegenseitig bestätigten, statt sich mit ihrer anders denkenden Außenwelt auseinanderzusetzen und zu arrangieren.

All das trifft auch auf die junge liberale Blogger- und Facebookszene zu. Ebenso wie einst der Stammtisch haben diese Enklaven freilich auch eine befreiende Wirkung und Ventilfunktion. Minderheiten, die sonst nicht gehört, sondern auf schwer erträgliche Weise ausgegrenzt werden, finden hier eine Gegenwelt. Und wenn bestimmte Meinungen tabuisiert werden und somit unter dem Deckel bleiben müssen, besteht die Gefahr, dass der Topf irgendwann explodiert.

Die Zentrifugalkraft des Cyberspace hat also wie alles zwei Seiten. Aber vielleicht kann sich die liberale Enklave von anderen Gruppen dadurch unterscheiden, dass sie sich zunehmend zivilisiert. Das wäre umso wünschenswerter, als viele der komplexen Fragen, die dort verhandelt werden, gar kein radikales Ja oder Nein, Richtig oder Falsch, Schwarz oder Weiß, Daumen hoch oder runter erlauben. Häufig erschließt sich die wahre Natur eines Problems erst in der Nuance und gilt es auch zu seiner liberalen Lösung eine schwierige Balance zu finden, bei der sich die Akzente durchaus unterschiedlich setzen lassen.

Wer ein solches Abwägen dann als Relativismus und als Zeichen einer nicht lupenreinen liberalen Gesinnung abtun zu können glaubt, macht es sich viel zu einfach. Das Ringen um die Freiheit ist nicht trivial, und das liberale Haus ist groß. Es hat für viele Platz – aber es braucht Manieren. Ohne eine gewisse Reife und angemessene Haltung bleiben die Liberalen unter ihren Möglichkeiten. Zum Wesen des Liberalismus gehört eine Haltung der Demut, der intellektuellen wie der menschlichen Offenheit, der Toleranz, des Verzichts auf Übergriffigkeit und des Respekts.

Neugier hilft weiter

Demut und Offenheit sind schon deshalb eine liberale Kerntugend, weil unser aller Wissen begrenzt ist und alle Erkenntnis nur vorläufig, wie wir seit Friedrich August von Hayek und Karl Popper wissen. Wer diese beiden Einsichten teilt und ernst nimmt, muss sein Temperament zügeln. Er sollte sich vor apodiktischen, gesprächsabschneidenden Urteilen hüten, stattdessen die eigene Position immer wieder überprüfen und den eigenen Zweifel pflegen. Das wäre übrigens auch ziemlich sympathisch – bekanntlich sind die Sympathiewerte der Liberalen durchaus verbesserungsfähig.

Mit Demut und Offenheit fällt es auch leicht, sich gegenüber anderen Menschen und Meinungen tolerant zu zeigen – nicht etwa in jenem sauertöpfisch-herablassenden Sinn, dass man den anderen sich zwar äußern lässt, ihn aber stehenden Fußes als wahlweise dumm, unreif, ahnungslos oder fehlgeleitet in die Ecke stellt. Sondern tolerant in dem bejahenden Sinn, dass man abweichende Überlegungen als Anregung und intellektuelle Konkurrenz annimmt und sich voller Neugier auf die zu gewinnenden Einsichten mit ihnen auseinandersetzt. Eine solche Haltung stünde allen Liberalen gut zu Gesicht.